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Gastbeitrag : Frauen, versteckt euch!

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Die verzerrte Wahrnehmung, ob eine Person passt oder nicht, hat Auswirkungen. Nicht gemocht zu werden ist nicht nur äußerst unangenehm, sondern kann auch verletzen und die eigene Karriere behindern. Mütter sind davon womöglich noch stärker betroffen als Frauen ohne Kinder. Viele Belege sprechen dafür, dass stereotype Vorstellungen von Wärme Müttern auf dem Arbeitsmarkt schaden. Unsympathische Personen bekommen schlechtere Bewertungen und werden für Gehaltserhöhungen und Beförderungen seltener in Erwägung gezogen als ihre sympathischeren Kollegen. Das scheint für Männer und Frauen gleichermaßen zu gelten. Aber während Kollegen jede Menge Gründe – von Unehrlichkeit bis zu Arroganz – haben, jemanden nicht zu mögen, „ist es nur bei Frauen, nicht bei Männern ein Grund, sie nicht zu mögen, weil sie Erfolg in einer nicht traditionellen Tätigkeit haben“. Dieses Zitat von Madeline Heilman, einer führenden Expertin auf diesem Gebiet, kann man noch direkter formulieren. Wegen unserer Voreingenommenheiten neigen wir dazu, auf erfolgreiche Frauen so ähnlich zu reagieren wie auf unehrliche Männer: Wir mögen sie nicht, und wir wollen nicht für sie arbeiten.

Viele weitere Feldexperimente wurden durchgeführt, in denen Kandidatinnen und Kandidaten mit gleicher Qualifikation für die gleiche Tätigkeit ausgewählt wurden, und immer wieder fand man Verzerrungseffekte, die die Ergebnisse beeinflussten. Ob es um Bewerbungen als Kellner oder Kellnerin in den Vereinigten Staaten ging oder um Buchhalter, Ingenieurinnen, Programmierer oder Sekretärinnen im Vereinigten Königreich oder um Finanzanalysten oder ­-analystinnen in Frankreich: Diskriminierung aufgrund des Geschlechts spielte immer eine Rolle. Eine zusammenfassende Darstellung der Ergebnisse kommt zum Schluss, dass Frauen wie Männer in Jobs diskriminiert werden, die mit dem jeweils anderen Geschlecht assoziiert oder von ihm dominiert werden. Männer erlebten Diskriminierung, wenn sie sich als Sekretäre bewarben, und Frauen, wenn sie Stellen für Ingenieurinnen suchten.

Voreingenommenheit nur in den Köpfen

Ziehen wir Bilanz: Bei Führungspositionen ist die Kluft zwischen Männern und Frauen eine Realität; der Zusammenhang mit Beförderungen ist eine Realität; und der Beförderungsnachteil von Frauen hat viel mit den gängigen stereotypen Einstellungen zu tun. Diese Dynamik wurde in unterschiedlichen Kontexten und Ländern nachgewiesen. Die Stereotype über „Führungsfähigkeiten“ – oder deren Mangel – basieren kaum auf Evidenz. Es gibt einfach nicht genug Frauen in Führungspositionen, um zuverlässige Schlüsse ziehen zu können.

Interessant ist immerhin das Ergebnis einer großen Untersuchung aus dem Jahr 2011: Wenn Angestellte, die theoretisch männliche Führungspersonen bevorzugen, mit weiblichen Führungspersonen zu tun hatten, gaben sie ihnen keine schlechteren Bewertungen. Die Voreingenommenheit gegen Frauen im höheren Management existiert nur in unseren Köpfen.

Manchmal stützen wir uns bewusst auf Gruppenmerkmale, wenn wir über einzelne Personen urteilen. Diese Urteile haben reale Konsequenzen – nicht weniger real als die Konsequenzen unbewusster Verzerrungen. Der Arbeitsmarkt zum Beispiel bestraft Frauen, aber belohnt Männer, wenn sie Kinder haben. Die Gehaltsstrafe für Kinder bei Frauen ist eine genauso bekannte statistische Tatsache wie die Gehaltsprämie für Kinder bei Männern. Zum Teil hängt das mit statistischer Diskriminierung zusammen, weil die Arbeitgeber erwarten, dass Mütter eher als Väter ihre Arbeitszeit reduzieren oder vielleicht sogar ganz aufhören zu arbeiten. Ihre Einschätzung stimmt. An den Universitäten beispielsweise ist die große Mehrheit der Fakultätsmitglieder, die Elternurlaub nehmen, weiblich.

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