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Geschlechtergerechtigkeit : Mädchen lernen besser, Jungen steigen auf

Mädchen beschriften Transparente in der Schule Bild: dpa

Mädchen sind in der Schule deutlich besser als Jungen. Dadurch kommen sie auch im Berufsleben voran. Doch in den Führungsetagen werden Männer ihre Vorherrschaft so bald nicht abgeben.

          5 Min.

          Johanna ist froh, keine Jungs mehr in der Klasse zu haben. Die Zwölfjährige, die die sechste Klasse einer Mädchenschule besucht, hatte am Ende der Grundschulzeit genug von ihren männlichen Klassenkameraden. Die hätten ständig gestört, sich kaum am Unterricht beteiligt und die Mädchen vom Lernen abgehalten. Dass sie jetzt fast nur noch lernbegierige Geschlechtsgenossinnen um sich hat, findet sie nicht anstrengend, sondern gut. Außerdem könne sie nun in den Pausen Fußball spielen. „In der Grundschule haben uns die Jungs nie mitmachen lassen.“

          Lisa Becker

          Redakteurin in der Wirtschaft

          Mädchen, die gut in der Schule zurechtkommen, Jungen, die sich schwertun – wenn sich Eltern über die Leistungen ihrer Kinder austauschen, dann ergibt sich oft dieses zweigeteilte Bild. Die Mädchen-Eltern mögen dann zwar beklagen, dass ihre Töchter ein straffes Programm durchziehen müssen – fügen dann aber meistens hinzu, dass diese das gut hinbekämen. Bei den Jungen-Eltern herrscht nicht selten Krisenstimmung. Er lerne nur unter Druck, könne nicht organisieren, und die Noten seien schlecht, lautet ein gängiges Klagelied.

          In der Schule haben die Mädchen die Jungen längst überholt

          Dass dies keine Einzelerfahrungen sind, belegen Statistiken, die viele Forscher mit Blick auf die Jungen Alarm schlagen lassen: Jungen haben schlechtere Noten, bleiben öfter sitzen und haben am Ende der Schullaufbahn niedrigere Abschlüsse in der Tasche. Waren Mädchen vor fünfzig Jahren an den Gymnasien noch deutlich unterrepräsentiert, so sind sie heute überrepräsentiert. Dagegen ist der Anteil der männlichen Schüler, der die Hauptschule besucht, gestiegen.

          Außerdem zeigen Ergebnisse aus Leistungstests, dass gegen Ende der Sekundarschulzeit die Mädchen deutlich besser lesen können als die Jungen. Mit dem oft behaupteten Vorsprung der Jungen in Mathematik und Naturwissenschaften ist es hingegen nicht weit her: Ihre Fähigkeiten sind, je nach Test, nur geringfügig höher oder nicht vorhanden.

          2008 waren mit 52,2 Prozent mehr Frauen als Männer an deutschen Universiäten eingeschrieben

          Was ist da von der Bemerkung von Larry Summers zu halten, der, noch als Direktor der Elitehochschule Harvard, mutmaßte, Frauen seien in den Naturwissenschaften aus genetischen Gründen unterrepräsentiert? „Es gibt keine empirischen Belege dafür, dass Mädchen für diese Fächer eine geringere Begabung aufweisen als Jungen“, sagt Psychologie-Professorin Ursula Kessels von der Universität Köln. Vielmehr sei es so, dass sich Mädchen in diesen Fächern zu wenig zutrauten und auch weniger Interesse daran äußerten. „Ihre mathematischen Fähigkeiten unterschätzen sie deutlich.“

          Den Unterschied machen die Interessen

          Der große Einfluss kultureller und sozialer Faktoren ist hingegen belegt. So ist der Leistungsunterschied zwischen Mädchen und Jungen in Mathematik in den vergangenen Jahrzehnten immer weiter geschrumpft. „Mädchen und Jungen sind massiv sozialisiert“, sagt Volker Ladenthin von der Universität Bonn. „Die Unterschiede innerhalb einer Geschlechtergruppe sind genauso groß wie zwischen den Geschlechtern“, erklärt der Pädagogikprofessor und fügt hinzu: „Bei einer kulturneutralen Erziehung wären die Unterschiede nicht signifikant.“

          Es gebe aber eine starke gesellschaftliche Erwartungshaltung, die man freilich in nur einer Generation nicht ändern könne. „In der Erziehung sollten wir einen Weg finden, auf dem Jungen und Mädchen ihre individuellen Möglichkeiten entfalten können, sich aber gleichzeitig in ihren gesellschaftlichen Rollen zurechtfinden“, rät Ladenthin.

          Er empfiehlt einen Unterricht, der die unterschiedlichen Lernvoraussetzungen von Mädchen und Jungen berücksichtigt. Die Lernziele seien aber dieselben. „Eine weibliche Physik gibt es nicht.“ Zum Beispiel sei die Lust von männlichen Fünftklässlern am Erzählen gering, während ihre Mitschülerinnen ungern Berichte schrieben. Hier müsse man ergänzen, was jeweils zu kurz komme. So könne das Interesse der Jungen am Erzählen durch Abenteuergeschichten geweckt werden.

          Eine Maßnahme zur Förderung von Mädchen ist das Unterrichten in Mädchenklassen. Diese böten ihnen einen „geschützten Raum zur Entwicklung“ und befreiten sie von Geschlechterrollen, sagt Ladenthin. Sie trainierten sozusagen in der Schulzeit ihre Muskeln und könnten sich dann gut in der Berufswelt durchsetzen. „Studien zeigen, dass Absolventinnen von reinen Mädchenschulen im Berufsleben stärker in Männerdomänen vordringen als ihre Mitschülerinnen aus der Koedukation.“

          Doch was ist mit den Jungen?

          Um die macht sich Gerald Hüther Sorgen. Der Göttinger Neurobiologe und Lernforscher kann nicht erkennen, dass Jungen in der Schule das finden können, was sie für eine gute Entwicklung brauchen. Sie seien im Durchschnitt extrovertierter und suchten noch stärker als Mädchen nach Anerkennung und Bedeutung. „Doch Hausaufgaben in der Schule sind keine Aufgaben, an denen Jungen wachsen können.“ Solche Aufgaben seien in der Schule aber schwer zu finden.

          „Bedeutungsvoll wird Gelerntes für die Jungen eher außerhalb der Schule, im realen Leben“, sagt Hüther und fordert, dass sich Schulen mehr öffnen, damit die Schüler in die Natur und in die Praxis gehen könnten. Mädchen orientierten sich hingegen weniger stark als Jungen am Außen. „Sie können eher nur um der Noten willen lernen, haben Spaß an Beziehung und sich selbst“, erklärt Hüther.

          Jungs suchen nach starken Vorbildern

          Die starke Außenorientierung der Jungen kommt nach Hüther daher, dass sie biologisch gesehen das schwache Geschlecht sind. „Wegen des fehlenden zweiten X-Chromosoms.“ Das Y-Chromosom, das sie stattdessen haben, sei kümmerlich. Wenn mit ihrem X-Chromosom etwas nicht funktioniere, fehle das „Ersatzrad“. „Zur Welt kommen Jungs konstitutionell schwächer und haltsuchender – aber mit einem Riesenantrieb.“

          Weil sie stark nach Halt suchten, hätten sie eine hohe Affinität für kräftige Dinge wie Panzer, Saurier und Feuerwehrautos; und sie entwickelten ein besseres Orientierungsvermögen. Sehr wichtig seien für Jungen gute Vorbilder. Doch wenn männliche Vorbilder fehlten, seien sie hochaffin für die Angebote ihrer Peer Group, wo sie oft die ungünstigen Vorbilder fänden. „Häufig orientieren sie sich nicht an den klügsten, sondern an den primitivsten Jungs, die mit ihren billigen Strategien schon viel erlebt haben.“

          Glückliche Mädchen, arme Jungs?

          Bildungsforscher sind besorgt, dass junge Männer immer schlechter im Berufsleben Fuß fassen werden. Mit Blick auf den späteren beruflichen Aufstieg haben die Männer aber nach wie vor und, wie es scheint, auf absehbare Zeit die Nase vorn. Zwar werden wegen ihrer guten Abschlüsse immer mehr Frauen Karriere machen, ist Psychologie-Professorin Kessels zuversichtlich. Andererseits gingen die Männer nach wie vor in die besser bezahlten und karriereträchtigeren Berufe.

          In Technik und Naturwissenschaften, aber auch generell setzen Mädchen ihre guten Noten nicht in gleichem Maße in Karrieren um. „Die Arbeitsplatzbeschreibung eines guten Schülers deckt sich nicht unbedingt mit der Arbeitsplatzbeschreibung einer Führungskraft“, erklärt Kessels. Fähigkeiten, die in der Schule belohnt würden, seien oft andere als die Kompetenzen, die man für den Aufstieg brauche. „In der Schule soll man kooperativ sein, sozial und alles sehr genau machen. Für die Karriere ist es aber vielleicht wichtiger, die Ellbogen auszufahren und irgendwelche Dinge zu erzählen, von denen man nicht so viel Ahnung hat.“

          „Eine hässliche patriarchalische Gesellschaft“

          Nach Ansicht von Gerald Hüther haben sich bisher nicht immer die geeignetsten Männer den Weg nach oben gebahnt. In den Unternehmen beobachtet er viel Macho- und Machtgehabe, vor allem in den Führungsetagen. „Während die Frauen mit der Aufzucht beschäftigt waren, haben sich die Männer Bereiche geschaffen, in denen sie die Herren sind – und eine hässliche patriarchale Gesellschaft entwickelt.“ Jungs wüchsen in diese alten Seilschaften hinein. „Immer noch gehen für die jungen Männer die Türen leichter auf. Die alten Chefs passen schon auf, dass die richtigen Nachfolger kommen.“

          Dennoch ist Hüther hoffnungsfroh. „Das alte Rollenspiel geht zu Ende. Immer mehr junge Männer beginnen sich zu fragen, wer sie eigentlich sind.“ Sie seien auf dem Weg zu mehr Authentizität. „Und authentische Männer sind liebende Männer“, erklärt Hüther. Als Chefs könnten sie andere inspirieren und ermutigen. Solche Führungskräfte seien aber noch rar – und würden händeringend gesucht. „Für die Unternehmenskultur und den Erfolg eines Unternehmens sind sie so wertvoll, dass man sie mit Geld kaum bezahlen kann.“

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