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Gleichberechtigung : Der gestresste Mann

  • -Aktualisiert am

Viele Männer leugnen, dass sie mit ihrer Arbeit überfordert sind - am häufigsten vor sich selbst. Bild: dpa

Deutschland fördert Frauen mit der Quote und schützt Minderheiten vor Diskriminierung. Aber wer kümmert sich eigentlich um die tatsächlichen Leidtragenden der Arbeitswelt?

          7 Min.

          Darüber zu reden fällt Manuel Gabriel immer noch schwer. Wer ihn schon etwas länger kennt, der weiß, dass der Enddreißiger viele Arztbesuche und Behandlungen hinter sich hat. Doch die Ursachen seines Leidens hat er im Kollegenkreis nie zum Thema gemacht. Er möchte auch heute nicht, dass sein wahrer Name in der Zeitung steht, wenn er von seiner Geschichte erzählt.

          Von frühmorgens bis abends betreute er in einem Internetunternehmen vom Computer aus die internationalen Geschäfte - abends trank er zu viel Alkohol, nachts schlief er zunächst schlecht, später kaum noch. Er versuchte, sich nach Kräften um Frau und Nachwuchs zu kümmern, doch ein schlechtes Gewissen war oft dabei, weil ihm die Zeit fehlte. Die Liste seiner Symptome: Rückenprobleme, Kopfschmerzen, Bluthochdruck, Gewichtszunahme, Magenschmerzen, Sodbrennen. Alles geballt in kurzer Zeit. Da beschloss Gabriel, sein Leben zu ändern.

          Es ist an der Zeit, über den Stress nachzudenken, dem Männer in Deutschland täglich standhalten. Im Brennpunkt von beruflichem Druck und verändertem Rollenbild betreiben viele von ihnen Raubbau an Körper und Seele. Zeit zum Durchatmen haben sie nicht, zumindest ist das ihr Gefühl - und mit etwas Glück spüren sie die Symptome, ehe es zu spät ist. Noch immer, das bestätigen auch Gesundheitsexpertinnen, stehen Männer nicht im Fokus der Prävention. Die Politik hat sich die Stärkung der Frau in der Arbeitswelt zum Ziel gesetzt, die Bundeskanzlerin hat die Einführung der gesetzlichen Frauenquote für Führungspositionen zur Chefinnensache gemacht. Auch das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz schützt so ziemlich alle Akteure in der Arbeitswelt, nur eine Spezies nicht: den gemeinen Mann.

          Misserfolg trifft Männer härter

          Dabei ist er von beruflichem Stress schon statistisch am stärksten betroffen: Arbeiten Männer, so sind sie in Deutschland zu 90 Prozent in Vollzeit aktiv - Frauen nur etwa zur Hälfte. Die Deutsche Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und Ärztliche Psychotherapie formulierte es im September mit Bezug auf Studien so: Männer identifizieren sich stärker mit dem Beruf als Frauen, sind stärker von beruflichem Erfolg und Misserfolg betroffen. 

          Dass ungesunder Stress gravierende Folgen hat, ist bekannt. Fast jeder sechste Krankheitstag hat psychische Ursachen. Laut einer Umfrage der Techniker Krankenkasse ist der Beruf für 52 Prozent der Männer Stressfaktor Nummer eins. Vor allem Männer selbst weichen dem Problem aber aus, solange sie können, hängen noch oft an einem Rollenbild, geprägt von Stärke, Unermüdlichkeit, Erfolg und Versorgerfähigkeit. Oft erwarten Männer von sich mehr, als gesund wäre. Das eigene Verhalten hinterfragen sie nur selten, vor allem nicht im Gespräch mit Kollegen.

          Zum Beispiel in Karlsruhe. Am dortigen Karlsruher Institut für Technologie (KIT) leitet der promovierte Ingenieur Stefan Hey eine Forschungsgruppe, die ein Sensorsystem zur Messung von Stressbelastung und Lebensstil hervorgebracht hat. Die Technik zeichnet über 24 Stunden Kreislaufdaten, Herzratenvariabilität und Bewegungsdaten auf. Inzwischen ist das Produkt marktfähig und soll im betrieblichen Gesundheitsmanagement und bei Job-Coachings genutzt werden.

          Stress wird chronisch unterschätzt

          Hey machte während der Erprobungsphase interessante Beobachtungen. Als die Forscher den Mitarbeitern am KIT 100 kostenlose Tests anboten, meldeten sich überproportional viele Frauen. „Offensichtlich war es kein männliches Thema“, sagt Hey. Noch erstaunlicher: Die Ergebnisse überraschten vor allem die männlichen Teilnehmer. Was die Probanden zuvor als „ganz normale Tage“ beschrieben, wirkte in der Analyse oft ungesund stressig, berichtet Hey. „Im Mittel gab es bei Männern die Tendenz, die eigene Belastung zu unterschätzen.“ Mit den objektiven Daten vor Augen sah es anders aus. Transparente Ergebnisse, Kurven, Tabellen - das überzeugt die Männer, sagt Hey. Manche so sehr, dass sie dem Schlafmangel und Alltagsstress mit mehr Sport entgegenwirken. Über diesen Schluss - mehr Belastung als Ausgleich für Überlastung - muss der Karlsruher Forscher ein wenig schmunzeln.

          Das passt allerdings ins Bild, denn Männer verarbeiten Stress oft anders als Frauen. Wenn es ungesund wird, drohen depressive Erkrankungen. Harald Gündel, Ärztlicher Direktor der Psychosomatischen Medizin und Psychotherapie an der Universitätsklinik Ulm, benennt die oft unerkannten Ausformungen bei Männern: Gereiztheit, innere Unruhe, Schlafstörungen, gesteigerte Risikofreude, gesteigerter Alkohol- und Tabakkonsum sind beispielhafte Symptome beziehungsweise Auswirkungen der „männlichen Depression“.

          Für Stefan Diestel, Dozent an der International School of Management, gehören Stress, Überlastung und Burnout dringend zur akademischen Lehre für angehende Betriebswirte. Diestel konfrontiert die Studierenden mit diesem Thema als Teil des Gesundheitsmanagements. Schließlich kostet es Unternehmen Geld, wenn die Mitarbeiter sich krank arbeiten. Der Arbeits- und Organisationspsychologe hat sich intensiv mit Burnout beschäftigt und spezifisch männliche Reaktionen in verschiedenen Studien festgestellt. Zusammengefasst lauten sie: Im Vergleich zu Frauen haben Männer ein stärkeres Stress- und Burnout-Erleben. Sie fallen, wenn es so weit ist, besonders häufig aus. Sie können sich nicht mehr gut kontrollieren, konzentrieren, erinnern - und verfallen besonders oft in Zynismus.

          Männer neigen häufiger zu Narzissmus

          Unter Berücksichtigung klinischer Studien glaubt Diestel, dass unter Männern häufiger Narzissmus zu finden sei, was die Probleme der Belastung im Berufsleben verschärfe. Auch der Ulmer Professor Gündel weiß von seinen Patienten und aus Interventionen bei Unternehmen, dass Arbeit tatsächlich krank machen kann. Da sind die Männer, die früher alle Aufgaben akribisch abgehakt, zu „100 Prozent erledigt“ haben und heute, als Folge von verdichteter Arbeit, von Stellenabbau und globalisierter Wirtschaft, diese Kontrolle verlieren. Da ist die Schwierigkeit, der eigenen Arbeit Grenzen zu setzen, wenn so viel zu tun ist, dass die gesunde Arbeitszeit nicht reicht und man sich so um Schlaf und Erholung bringt. Und da sind, ebenfalls ein sehr wichtiger Faktor, zwischenmenschliche Konflikte im Berufsleben, mit Vorgesetzten und Kollegen.

          Diese Probleme haben Männer nicht allein, aber: „Männer neigen dazu, sie mit sich allein auszumachen“, beobachtet der Psychosomatiker Gündel, „und am Ende frisst sich die Belastung in den Körper.“ Man muss etwas einschränken: Auf 20 bis 30 Prozent schätzt Gündel die frühzeitig wegen psychischer Beschwerden am Arbeitsplatz ratsuchenden Menschen, die vor allem aufgrund beruflicher Belastungen krank werden. Dazu passt, dass die Techniker Krankenkasse darauf hinweist, dass nicht die Arbeit krank mache, sondern das Zusammenspiel mehrerer Faktoren, zum Beispiel die mangelnde Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Gündel sagt, in den meisten Fällen hätten seine männlichen Patienten neben der Arbeit persönliche Belastungen oder Probleme: pflegebedürftige Angehörige, familiäre Schwierigkeiten, starke Beanspruchung in der Erziehung oder gar Einsamkeit.

          Stress im Beruf sei dann „der letzte Tropfen“, der das Fass zum Überlaufen bringe. Die allermeisten hätten zwar längst körperliche Symptome wahrgenommen, diese aber nie in Verbindung mit seelischer Belastung gesehen, sagt Gündel. Monika Köster verantwortet bei der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung das Thema Männergesundheit. Köster sagt, wolle man Männer mit Prävention erreichen, müsse „die Berufstätigkeit wertschätzend in den Mittelpunkt gestellt werden“. Das Ziel: Männer lernen, wie sie ihre Arbeitsfähigkeit erhalten, wie sie Warnsignale erkennen, „ohne diese zu dramatisieren“, sagt Köster.

          Die Allgemeinheit verleugnet Stress

          Eine Schlüsselrolle kommt dafür dem betrieblichen Gesundheitsmanagement zu. Etwa bei Otto Fuchs, einem Zulieferer für Auto-, Luftfahrt-, Transport-, Maschinenbau- und Bauindustrie. Ein klassischer Männerbetrieb, Frauenquote 8 Prozent. Uwe Kruse leitet die Personalabteilung und versucht, die Führungskräfte konstant auf das Thema Stress aufmerksam zu machen, damit sie ihre Mitarbeiter sensibilisieren. Zugleich nehmen Mitarbeiter aus Schichtgruppen mit besonders hohem Krankenstand an einem Pilotprojekt zur Selbstwahrnehmung teil.

          Weil auch Otto Fuchs im harten internationalen Wettbewerb steht, hat Kruse schon länger das Gefühl, dass Stress ein Problem darstellt. Der firmeneigene „Lenkungskreis Gesundheit“ organisierte gemeinsam mit der zuständigen Berufsgenossenschaft ein Screening. 600 Mitarbeiter über alle Segmente wurden auf ihre Stressoren überprüft. Über das Ergebnis schüttelt Kruse noch immer den Kopf: „schöne heile Welt“, sagt er. Zwar beschrieben Mitarbeiter vereinzelte Belastungen, aber insgesamt verleugnete die Allgemeinheit gefährlichen Stress.

          Kruse wollte das nicht glauben, beispielsweise bei Vertriebskräften, die permanentem Wettbewerbsdruck und Reiserei ausgesetzt sind. Seine These: Mitarbeiter, die über Belastung stöhnen, gefährden das Portemonnaie. „Da macht man lieber weiter wie gehabt und verdient sein gutes Geld.“ Das gelte auch für den Schichtbetrieb: anachronistisch, ungesund - aber beibehalten, weil die Mitarbeiter vernünftig verdienten. „Man könnte die Arbeit deutlich gesünder organisieren, doch es sind eben die Mitarbeiter und ihre Vertreter, die wir davon mühsam überzeugen müssen“, sagt Kruse.

          Wenn die Kontrolllampe leuchtet nicht weiter Gas geben

          Prävention gegen ungesunden Stress mit der Zielgruppe Männer - da gibt es viel zu tun. Harald Gündel aus Ulm hat mit verschiedensten Unternehmen und Behörden zusammengearbeitet. Er weiß, dass Männer zunächst vor allem nüchterne, faktische Informationen benötigen, um über die Folgen nachzudenken. Keine abstrakten Seminare, sondern pragmatische und alltagsnahe Erfahrungen und Aussagen. Spricht etwa ein Betroffener, der Herzprobleme hatte, sei das anschaulich, für den Außenstehenden viel leichter nachvollziehbar und damit effektiv, um Nachdenklichkeit und „eigene Veränderungsmotivation“ zu erzeugen. Außerdem brauchten Männer verständliche Metaphern.

          Etwa so eine: Wer im Auto trotz roter Kontrollleuchte am Armaturenbrett weiter Gas gebe, der wisse ja, dass das nicht lange gutgehe. Das lasse sich auf den eigenen Körper übertragen. Gündel rät zudem Betroffenen zu speziellen präventiven Seminaren, beispielsweise Achtsamkeitstrainings. Mit kontrolliertem Atem und in Ruhe ließen sich so echte Entspannung erfahren und auch vermehrte Resistenz gegen selbstschädigende Überlastung aufbauen. Betroffene, so raten die Experten, sollten nicht einfach alles so machen wie immer, weil man sich eben durchboxt, sondern beeinflussen, was in ihren Möglichkeiten steht. Zum Beispiele auf die Qualität des eigenen Schlafs achten, sagt Stefan Diestel, und nicht kurz vorher noch arbeiten. Auch könne man sich ruhig in Situationen begeben, in denen man mit anderen Männern die eigenen Probleme ansprechen kann.

          Manuel Gabriel hat seinen Weg gefunden, um des Stresses Herr zu werden. Objektiv, sagt er, habe er noch immer so viel um die Ohren. Doch er hat gelernt, auf Distanz zu sich zu gehen, berufliche Dinge nicht überzubewerten, eine Gelassenheit zu entwickeln. Alles eine Frage der Perspektive. Und der Balance: Inzwischen musiziert er wieder, streut Sport in den Alltag ein und lässt dann auch das Handy aus. Das erfordert Disziplin, sagt er, es sei hartes Training - aber es hat ihn dazu befähigt, abends ausgeglichen das Büro zu verlassen und sich auf seine Familie zu freuen.

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