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Gleichberechtigung in der Gewerkschaft : Ein 40 Jahre langer Marsch durch die Institutionen

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Bild: F.A.Z.

Allem Gerede von Gleichberechtigung zum Trotz - gerade in den Gewerkschaften gelangen Frauen nur selten in höchste Führungsämter. Nur zweimal stand bisher eine Frau an der Spitze einer DGB-Gewerkschaft.

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          Allem Gerede von Gleichberechtigung zum Trotz - gerade in den Gewerkschaften gelangen Frauen nur selten in höchste Führungsämter. Lediglich auf nachgeordneten Ebenen und als Delegierte für Gewerkschaftstage sind sie inzwischen entsprechend ihrem Anteil an den Mitgliedern vertreten. Das geht aus einer Untersuchung hervor, die der Bonner Gewerkschaftsforscher Wolfgang Pege jetzt vorgelegt hat.

          Was ihr vornehmstes Recht - die Teilhabe an Entscheidungsprozessen - angeht, so hat der Marsch der Frauen durch die gewerkschaftlichen Institutionen mehr als vier Jahrzehnte gedauert, bis er von Erfolg gekrönt wurde. Erst auf dem 17. und 18. Bundeskongress des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) in den Jahren 2002 und 2006 stellten die Frauen mit 34,4 und 34,0 Prozent erstmals mehr Delegierte, als es ihrem Anteil an allen Mitgliedern (31,7 und 31,8 Prozent) entsprach. Auf dem ersten DGB-Bundeskongress 1949 waren dagegen nur 2,9 Prozent der Delegierten Frauen, obschon diese damals 15,9 Prozent aller Mitglieder stellten.

          Nur zweimal stand bisher eine Frau an der Spitze einer DGB-Gewerkschaft: Monika Wulf-Mathies führte die damalige Gewerkschaft Öffentliche Dienste, Transport und Verkehr (ÖTV), bevor sie von Herbert Mai abgelöst wurde. Margret Mönig-Raane stand an der Spitze der Gewerkschaft Handel, Banken und Versicherungen (HBV), musste aber nach dem Zusammenschluss zu Verdi Mais Nachfolger Frank Bsirske den Vorsitz der neuen Supergewerkschaft überlassen und sich mit dem Posten der Vizechefin zufriedengeben - womit, wie Pege schreibt, "in der gewerkschaftlichen Frauenpolitik zweifelsohne eine historische Chance vertan worden ist".

          Noch nie eine Frau an der Spitze des Dachverbandes

          An der Spitze des Dachverbandes DGB stand noch nie eine Frau; lediglich das Amt der stellvertretenden Vorsitzenden war häufig mit weiblichem Führungspersonal besetzt: 1956 zog das CDU-Mitglied Maria Weber in den geschäftsführenden DGB-Bundesvorstand ein, 1990 war es das SPD-Vorstandsmitglied Ursula Engelen-Kefer, die zeitweise sogar als DGB-Chefin gehandelt wurde, doch 2006 nach einer Kampfabstimmung der neuen Nummer zwei Ingrid Sehrbrock (CDU) weichen musste.

          Während der DGB im geschäftsführenden Bundesvorstand immerhin auf eine Frauenquote von 40 Prozent kommt - in dem fünf Mitglieder zählenden Gremium ist neben Sehrbrock die ehemalige Grünen-Politikerin Annelie Buntenbach vertreten -, liegt der Anteil weiblicher Führungskräfte auf Landesebene nur noch bei 27,8 Prozent. Nicht eine einzige Frau sei Vorsitzende einer der neun Landesbezirke des DGB, rügt Pege. Was die acht Einzelgewerkschaften des DGB angeht, so spiegelt sich lediglich in der IG Metall die Frauenquote im geschäftsführenden Bundesvorstand wider: 18,2 Prozent der Gewerkschaftsmitglieder und 28,6 Prozent des obersten Führungspersonals sind weiblich. Schlecht schneidet dagegen Verdi ab. Hier ist jedes zweite Mitglied weiblich, aber nur jede dritte Vorstandsposition mit einer Frau besetzt.

          In den Betriebsräten mehr Einfluss

          In den Betriebsräten haben die Frauen ihren Einfluss zuletzt deutlich ausgebaut. Der Anteil weiblicher Betriebsratsmitglieder ist seit 1990 kontinuierlich von 18,9 auf 31,4 Prozent gestiegen. Diese Entwicklung wurde allerdings durch die erstmals für die Wahlen von 2002 vorgeschriebene Frauenquote begünstigt. Der Anteil der weiblichen Betriebsratschefs wuchs seit 1990 ähnlich stark von 10,5 auf 19,7 Prozent.

          Die größten "Frauen"-Gewerkschaften sind die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) mit einem Frauenanteil von 68,7 Prozent, die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi (49,7) und die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (39,7 Prozent). Den niedrigsten Frauenanteil weisen die IG Bauen-Agrar-Umwelt mit 15,6 und die IG Metall mit 18,2 Prozent auf (Stand jeweils 2005).

          Insgesamt haben die Gewerkschaften nach dem Krieg wachsenden Zulauf von Frauen erhalten. Die Zahl der Mitglieder des DGB, der Deutschen Angestellten-Gewerkschaft, des Christlichen Gewerkschaftsbundes und des Marburger Bundes hat sich zwischen 1950 und 2005 von knapp 950 000 auf 2,7 Millionen fast verdreifacht, der Anteil der weiblichen Mitglieder - kontinuierliche Zahlen seit 1950 gibt Pege hier nur für den DGB an - von 15,9 auf 31,8 Prozent mehr als verdoppelt. Den höchsten Frauenanteil weist die Ärztegewerkschaft Marburger Bund auf; hier war 2005 fast jedes zweite Mitglied (46 Prozent) weiblich.

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