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Geschäftsessen : Bloß nicht kleckern

Schön übersichtlich: Ein vertieftes Wissen über die Besteckfolge allein reicht nicht aus - vor allem, weil diese beim Mittagessen ohnehin überschaubar ist. Bild: ullstein bild

Nur wenig kann im Arbeitsleben so schiefgehen wie ein Geschäftsessen. Zwischen Vorspeise und Dessert lauern unzählige Fettnäpfchen. Ein Erfahrungsbericht in acht Gängen.

          3 Min.

          Vorbereitung

          ist alles. Denn das erste Fettnäpfchen lauert schon bei der Verabredung: Wer kommt, für wie viele Personen muss reserviert werden? A propos Reservierung: Wer kümmert sich darum? Geradezu erniedrigend kann das Tohuwabohu ausfallen, wenn ad hoc eine Alternative organisiert werden muss, weil das Etablissement der Wahl schon bis zum letzten Platz gefüllt ist.

          Begrüßung

          Corinna Budras
          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

          Bitte im Stehen die Hände schütteln und ja nicht über Kreuz. Das ist stets der erste Anlass für nervöses Kichern. Am besten übernimmt der Initiator die Führung und schüttelt alle Hände durch. Dann erst kommen die anderen.

          Bestellung

          Am unangenehmsten ist die Bestellung: nur ein Gang, zwei oder gar drei? Ein Glas Wein oder lieber nur Wasser? Mit Sprudel oder ohne? Greift man gleich zum Teuersten oder bestellt sich sicherheitshalber nur einen Salat? Für Damen besonders unangenehm: Aus „Höflichkeit“ lässt man ihnen den Vortritt. Aus dieser Bredouille kommt man nur charmant lächelnd: „Die Entscheidungsfindung muss noch reifen, gerne überlasse ich anderen den Vortritt.“ Bei der Auswahl auf die Signale achten: Fleischesser gelten als pragmatische Entscheider, Fischesser als tiefgründige Denker, Vegetarier als exotische Kreativköpfe. Wer wirklich souverän ist, setzt sich über diese Kategorien kommentarlos hinweg. Wein gibt es nur für die, die ihn auch vertragen. Besser verzichten, wenn daran Zweifel bestehen. Grundsätzlich gilt: Lieber die Bestellung zurückziehen oder sich anschließen, wenn man sich anfangs falsch entschieden hat. Jedenfalls immer: charmant lächeln.

          Vorspeise

          Die Vorspeise ist immer ein Anlass zum Durchatmen, denn dabei kann nicht viel danebengehen - solange man die heikle Besteckfrage beherrscht: Von außen nach innen vorarbeiten, die kleinen Messer und Gabeln zuerst. Darüber hinaus gibt es nur wenige Herausforderungen: Die Vorspeise ist meist sehr übersichtlich und allenfalls mit einigem Gestrüpp versehen, das sich nur schwer elegant verspeisen lässt. Doch das geht den anderen meist nicht anders. Immerhin: Nur selten verbrennt man sich die Zunge, und übermäßiger Soßenfluss ist auch nicht zu befürchten.

          Konversation

          Die richtige Gesprächsführung gehört zweifelsohne zu den größten Herausforderungen, die nur enttäuschend wenige beherrschen. Die Faustformel lautet: Wer einlädt, muss die Regie führen. Das bedeutet: seichter Einstieg zum Lockerwerden. Nichts ist schlimmer, als gleich mit der Tür ins Haus zu fallen, noch bevor der Gast seinen Platz gefunden hat. Tagespolitische Themen können heikel sein, aber nicht uninteressant. Allerdings bergen sie die Gefahr, dass der Gegenüber als unwissend bloßgestellt wird. Am besten eignen sich allgemeine Themen, die die breite Masse interessieren und schon seit einigen Tagen gären. Sie sollten nicht zu brisant sein, sonst besteht die Gefahr, dass man sich „festbeißt“. Spätestens nach der Vorspeise sollte man zum eigentlichen Grund des Treffens kommen. Der Initiator sollte dabei entschlossen, aber flexibel die Führung übernehmen. Wer wenig zu sagen hat, sollte nicht zum Essen bitten; dann trifft man sich lieber auf ein Kännchen Kaffee. Die abzuarbeitenden Tagesordnungspunkte sollten mindestens Stoff für einen Hauptgang bieten. Nichts ist schmerzvoller, als wenn hochbezahlte erwachsene Menschen bei einem überteuerten Mittagessen aus Verlegenheit ins Stottern kommen oder puren Unsinn reden.

          Hauptgang

          Ist bis hierhin alles gutgegangen, sollte man nicht übermütig werden: Besonders beim Hauptgang kann viel schiefgehen. Die Portion kann noch so klein sein, die Soße hat doch stets ihren Weg auf die Krawatte gefunden. Unschön auch, wenn sich auf der Tischdecke um den Teller herum das Menü abzeichnet. Zur Herausforderung wird es, wenn sich das Verzehrtempo der Beteiligten dramatisch unterscheidet. Dann bloß nicht die Nerven verlieren und anfangen zu schlingen. Das hat noch niemanden beeindruckt, aber schon viele abgestoßen. Eine Pflicht zum Aufessen besteht nicht, Kommentare über Reste oder gar das eigene Essverhalten besser vermeiden. Sie fallen nur in den seltensten Fällen originell aus.

          Nachspeise

          Kaffee oder Süßigkeit - auch diese Frage ist heikel. Profis ohne Gewichtsprobleme nehmen beides. Kaffee ist in jedem Fall unverdächtig, hier sind alle Spielarten denkbar: Cappuccino und Latte macchiato sind schon lange auch für Herren salonfähig, es muss nicht immer tiefschwarz sein. Der Verzicht auf ein Dessert kann Willensstärke demonstrieren, aber auch Humorlosigkeit, hier hängt viel von der Gruppendynamik ab.

          Verabschiedung

          Ein abruptes Ende kann jedes noch so positiv verlaufende Mittagessen zunichte machen. Deshalb sollte man die nahende Verabschiedung behutsam einläuten. „Zum Schluss wollte ich Sie noch fragen ...“ oder „Bevor wir uns gleich verabschieden ...“ sind hübsche Floskeln, die deutlich machen: Sag, was du noch loswerden willst. Ein Dank in alle Richtungen gehört zum Ritual, mindestens für die Zeit, die das Ganze in Anspruch genommen hat. Formvollendet, aber inzwischen überholt ist eine nachträgliche Danksagung in Form einer handschriftlichen Karte. Hier haben sich wohl eher E-Mails durchgesetzt.

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