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Geschlechtergerechtigkeit : Mädchen lernen besser, Jungen steigen auf

Doch was ist mit den Jungen?

Um die macht sich Gerald Hüther Sorgen. Der Göttinger Neurobiologe und Lernforscher kann nicht erkennen, dass Jungen in der Schule das finden können, was sie für eine gute Entwicklung brauchen. Sie seien im Durchschnitt extrovertierter und suchten noch stärker als Mädchen nach Anerkennung und Bedeutung. „Doch Hausaufgaben in der Schule sind keine Aufgaben, an denen Jungen wachsen können.“ Solche Aufgaben seien in der Schule aber schwer zu finden.

„Bedeutungsvoll wird Gelerntes für die Jungen eher außerhalb der Schule, im realen Leben“, sagt Hüther und fordert, dass sich Schulen mehr öffnen, damit die Schüler in die Natur und in die Praxis gehen könnten. Mädchen orientierten sich hingegen weniger stark als Jungen am Außen. „Sie können eher nur um der Noten willen lernen, haben Spaß an Beziehung und sich selbst“, erklärt Hüther.

Jungs suchen nach starken Vorbildern

Die starke Außenorientierung der Jungen kommt nach Hüther daher, dass sie biologisch gesehen das schwache Geschlecht sind. „Wegen des fehlenden zweiten X-Chromosoms.“ Das Y-Chromosom, das sie stattdessen haben, sei kümmerlich. Wenn mit ihrem X-Chromosom etwas nicht funktioniere, fehle das „Ersatzrad“. „Zur Welt kommen Jungs konstitutionell schwächer und haltsuchender – aber mit einem Riesenantrieb.“

Weil sie stark nach Halt suchten, hätten sie eine hohe Affinität für kräftige Dinge wie Panzer, Saurier und Feuerwehrautos; und sie entwickelten ein besseres Orientierungsvermögen. Sehr wichtig seien für Jungen gute Vorbilder. Doch wenn männliche Vorbilder fehlten, seien sie hochaffin für die Angebote ihrer Peer Group, wo sie oft die ungünstigen Vorbilder fänden. „Häufig orientieren sie sich nicht an den klügsten, sondern an den primitivsten Jungs, die mit ihren billigen Strategien schon viel erlebt haben.“

Glückliche Mädchen, arme Jungs?

Bildungsforscher sind besorgt, dass junge Männer immer schlechter im Berufsleben Fuß fassen werden. Mit Blick auf den späteren beruflichen Aufstieg haben die Männer aber nach wie vor und, wie es scheint, auf absehbare Zeit die Nase vorn. Zwar werden wegen ihrer guten Abschlüsse immer mehr Frauen Karriere machen, ist Psychologie-Professorin Kessels zuversichtlich. Andererseits gingen die Männer nach wie vor in die besser bezahlten und karriereträchtigeren Berufe.

In Technik und Naturwissenschaften, aber auch generell setzen Mädchen ihre guten Noten nicht in gleichem Maße in Karrieren um. „Die Arbeitsplatzbeschreibung eines guten Schülers deckt sich nicht unbedingt mit der Arbeitsplatzbeschreibung einer Führungskraft“, erklärt Kessels. Fähigkeiten, die in der Schule belohnt würden, seien oft andere als die Kompetenzen, die man für den Aufstieg brauche. „In der Schule soll man kooperativ sein, sozial und alles sehr genau machen. Für die Karriere ist es aber vielleicht wichtiger, die Ellbogen auszufahren und irgendwelche Dinge zu erzählen, von denen man nicht so viel Ahnung hat.“

„Eine hässliche patriarchalische Gesellschaft“

Nach Ansicht von Gerald Hüther haben sich bisher nicht immer die geeignetsten Männer den Weg nach oben gebahnt. In den Unternehmen beobachtet er viel Macho- und Machtgehabe, vor allem in den Führungsetagen. „Während die Frauen mit der Aufzucht beschäftigt waren, haben sich die Männer Bereiche geschaffen, in denen sie die Herren sind – und eine hässliche patriarchale Gesellschaft entwickelt.“ Jungs wüchsen in diese alten Seilschaften hinein. „Immer noch gehen für die jungen Männer die Türen leichter auf. Die alten Chefs passen schon auf, dass die richtigen Nachfolger kommen.“

Dennoch ist Hüther hoffnungsfroh. „Das alte Rollenspiel geht zu Ende. Immer mehr junge Männer beginnen sich zu fragen, wer sie eigentlich sind.“ Sie seien auf dem Weg zu mehr Authentizität. „Und authentische Männer sind liebende Männer“, erklärt Hüther. Als Chefs könnten sie andere inspirieren und ermutigen. Solche Führungskräfte seien aber noch rar – und würden händeringend gesucht. „Für die Unternehmenskultur und den Erfolg eines Unternehmens sind sie so wertvoll, dass man sie mit Geld kaum bezahlen kann.“

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