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Gastbeitrag : Frauen, versteckt euch!

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Es gibt nicht die gleichen Chancen für alle

Was also ist zu tun? Wenn wir solche Erkenntnisse ignorieren, haben wir eindeutig ein Problem. Wir nutzen unseren Talentpool nicht zu 100 Prozent, und wir bringen auch nicht die richtigen Leute in die richtigen Jobs und Positionen. Aber natürlich reicht das Problem tiefer. Die meisten Gesellschaften weltweit glauben voller Stolz, dass sie gleiche Chancen für alle bieten. Doch eine Fülle von Daten aus jahrzehntelanger Forschung belegt, dass das nicht der Fall ist. Das ist die schlechte Nachricht.

Die gute Nachricht ist, dass wir einiges tun können, und zwar in kurzer Zeit. Wir können nicht jeden Aspekt der Chancenungleichheit korrigieren, aber bei vielen können wir Abhilfe schaffen.

Sicher gibt es Menschen, die Frauen absichtlich diskriminieren; manche begehen entsetzliche Verbrechen, und manche behandeln Frauen absichtlich ungleich am Arbeitsplatz. Sie werden wahrscheinlich weitermachen, solange der Nutzen höher ist als die Kosten. Sie haben eine „Diskriminierungsneigung“, wie Gary Becker, 1992 Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften, das genannt hat. Viele Gesellschaften haben beschlossen, dass es für Menschen teuer sein soll, ihrer Diskriminierungsneigung nachzugeben. Es gibt auch empirische Belege, die Beckers Theorie stützen, dass Wettbewerb helfen kann. So stellen Unternehmen beispielsweise in wettbewerbsintensiven Umgebungen mehr Frauen ein als dort, wo sie vor Wettbewerb geschützt sind. Wenn ein Unternehmen es sich leisten kann, hochqualifizierte, aber ansonsten unerwünschte Angestellte, in diesem Fall Frauen, zu diskriminieren, dann tun es viele.

Mit dem Kopf gegen die Wand

Leider ist vollständiger Wettbewerb selten, und es wird nicht reichen, sich darauf zu verlassen, um Diskriminierungsneigungen zu eliminieren. Andere Peitschen werden weiterhin wichtig bleiben, einschließlich Gesetzen, die gleiche Rechte für alle festschreiben und die Menschen vor Diskriminierung und Ausbeutung schützen, und Abschreckungsmaßnahmen, damit die Kosten für alle, die sich diskriminierend verhalten, höher sind als ihre Vorteile.

Weil bei jeder Maßnahme viel auf dem Spiel steht, möchte ich es hier ganz klar sagen: Keineswegs alle Formen der Ungleichheit zwischen Männern und Frauen sind das Ergebnis unbewusster Voreingenommenheit; sie ist nur einer von vielen Schuldigen, die zu Unrecht einige Menschen benachteiligen und anderen einen Vorteil verschaffen. Und Interventionen auf der Grundlage von Erkenntnissen der Verhaltensforschung sind nur ein Instrument in unserem kollektiven Werkzeugkasten, um solche Ungerechtigkeiten zu korrigieren. Voreingenommenheit ist jedoch eine eindeutige Ursache von Ungleichheit, und Verhaltensdesign kann Dinge bewirken, die mit der Peitsche nicht gelingen. Frauen sollten nicht zwischen Kompetenz und Beliebtheit wählen müssen, und Organisationen wie auch die Gesellschaft sollten nicht auf die größten Talente verzichten müssen.

Heidi Roizen sagte in einem Interview, nachdem die Fallstudie, zu der sie inspiriert hatte, Aufsehen erregt hatte: „Sicher kam es vor, dass ich mich in einem Raum oder in einer Situation nicht gerade willkommen gefühlt habe. Ich glaube nicht, dass es sehr effektiv ist, mit dem Kopf gegen solche Wände anzurennen. Ich denke, das habe ich ziemlich schnell gelernt.“

Niemand sollte jemals mit dem Kopf gegen eine Wand anrennen müssen. Fangen wir an, die Wände anders zu gestalten.

Die Autorin

Iris Bohnet lehrt Ökonomie in Harvard. Der Text ist ein Vorabdruck aus ihrem neuen Buch, das kommende Woche erscheint: What Works. Wie Verhaltensdesign die Gleichstellung revolutionieren kann. C.H. Beck Verlag, 381 Seiten, 26,95 Euro.

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