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Gleichberechtigung : Der gestresste Mann

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Die Allgemeinheit verleugnet Stress

Eine Schlüsselrolle kommt dafür dem betrieblichen Gesundheitsmanagement zu. Etwa bei Otto Fuchs, einem Zulieferer für Auto-, Luftfahrt-, Transport-, Maschinenbau- und Bauindustrie. Ein klassischer Männerbetrieb, Frauenquote 8 Prozent. Uwe Kruse leitet die Personalabteilung und versucht, die Führungskräfte konstant auf das Thema Stress aufmerksam zu machen, damit sie ihre Mitarbeiter sensibilisieren. Zugleich nehmen Mitarbeiter aus Schichtgruppen mit besonders hohem Krankenstand an einem Pilotprojekt zur Selbstwahrnehmung teil.

Weil auch Otto Fuchs im harten internationalen Wettbewerb steht, hat Kruse schon länger das Gefühl, dass Stress ein Problem darstellt. Der firmeneigene „Lenkungskreis Gesundheit“ organisierte gemeinsam mit der zuständigen Berufsgenossenschaft ein Screening. 600 Mitarbeiter über alle Segmente wurden auf ihre Stressoren überprüft. Über das Ergebnis schüttelt Kruse noch immer den Kopf: „schöne heile Welt“, sagt er. Zwar beschrieben Mitarbeiter vereinzelte Belastungen, aber insgesamt verleugnete die Allgemeinheit gefährlichen Stress.

Kruse wollte das nicht glauben, beispielsweise bei Vertriebskräften, die permanentem Wettbewerbsdruck und Reiserei ausgesetzt sind. Seine These: Mitarbeiter, die über Belastung stöhnen, gefährden das Portemonnaie. „Da macht man lieber weiter wie gehabt und verdient sein gutes Geld.“ Das gelte auch für den Schichtbetrieb: anachronistisch, ungesund - aber beibehalten, weil die Mitarbeiter vernünftig verdienten. „Man könnte die Arbeit deutlich gesünder organisieren, doch es sind eben die Mitarbeiter und ihre Vertreter, die wir davon mühsam überzeugen müssen“, sagt Kruse.

Wenn die Kontrolllampe leuchtet nicht weiter Gas geben

Prävention gegen ungesunden Stress mit der Zielgruppe Männer - da gibt es viel zu tun. Harald Gündel aus Ulm hat mit verschiedensten Unternehmen und Behörden zusammengearbeitet. Er weiß, dass Männer zunächst vor allem nüchterne, faktische Informationen benötigen, um über die Folgen nachzudenken. Keine abstrakten Seminare, sondern pragmatische und alltagsnahe Erfahrungen und Aussagen. Spricht etwa ein Betroffener, der Herzprobleme hatte, sei das anschaulich, für den Außenstehenden viel leichter nachvollziehbar und damit effektiv, um Nachdenklichkeit und „eigene Veränderungsmotivation“ zu erzeugen. Außerdem brauchten Männer verständliche Metaphern.

Etwa so eine: Wer im Auto trotz roter Kontrollleuchte am Armaturenbrett weiter Gas gebe, der wisse ja, dass das nicht lange gutgehe. Das lasse sich auf den eigenen Körper übertragen. Gündel rät zudem Betroffenen zu speziellen präventiven Seminaren, beispielsweise Achtsamkeitstrainings. Mit kontrolliertem Atem und in Ruhe ließen sich so echte Entspannung erfahren und auch vermehrte Resistenz gegen selbstschädigende Überlastung aufbauen. Betroffene, so raten die Experten, sollten nicht einfach alles so machen wie immer, weil man sich eben durchboxt, sondern beeinflussen, was in ihren Möglichkeiten steht. Zum Beispiele auf die Qualität des eigenen Schlafs achten, sagt Stefan Diestel, und nicht kurz vorher noch arbeiten. Auch könne man sich ruhig in Situationen begeben, in denen man mit anderen Männern die eigenen Probleme ansprechen kann.

Manuel Gabriel hat seinen Weg gefunden, um des Stresses Herr zu werden. Objektiv, sagt er, habe er noch immer so viel um die Ohren. Doch er hat gelernt, auf Distanz zu sich zu gehen, berufliche Dinge nicht überzubewerten, eine Gelassenheit zu entwickeln. Alles eine Frage der Perspektive. Und der Balance: Inzwischen musiziert er wieder, streut Sport in den Alltag ein und lässt dann auch das Handy aus. Das erfordert Disziplin, sagt er, es sei hartes Training - aber es hat ihn dazu befähigt, abends ausgeglichen das Büro zu verlassen und sich auf seine Familie zu freuen.

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