https://www.faz.net/-gyl-7wcin

Mindestlohn : Für die Kanzlerin erklärt

Für viele Politiker ist es eine undurchsichtige Sache, warum der erst noch in Kraft tretende Mindestlohn bereits an der Konjunkturflaute schuld sein soll. Bild: dpa

Angela Merkel hält es für „nicht ganz trivial zu verstehen“, wie die erst am 1. Januar 2015 in Kraft tretende Lohnuntergrenze heute schon die Wirtschaft beeinflussen könne. Dieses Unverständnis ist naiv.

          2 Min.

          Politik und Wirtschaftswissenschaft haben derzeit ein Verständnisproblem. In der vergangenen Woche übergaben die „Wirtschaftsweisen“ der Bundesregierung ihr Gutachten zur gesamtwirtschaftlichen Entwicklung. Darin wiesen sie auch darauf hin, dass der gesetzliche Mindestlohn für die aktuelle Konjunkturflaute mitverantwortlich sein könne.

          Sven Astheimer

          Verantwortlicher Redakteur für die Unternehmensberichterstattung.

          Bundeskanzlerin Angela Merkel erwiderte darauf, dass es „nicht ganz trivial zu verstehen“ sei, wie die erst am 1. Januar 2015 in Kraft tretende Lohnuntergrenze von 8,50 Euro je Stunde heute schon das Wirtschaftsgeschehen beeinflussen könne. Damit brachte die CDU-Politikerin auf den Punkt, was großkoalitionäre Politiker seit Wochen zum Thema von sich geben.

          Diese Auffassung lässt wiederum vielen Ökonomen die Haare zu Berge stehen. „Es ist unfassbar naiv zu glauben, dass Unternehmer am 1. Januar aufwachen und aus heiterem Himmel feststellen, dass sie ihren Arbeitskräften nun 8,50 Euro zahlen müssen“, findet etwa Niklas Potrafke vom Münchner Ifo-Institut.

          Logik der Ökonomie

          Die Professorenzunft erkennt seitens der Politik einen grundlegenden Mangel an ökonomischem Grundverständnis. Der Erfolg eines Unternehmers beruhe schließlich entscheidend auf seiner Fähigkeit, (Markt-)Entwicklungen vorherzusehen und entsprechend zu handeln. Eine solche Verhaltensänderung ist leicht nachvollziehbar: Wer weiß, dass morgen die Flut kommt, kauft sich heute ein Boot oder macht die Schotten dicht.

          Unser Schaubild zeigt die einzelnen Schritte im Falle von Mindestlohn und Konjunktur. Es beginnt mit dem Beschluss zur Einführung des Mindestlohns im Sommer (1), wobei viele diesen Schritt schon bei der Bildung der großen Koalition geahnt haben dürften.

          Nun rechnet ein Unternehmer also nach, ob und wenn ja, wie stark dadurch seine Personalkosten steigen werden (2). Wobei nicht nur Beschäftigte betroffen sind, die bislang weniger als 8,50 Euro verdienen. Denn die Untergrenze dürfte das gesamte Lohngefüge nach oben verschieben. Der Unternehmer muss sich nun über die Folgen Gedanken machen (3). Entweder, er akzeptiert sinkende Gewinne, oder er versucht, den Anstieg auf die Kunden überzuwälzen. Alternativ kann er seinen internen Kostenmix verändern: weniger investieren, sich von Mitarbeitern trennen, weniger neue Stellen ausschreiben, weniger Rücklagen bilden.

          Daraus ergeben sich negative Effekte für die Konjunktur und den Arbeitsmarkt. Der Unternehmer kann aber auch überlegen, Arbeit durch Kapital zu ersetzen, sprich Mitarbeiter durch Maschinen. Damit würde die Konjunktur zumindest im Maschinenbau angekurbelt werden. Auch können höhere Tarifabschlüsse im Vorgriff auf den Mindestlohn den Konsum beflügeln. Die Effekte können also in beide Richtungen gehen und sich überlagern, sie können kurzfristiger oder eher langfristiger Natur sein. Das mag nicht trivial sein, aber es folgt einer ökonomischen Logik.

          Weitere Themen

          Chancenverwertung

          TV-Kritik: „Anne Will“ : Chancenverwertung

          Welche Konsequenzen bringt der SPD-Parteitag für die „Groko“? Ob diese Regierung zusammen bleibt, wussten die Zuschauer auch nach dieser Sendung nicht. Aber sie bekamen einen Eindruck von den Schwierigkeiten, den der Generationenwechsel mit sich bringt.

          Topmeldungen

           Die durchschnittliche Spendensumme für Bernie Sanders liegt bei 18,07 Dollar.

          Unsummen im Wahlkampf : Das weiße Haus des Geldes

          Wer keine Fernsehspots kaufen kann, hat das Nachsehen beim Kampf um die Aufmerksamkeit der demokratischen Wähler. Die Konkurrenz der Milliardäre macht es noch schwerer – aber manche Kandidaten sind davon unbeeindruckt.

          Nach dem Sieg in Mainz : Darum funktioniert der BVB plötzlich

          Gab es mal Zweifel um Trainer Lucien Favre beim BVB? Plötzlich hat der Trainer nach dem Sieg in Mainz einen Rekord gebrochen. Aber reicht das für einen Gegner wie Leipzig am Dienstag? Nordenglische Klubs will Manager Zorc jedenfalls lieber meiden.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.