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Geschäftsreisende : Nicht einmal Clowns trauen sich in die Türkei

Auch Geschäftsreisende meiden zunehmend die Türkei. Bild: AFP

Viele haben Sorge, wie es in der Türkei weitergeht. Nach den Urlaubern bleiben nun auch die Geschäftsreisenden weg. Die Business-Hotels leiden.

          2 Min.

          Die Türken haben wenig zu lachen, jetzt bleiben auch noch die Clowns fern. Der gefeierte kanadische Zirkus Cirque du Soleil hat 40 Vorstellungen in Antalya abgesagt, die eigentlich in zwei Wochen hätten beginnen sollen. Nach dem gescheiteren Staatsstreich sehe man sich nicht in der Lage, die Sicherheit der Mitarbeiter zu gewährleisten, sagte eine Sprecherin. Vielleicht spielte bei der Entscheidung auch die Befürchtung eine Rolle, vor halbleeren Rängen spielen zu müssen. Denn die „Türkische Riviera“ mit ihrem Hauptort Antalya leidet unter stark sinkenden Touristenzahlen.

          Christian Geinitz

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin

          Eigentlich beginnt im Juni die Hochsaison. Nach Angaben des Tourismusministeriums ist die Zahl der Ausländer, die in die Türkei kommen, im Juni jedoch stark gesunken: im Vorjahresvergleich um mehr als 40 Prozent. Unter den Deutschen, der bedeutendsten Gruppe, gab es einen Rückgang um 38 Prozent. Bei den Russen, dem zweitwichtigsten Kontingent, betrug das Minus 93 Prozent.

          Hauptgrund dafür waren die eingestellten Flugverbindungen und die politische Eiszeit zwischen Moskau und Ankara, nachdem die Türken an der Grenze zu Syrien ein russisches Militärflugzeug zum Absturz gebracht hatten.

          Jetzt gibt es wieder regelmäßige Flüge zwischen beiden Staaten. Auch den Israelis haben sich die Türken angenähert, um den Fremdenverkehr und weitere Branchen zu stützen. „Politisch ist die Lage schwierig genug, deshalb setzt die Regierung alles daran, dass wenigstens die Wirtschaft rundläuft“, sagt Serkan Çicek, Wirtschaftsdozent an der Universität von Mugla zwischen Izmir und Antalya. Aber schon stehen neue Schwierigkeiten ins Haus: Hatten bisher vor allem Urlauber ihre Aufenthalte storniert - wegen der Terroranschläge, der Kurden-Kämpfe und der politischen Verwerfungen -, so verschieben seit dem Putsch auch immer mehr Geschäftsleute ihre Reisen.

          „Die Manager warten ab“

          „Die Manager warten ab, wie sich die Lage im Ausnahmezustand entwickelt“, sagt ein ausländischer Wirtschaftsvertreter in Istanbul. „Delegationen sagen ihre Reisen ab, die Business-Hotels leiden massiv.“ Als Beispiele nennt er das „Grand Tarabya“ im gleichnamigen Stadtteil sowie den beliebten Klassiker „Hilton Istanbul Bosphorus“. Im „Tarabya“ koste ein Zimmer normalerweise 350 Euro, sagt der Verbandsvertreter; derzeit ist es für 135 Euro zu haben. Die Auslastung im Hilton betrage weniger als 20 statt der üblichen 90 Prozent. 40 Prozent seien nötig, um die Kosten wieder einzuspielen: „Im Moment zahlen viele Hotels kräftig drauf.“

          Nicht nur die Ausländer halten sich zurück. In Ankara oder Istanbul läuft das Leben tagsüber zwar normal. Aber am Abend seien manche Restaurants, Teehäuser oder Bars wie ausgestorben, beobachtet der Fachmann. Das liege nicht zuletzt an den Anhängern des Präsidenten Recep Erdogan, die allabendlich lautstark unterwegs seien: „Viele Leute gehen nach der Arbeit nicht mehr aus, um nicht zwischen die Fronten zu geraten.“

          Diese Fronten verhärten sich, seit die Regierung im Anschluss an den gescheiterten Coup 15.900 Personen hat festnehmen lassen. Gegen 8100 von ihnen erging Haftbefehl. Dutzende Medienunternehmen wurden geschlossen. Die Staatsanwaltschaft kündigte an, die Vermögen von 3000 suspendierten Richtern und Staatsanwälten zu beschlagnahmen, weil sie Verbindung zum Prediger Fethullah Gülen unterhielten. In diesem sieht die Regierung den Drahtzieher für den versuchten Umsturz. Eingezogen würden Immobilien, Konten und Autos, meldete die staatliche Agentur Anadolu.

          Nach dem Putschversuch : Wie geht es mit der Türkei weiter?

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