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Knast-Lehrer : Freiwillig im Gefängnis

Mit Erwachsenen hatte er schon früher gearbeitet, an einem Bildungszentrum des Handels und an der VHS - im Gefängnis würden es wieder Erwachsene sein, nur mit etwas spezielleren Biographien. Er würde mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren können, kleine Gruppen unterrichten, ein kleines Kollegium haben und ein Büro, um dort die Stunden vor- und nachzubereiten. Und wenn es gut lief, würde er dazu beitragen, dass der eine oder andere draußen einmal mit Hilfe seines Abschlusses einen Job oder eine Lehrstelle findet. „Dass sie irgendwann einmal straffrei leben können - das ist das Ziel“, sagt Dumbruch. „Das schaffen vielleicht nur zehn Prozent der Leute, die in meinem Unterricht sitzen. Aber für diese zehn Prozent lohnt es sich jeden Tag wieder.“

Keiner schwätzt, keiner fehlt

In der acht Quadratmeter großen Zelle von Markus Müller ist für solcherlei Hoffnungen wenig Platz. Müller, der in Wirklichkeit anders heißt, geht in Dumbruchs Realschulklasse. Auf dem Holzschreibtisch quillt der Aschenbecher über, an der Wand über dem Bett hängen Poster von spärlich bekleideten Frauen, im Waschbecken neben der Toilette türmt sich benutztes Geschirr. „Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass ich den Abschluss mache, um irgendwann draußen einen tollen Job zu finden“, sagt Müller. „Ich mache das in erster Linie für mich, um mir zu beweisen, dass ich das schaffe. Damit ich ein Ziel habe hier drin.“

Und damit das Leben in Haft sich möglichst angenehm gestaltet: Zur Schule zu gehen zählt hinter Gittern als Arbeit; die Schüler können sich aufs Lernen konzentrieren, müssen nicht nebenher in einer Gefängniswerkstatt tätig sein, Wäsche waschen oder Flure putzen. Rund 110 Euro bekommen sie monatlich an „Lohn“ ausbezahlt, noch einmal etwa 146 Euro werden für die Zeit nach der Haft angespart. Markus Müller konnte sich davon sogar einen Fernseher leisten. Nun sieht er mehr von seinem Lieblingsverein Fortuna Düsseldorf als nur die kleine Fan-Postkarte, die er mit Tesafilm an die Innenseite seiner Zellentür geklebt hat.

Es ist Mittwochmorgen, zweite Stunde Englisch. Mucksmäuschenstill sitzen Markus Müller und seine elf Mitschüler an ihren Tischen und quälen sich durch den Text „Travelling to Britain“. Alle tragen T-Shirts und Turnschuhe, die meisten Jogginghosen. Manchmal zeigt einer mit dem Finger auf. Michael Dumbruch geht dann hin und erklärt im Flüsterton eine Vokabel. Keiner schwätzt, keiner fehlt. Das würde nichts bringen, schließlich könnte man ihn persönlich aus der Zelle abholen. Handys klingeln auch nicht zwischendurch, denn die sind im Knast grundsätzlich verboten. Später präsentiert ein Schüler die gelesenen Inhalte vor der Klasse: „It gives many ways to travel to Britain. With the boat, with the train or with the plane.“ Michael Dumbruch korrigiert nur sparsam. „Hauptsache, sie kommen überhaupt ans Reden.“ Der Klassenraum ist schmal, die Decken niedrig, die Fenster klein und weiß vergittert. Die Tür hat keine Klinke, dafür ein Guckloch in der Mitte. Die Ausstattung aber ist richtig gut: Eine elektronische Tafel erlaubt Dumbruch, die Inhalte seines Laptops für seine Schüler an die Wand zu beamen und gleichzeitig handschriftliche Ergänzungen zu machen. Nebenan im Computerraum dürfen die Schüler sogar selbst den Umgang mit PCs üben. Ohne Internet freilich - das wäre zu gefährlich.

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