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Gleichstellung : Diese Väter sind „spitze“

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Bild: F.A.Z. - Cyprian Koscielniak

Ein Ingenieur in der Automobilindustrie und ein Heizungsbaumeister sind an diesem Donnerstag als „Spitzenvater 2007“ ausgezeichnet worden: Männer, die im Job zurückstecken, um ihren Frauen eine Berufstätigkeit zu ermöglichen.

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          Der Preis passt mitten in die gesellschaftliche Debatte: Die ostwestfälische Großbäckerei Mestemacher zeichnet an diesem Donnerstag im Dachgartenrestaurant des Berliner Reichstagsgebäudes zwei „Spitzenväter des Jahres“ aus -Männer, die beruflich zurückstecken, um sich der Familie zu widmen und ihren Frauen damit auch eine Karriere zu ermöglichen. Jeweils 5000 Euro erhalten ein Entwicklungsingenieur in Diensten des Autobauers BMW und ein Hamburger Heizungsbaumeister. Unter der Schirmherrschaft der Bundesfamilienministerin würdigt das Unternehmen nicht die Väter allein, sondern besonders „das praktizierte partnerschaftliche Ehe- und Familienmodell“ (siehe dazu Teilzeit-Manager: Zwischen Mumps und Meetings).

          Der Physiker Michael Bauer, 38 Jahre alt, arbeitete seit Ende 2002 als Gruppenleiter, führte vier bis fünf Mitarbeiter. Seine Aufgabe war es, „die Marke BMW in die nächste Generation zu transportieren“, wie er sagt: Wie soll Sicherheits- und Komfortelektronik aussehen, wo wird die Marktposition der Modelle sein? Im Jahr nach der Anstellung in München kam seine Tochter Josefine auf die Welt, sie ist heute vier, dann Florentine, heute ein Jahr alt. Seit August 2006 ist Bauer ganz raus aus dem Job - Elternzeit in Vollzeit. Jetzt, Anfang März, kommt er zurück auf eine halbe Stelle. Die Führungsposition musste er aufgeben. „Ich hätte keine leistungsorientierte Vorbildfunktion mehr hingekriegt“, sagt Bauer. Dafür kann seine 36 Jahre alte Frau Petra wieder durchstarten.

          „Dann bleibe ich eben mal zu Hause“

          Die promovierte Diplom-Biotechnologin ist heute Patentprüferin beim Europäischen Patentamt in München. Bis zum vergangenen August war sie bei Infineon beschäftigt und dort Mitglied eines Forscherteams, das 2004 den Deutschen Zukunftspreis des Bundespräsidenten für Elektrische Biochiptechnologie gewonnen hatte. Als es nach der Geburt ihrer zweiten Tochter um die Neuorientierung der Akademikerin ging, war klar, eine anspruchsvolle Stelle in Teilzeit wäre für sie kaum zu bekommen. „Dann bleibe ich eben mal zu Hause“, bot Michael Bauer an. Er glaubt, die Auszeichnung bringe „noch mal einen Extra-Schub für das ganze Thema Gleichberechtigung, ich bin ja noch immer ein Einzelfall in meinem beruflichen Umfeld“. Bauer nennt es „eine interessante Erfahrung, dass man die klassische Rolle der Frau auch als Mann einnehmen kann. Das macht mich stolz“.

          Michael Bauer: Überrascht, wie manche das traditionelle Rollenbild vor sich hertragen

          Die Frau von Tobias Schüttke, angestellter Sanitär- und Heizungsbaumeister, arbeitete als Layouterin in einer Druckerei als er sie kennenlernte. Doch als der erste Sohn unterwegs war, musste sie aufhören, weil Dämpfe der Farben in ihrem Blut nachgewiesen werden konnten. Doch zu Hause arbeitete sie weiter, nach und nach sogar mehr. „Ein schleichender Prozess“, erinnert sich der 39 Jahre alte Mann heute. Ihre Geschäftsidee: Weil junge Familien in Hamburg-Rissen nicht wissen, was für sie in Altona geboten ist, schuf Yvonne Schüttke eine Internetseite und eine Broschüre. Daraus entstand ein Veranstaltungskalender, der alle zwei Monate in einer Auflage von 70.000 erscheint.

          Sechs Frauen in Teilzeit beschäftigt

          Inzwischen haben die Schüttkes vier Kinder zwischen einem und zehn Jahren. Aus dem Kellerbüro ist ein größeres geworden, Schüttke beschäftigt sechs Frauen in Teilzeit - und gibt einen zweiten Kalender heraus, der sich an die reifere Generation wendet. Das war nur möglich, weil der Handwerksmeister seinen Chef um Flexibilität bat. Der kleine Familienbetrieb, in dem er seit 25 Jahren beschäftigt ist, war dazu schnell bereit. Jetzt arbeitet Schüttke in einer Vier-Tage-Woche und hat außerdem noch ein bisschen Freiheit, was seine Arbeitszeit angeht. So kann er nicht nur die Kinder in die Schule bringen, sondern auch außer der Reihe mal besondere Aufgaben übernehmen. „Es hat sich was geändert, ein paar Frauen können wieder arbeiten. Was das für Kreise zieht“, freut er sich. Dennoch sieht sich Schüttke „nicht als Übervater, sondern als Vertreter einer Minderheit“.

          Professor Ulrike Detmers lobt Schüttke und Bauer, die sie aus mehr als 150 Vorschlägen ausgewählt hat. Sie hätten sich bewusst dafür entschieden, Erziehungsaufgaben zu übernehmen und sich an der Hausarbeit zu beteiligen, betont die Mitgesellschafterin der Unternehmensgruppe, Initiatorin mehrerer Gleichstellungsprojekte und Betriebswirtschaftsdozentin an der Fachhochschule Bielefeld. Beide Väter führten eine egalitäre Ehe, in der beide berufstätig sind und gemeinsam die Kinder erziehen. Partnerschaftliche Lebensweise werde in Deutschland noch zu selten in die Praxis umgesetzt. Das führe häufig dazu, dass Frauen wie Männer befürchten, durch die Geburt eines Kindes überfordert zu werden. „Junge Männer packt nicht selten die Angst davor, die finanzielle Last eines Alleinversorgers nicht schultern zu können, und junge Frauen befürchten nach der Geburt eines Kindes das Ende einer eigenen Karriere, weil in Deutschland noch keine optimale Vereinbarkeit von Familie und Beruf gewährleistet ist.“ Festrednerin Renate Schmidt, Familienministerin der rot-grünen Bundesregierung, glaubt: „Die Männer sind sowohl das Problem als auch die Lösung.“

          Detmers sagt über den Spitzenvater-Preis: „Die Arbeitgeber sollen stärker provoziert werden, mehr für die Gleichstellung zu tun.“ Gleichstellung für Männer wohlgemerkt. Ein neues Rollenmodell soll etabliert werden. Eines für Männer, die aus Verantwortung gegenüber der ähnlich gut ausgebildeten Ehefrau und aus dem Wunsch nach Nähe zum gemeinsamen Nachwuchs ihre Arbeitszeit verringern wollen. Die Vorgesetzten von Bauer und Schüttke hätten dieses Modell aktiv unterstützt.

          „Spitzenväter 2006“ wurden ein Metall-Facharbeiter mit zwei Kindern, dessen Frau während seiner Teilzeitarbeit ihr Steuerberater-Examen gemacht hat, und unter den Akademikern ein im Krankenhaus angestellter Radiologe mit drei Kindern, dessen Frau ihre Karriere als Wirtschaftsprofessorin aufgebaut hat.

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