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Knast-Lehrer : Freiwillig im Gefängnis

Einschluss. Im Schulflügel bleiben die Türen allerdings viel häufiger offen als anderswo im Gefängnis. Bild: Holde Schneider

Michael Dumbruch war 17 Jahre lang Realschullehrer. Dann ließ er sich in den Knast versetzen - um dort Schulabbrechern in Haft eine zweite Chance zu geben. Ein Besuch hinter Gittern.

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          Über den Treppenaufgängen haben sie Netze gespannt. Beigefarbene Netze mit großen Maschen. Gäbe es keine Netze, wären die Treppenhäuser nach oben hin offen. Das wäre zu riskant. Nicht weil jemand abhauen könnte, dafür sorgen Eisengitter, Backsteinmauern, Stacheldrähte. Aber weil sich jemand runterstürzen könnte und sich selbst umbringen. Oder schlimmer noch: jemand anderen.

          Nadine Bös
          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Beruf und Chance“.

          Verzweiflung, Selbstmordgedanken, Gewalt - all das gehört zum Alltag der Menschen, mit denen Michael Dumbruch hier täglich arbeitet. Seine 63 Schützlinge sitzen im B-Flügel der Justizvollzugsanstalt Münster ein. Vom runden Innenhof des alten Gebäudes mit dem Kuppeldach aus geht es durch mehrere dicke Türen über Galeriegänge in den neueren Teil der Anstalt. Hier teilen sich Mörder und Erpresser, Vergewaltiger die Flure mit Kleinkriminellen, die gestohlen haben oder zu oft schwarzgefahren sind.

          Auf der „Schiene“: Michael Dumbruch unterwegs zum Unterricht. Bilderstrecke
          Auf der „Schiene“: Michael Dumbruch unterwegs zum Unterricht. :

          Sie alle haben eins gemeinsam: Sie dürfen hinter Gittern einen Schulabschluss erwerben. In ihrem Teil des Gefängnisses sind tagsüber die Zellentüren offen, es gibt Klassenräume, Schreibtische, ja sogar eine Bibliothek. Die Haftzeit hier zu verbringen ist ein Privileg, das nur wenige Straftäter haben, die sich während ihrer Zeit im Gefängnis sehr gut verhalten haben. Aus ganz Nordrhein-Westfalen kommen sie im Pädagogischen Zentrum der JVA Münster zusammen, um zu lernen.

          „Du bist völlig verrückt geworden“ haben die Kollegen gesagt

          Michael Dumbruch ist ihr Lehrer. Er unterrichtet Englisch, Geschichte, Erdkunde und Informatik. Zusammen mit seinen sieben Kolleginnen und Kollegen macht er die Gefangenen fit für den Haupt- oder Realschulabschluss. Momentan betreut er als Klassenlehrer eine Gruppe von zwölf Häftlingen, die die mittlere Reife erwerben möchten. Statt bei Elternabenden und Klassenkonferenzen sitzt er einmal die Woche in der Vollzugskonferenz der Anstalt. Dort diskutiert er mit dem Rest des Personals über Fortschritte und Verhalten seiner Schüler, darüber, wer ein Disziplinarverfahren bekommt oder wer Hafterleichterungen erhält. Manchmal besucht er die Gefangenen auch in den „Hafträumen“, wie die Zellen genannt werden. Mal spricht er mit ihnen über Lernfortschritte und Perspektiven nach dem Knast. „Mal bin ich gefragt als Trostspender, wenn der Opa gestorben ist“, sagt Dumbruch.

          Siebzehn Jahre seines Lebens war Michael Dumbruch ein ganz normaler Realschullehrer. Sogar zum stellvertretenden Schulleiter hatte er es gebracht. Dann tauschte er 75 Tage Ferien gegen 30 Tage Urlaub, 28 Präsenzstunden in der Schule gegen eine 40-Stunden-Woche, sein Konrektorengehalt gegen das eines einfachen Lehrers und seine jugendlichen Schüler gegen erwachsene, kriminelle Schulabbrecher. „Du bist völlig verrückt geworden, haben meine Kollegen damals zu mir gesagt“, erinnert er sich. „Die konnten mich überhaupt nicht verstehen, als ich mich auf die Stellenanzeige der Münsteraner JVA bewarb.“

          Dumbruch vermisste die Abwechslung und die Herausforderung. Das hundertste Handy zu konfiszieren, zum fünfhundertsten Male mit überbesorgten Eltern über die Fünf in Englisch zu diskutieren - Dumbruch fühlte sich gelangweilt und genervt, unterfordert von der Gleichförmigkeit der Schulwochen und überfordert von den wachsenden Ansprüchen der Schüler und Eltern.

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