https://www.faz.net/-gyl-7wl1f

Gehaltsunterschied : Warum Frauen weniger verdienen als Männer

Frauen verdienen weniger als Männer. Punkt. So einfach ist es nicht: In manchen Bereichen verdienen Frauen sogar mehr. Bild: dapd

Die „Entgeltlücke“ ist ein plakativer und viel zitierter Begriff in der Diskussion um die Gleichberechtigung von Frauen und Männern bei der Höhe des Gehalts. Doch diese Kennzahl vernachlässigt zu viele relevante Faktoren.

          3 Min.

          Wenn es um die Gleichstellung von Frauen und Männern in der Arbeitswelt geht, steht regelmäßig eine Zahl im Mittelpunkt: die Entgeltlücke oder auch „gender pay gap“ genannt. Nach einer neuen Studie der Vergütungsagentur Compensation-Online, die der F.A.Z. exklusiv vorliegt, ist diese Kluft sogar gewachsen. Demnach beträgt die unbereinigte Entgeltlücke in diesem Jahr 27,4 Prozent, das bedeutet einen Anstieg gegenüber 2013 von 1,4 Prozent. Dieser Wert liegt damit noch über den 22 Prozent, die das Statistische Bundesamt errechnet hat.

          Sven Astheimer

          Verantwortlicher Redakteur für die Unternehmensberichterstattung.

          Nach Angaben von Compensation-Online erklärt sich der Unterschied dadurch, dass das Statistikamt nur auf die sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten blickt, während die Vergütungsagentur in ihren mehr als 220.000 Datensätzen auch Arbeitnehmer berücksichtigt, die oberhalb der Bemessungsgrenze liegen wie geschäftsführende Gesellschafter, Selbständige und Beamte.

          Die Autoren weisen jedoch darauf hin, dass die unbereinigte Entgeltlücke zwar eine „plakative und oft zitierte, jedoch wenig informative Kennzahl“ ist, da sie den Einfluss aller für die Vergütung relevanten Faktoren vernachlässige. Demnach lasse zum Beispiel die Berücksichtigung von Personalverantwortung die Entgeltlücke auf 23,7 Prozent schrumpfen. Männer in leitender Position verdienen im Durchschnitt knapp 94.700 Euro im Jahr, Frauen kommen auf rund 72 300 Euro. Allerdings bekleiden Frauen (3 Prozent) seltener als Männer (11 Prozent) solche Positionen.

          Frauen verdienen in Männerbranchen deutlich mehr

          Einen noch größeren Einfluss hat die Stellenanforderung. Es zeige sich, dass die Lücke mit steigender Anforderung tendenziell größer werde, heißt es. Über alle Anforderungswerte hinweg seien es im Durchschnitt 9,7 Prozent. Auch die gewählte Branche ist von großer Bedeutung. Die fünf häufigsten von Männern gewählten Bereiche sind Autoindustrie, Maschinen- und Schiffsbau, Informationstechnik, E-Technik und Handwerk. Frauen zieht es am häufigsten ins Gesundheitswesen, in soziale Einrichtungen, Steuerberatung, Einzelhandel und in die Werbung. In ausnahmslos allen Bereichen verdienen Männer mehr als Frauen.

          Bemerkenswert ist jedoch, dass die Frauen in den Männerbranchen deutlich mehr verdienen als in den Frauenbereichen und dort die Lücke kleiner ausfällt. So verdient eine Frau in der Autoindustrie im Mittel knapp 45.000 Euro und damit 19 Prozent weniger als ihr Kollege. In der Frauendomäne Gesundheitswesen sind es dagegen nur 29 000 Euro, und der Abstand zu den Männern liegt bei 25 Prozent. „Damit scheint die Branchenwahl von Arbeitnehmerinnen deutlich zur Entstehung der unbereinigten Entgeltlücke beizutragen“, heißt es.

          Auch das Lebensalter spielt eine große Rolle. Während sich bei Männern im Laufe ihrer Erwerbsbiographie eine „kontinuierlich positive Gehaltsentwicklung“ zeige, nehme sie für Frauen nur in den ersten Berufsjahren einen ähnlichen Verlauf. Allerdings starten die Frauen schon mit mindestens 15 Prozent weniger als die Männer. In der Familienphase und danach (zwischen 30 und 50 Jahren) treten die Unterschiede dann aber sehr deutlich hervor.

          Teilzeit hat weniger Einfluss, als gedacht

          Am Ende des Erwerbslebens liegt die Kluft für Fachkräfte bei 33 Prozent und bei Führungskräften sogar bei fast 40 Prozent. Der häufig beschriebene Karriereknick für Frauen nach der Babypause lässt sich also auch aus diesen Zahlen ablesen. Interessant ist der Zusammenhang mit der Unternehmensgröße: Während in Kleinstunternehmen mit weniger als 20 Mitarbeitern der Unterschied deutlich unter 20 Prozent liegt, steigt er mit zunehmender Beschäftigtenzahl ordentlich und nähert sich in großen Konzernen wieder der 20-Prozent-Marke an.

          Besonders auffällig sind schließlich auch die Unterschiede jenseits des Fixgehaltes. Die Lücke zwischen Männern und Frauen beträgt bei der variablen Vergütung wie etwa Erfolgsprämien über alle Branchen hinweg 28 Prozent. Und bei der Überstundenvergütung sind es sogar 53 Prozent. Einen geringen Einfluss hat dagegen die Teilzeitbeschäftigung.

          In der Alternpflege (-5,1 Prozent), der Physiotherapie (-2,8) und der Erziehung (-1,1) treten sogar die seltenen Fälle auf, dass Frauen mehr verdienen als Männer. Die Autoren halten fest, dass einigen der untersuchten Einflussfaktoren eine erhebliche erklärende Wirkung zukommt. Das Zusammenspiel dieser Faktoren wurde in der Studie nicht untersucht. Eine daraus resultierende bereinigte Entgeltlücke werde jedoch erwartbar „deutlich unterhalb“ der unbereinigten Kluft von 27,4 Prozent liegen. Ganz verschwinden dürfte sie jedoch nicht.

          Weitere Themen

          Gleiche Arbeit, weniger Geld

          West und Ost : Gleiche Arbeit, weniger Geld

          Gleich mehrere Gehalts-Untersuchungen kritisieren: Zwischen West und Ost gibt es noch große Unterschiede. Wo sie am stärksten sind, woran das liegen könnte und ob sich die Lage gebessert hat.

          Topmeldungen

          Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) spricht in Salzgitter mit Journalisten.

          Wegen Angriff auf Syrien : VW-Werk in der Türkei steht vor dem Aus

          Niedersachsens Ministerpräsident und VW-Aufsichtsrat Stephan Weil sieht wegen der türkischen Invasion keine Grundlage mehr für die geplante Milliardeninvestition. Das sei ein „Schlag ins Gesicht von Menschenrechten“.
          Luisa Neubauer: Die „Fridays for Future“-Bewegung wird medial vor allem von jungen Frauen repräsentiert.

          Shell-Jugendstudie : Es ist der Klimawandel, Dummkopf!

          „Eine Generation meldet sich zu Wort“: So heißt die 18. Shell-Jugendstudie. Eine neue Entwicklung stellten die Autoren nicht nur bei Themen fest, die Jugendlichen Sorgen bereiten – sondern auch bei den Geschlechterrollen.
          Trumps ehemaliger Sicherheitsberater John Bolton Ende September in Washington D.C.

          Wegen Ukraine-Affäre : Bolton wollte Giulianis Vorgehen überprüfen

          Die Ukraine-Affäre zieht immer weitere Kreise. Medienberichten zufolge soll Trumps ehemaliger Sicherheitsberater John Bolton über das Vorgehen Rudy Giulianis so beunruhigt gewesen sein, dass er einen Anwalt einschalten wollte.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.