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Gleichberechtigung : Der gestresste Mann

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Das passt allerdings ins Bild, denn Männer verarbeiten Stress oft anders als Frauen. Wenn es ungesund wird, drohen depressive Erkrankungen. Harald Gündel, Ärztlicher Direktor der Psychosomatischen Medizin und Psychotherapie an der Universitätsklinik Ulm, benennt die oft unerkannten Ausformungen bei Männern: Gereiztheit, innere Unruhe, Schlafstörungen, gesteigerte Risikofreude, gesteigerter Alkohol- und Tabakkonsum sind beispielhafte Symptome beziehungsweise Auswirkungen der „männlichen Depression“.

Für Stefan Diestel, Dozent an der International School of Management, gehören Stress, Überlastung und Burnout dringend zur akademischen Lehre für angehende Betriebswirte. Diestel konfrontiert die Studierenden mit diesem Thema als Teil des Gesundheitsmanagements. Schließlich kostet es Unternehmen Geld, wenn die Mitarbeiter sich krank arbeiten. Der Arbeits- und Organisationspsychologe hat sich intensiv mit Burnout beschäftigt und spezifisch männliche Reaktionen in verschiedenen Studien festgestellt. Zusammengefasst lauten sie: Im Vergleich zu Frauen haben Männer ein stärkeres Stress- und Burnout-Erleben. Sie fallen, wenn es so weit ist, besonders häufig aus. Sie können sich nicht mehr gut kontrollieren, konzentrieren, erinnern - und verfallen besonders oft in Zynismus.

Männer neigen häufiger zu Narzissmus

Unter Berücksichtigung klinischer Studien glaubt Diestel, dass unter Männern häufiger Narzissmus zu finden sei, was die Probleme der Belastung im Berufsleben verschärfe. Auch der Ulmer Professor Gündel weiß von seinen Patienten und aus Interventionen bei Unternehmen, dass Arbeit tatsächlich krank machen kann. Da sind die Männer, die früher alle Aufgaben akribisch abgehakt, zu „100 Prozent erledigt“ haben und heute, als Folge von verdichteter Arbeit, von Stellenabbau und globalisierter Wirtschaft, diese Kontrolle verlieren. Da ist die Schwierigkeit, der eigenen Arbeit Grenzen zu setzen, wenn so viel zu tun ist, dass die gesunde Arbeitszeit nicht reicht und man sich so um Schlaf und Erholung bringt. Und da sind, ebenfalls ein sehr wichtiger Faktor, zwischenmenschliche Konflikte im Berufsleben, mit Vorgesetzten und Kollegen.

Diese Probleme haben Männer nicht allein, aber: „Männer neigen dazu, sie mit sich allein auszumachen“, beobachtet der Psychosomatiker Gündel, „und am Ende frisst sich die Belastung in den Körper.“ Man muss etwas einschränken: Auf 20 bis 30 Prozent schätzt Gündel die frühzeitig wegen psychischer Beschwerden am Arbeitsplatz ratsuchenden Menschen, die vor allem aufgrund beruflicher Belastungen krank werden. Dazu passt, dass die Techniker Krankenkasse darauf hinweist, dass nicht die Arbeit krank mache, sondern das Zusammenspiel mehrerer Faktoren, zum Beispiel die mangelnde Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Gündel sagt, in den meisten Fällen hätten seine männlichen Patienten neben der Arbeit persönliche Belastungen oder Probleme: pflegebedürftige Angehörige, familiäre Schwierigkeiten, starke Beanspruchung in der Erziehung oder gar Einsamkeit.

Stress im Beruf sei dann „der letzte Tropfen“, der das Fass zum Überlaufen bringe. Die allermeisten hätten zwar längst körperliche Symptome wahrgenommen, diese aber nie in Verbindung mit seelischer Belastung gesehen, sagt Gündel. Monika Köster verantwortet bei der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung das Thema Männergesundheit. Köster sagt, wolle man Männer mit Prävention erreichen, müsse „die Berufstätigkeit wertschätzend in den Mittelpunkt gestellt werden“. Das Ziel: Männer lernen, wie sie ihre Arbeitsfähigkeit erhalten, wie sie Warnsignale erkennen, „ohne diese zu dramatisieren“, sagt Köster.

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