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Lage auf dem Ausbildungsmarkt : Für eine nachhaltige Berufsbildung!

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Ein Auszubildender im Dornenlager für Kühlschläuche im Automobilbereich in einer Fertigungshalle von Continental (Bild aus Novemer 2020) Bild: dpa

Das Thema betrifft alle Berufe und treibt gerade die Jüngeren um. Die Ausbildung muss darauf reagieren – auch weil beim Übergang in eine „Green Economy“ Fachkräfte dringend gebraucht werden. Ein Gastbeitrag.

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          Das Erreichen der CO2-Ziele, faire Handelsbeziehungen sowie eine generationengerechte Nutzung von Ressourcen stehen weit oben auf der gesellschaftspolitischen Agenda in Deutschland und sind gerade für junge Menschen wichtige Themen. Beim nachhaltigen Umbau der Gesellschaft – da sind sich alle einig – spielt die Berufsbildung eine zentrale Rolle. Doch der Ausbildungsmarkt hatte unlängst erhebliche Einbußen zu verkraften.

          Von Oktober 2020 bis Juli 2021 meldeten sich bei den Agenturen für Arbeit und den Jobcentern nach eigenen Angaben rund 404 400 Bewerberinnen und Bewerber für eine Ausbildungsstelle – also knapp 35 000 weniger als im Vorjahreszeitraum. Der Rückgang bedeutet nicht zugleich, dass sich weniger junge Menschen für eine Berufsausbildung interessieren. Vielmehr unterblieben viele Meldungen, so hieß es aus Nürnberg, „weil die gewohnten Zugangswege beeinträchtigt waren und durch digitale Alternativen nicht vollständig ersetzt werden konnten“.

          Es geht nicht nur um „grüne Berufe“

          Etwa 127.000 Bewerberinnen und Bewerber waren noch unversorgt. Gleichzeitig waren etwa 484.700 Ausbildungsstellen gemeldet – also rund 14.300 weniger als vor einem Jahr. Von den gemeldeten Ausbildungsstellen waren knapp 194.000 im Juli noch unbesetzt. Wir müssen demnach jetzt alles tun, um den Ausbildungsmarkt wiederzubeleben. Dabei mit dem Thema Nachhaltigkeit auch auf die Interessen der jüngeren Menschen zu setzen erscheint lohnenswert!

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          Eine Auswertung des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) und des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), der Forschungseinrichtung der Bundesagentur für Arbeit in Nürnberg, zeigt klar: Beim Übergang in eine „Green Economy“ sind in erster Linie Bauberufe, Geologie-, Geografie- und Umweltschutzberufe, technische und naturwissenschaftliche Berufe sowie Berufe der Logistik relevant. Dabei wird auch deutlich, dass Maßnahmen zur Förderung einer „Green Economy“ aktuell auf Arbeitsmarktengpässe treffen.

          Nachhaltigkeit ist ein weites Feld

          Zu bedenken ist ferner: In diesem Kontext geht es nicht nur um eine Tätigkeit in den Bereichen erneuerbare Energien, Elektromobilität oder „grüne“ Berufe. Vielmehr betrifft Nachhaltigkeit im Sinne der im Jahr 2015 von den Vereinten Nationen beschlossenen „Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung“ alle Berufe. Ein derart umfassendes Verständnis von Nachhaltigkeit legt nahe, Nachwuchskräfte daran zu beteiligen, Wirtschaft und Betrieb in diesem Sinne weiterzuentwickeln. Eine Ausbildung für nachhaltige Entwicklung zielt mithin darauf ab, eine reflektierte und verantwortungsvolle Persönlichkeit zu fördern – und ist somit für junge Menschen und Betriebe gleichermaßen attraktiv. Vor diesem Hintergrund sind die neuen Standardberufsbildpositionen in Ausbildungsordnungen des Bundes zu Nachhaltigkeit, Umweltschutz und Digitalisierung zu sehen.

          Der Hauptausschuss des Bundesinstituts für Berufsbildung hat sie im vergangenen Jahr beschlossen. Sie legen Mindeststandards fest, die zum Ausbildungsjahr am 1. August 2021 in Kraft getreten sind, sodass sich künftig neue oder neu zu ordnende Berufe darauf ausrichten. Desgleichen sind Betriebe und Berufsschulen aufgefordert, sich berufsübergreifend daran zu orientieren. Dies trägt den neuen Anforderungen Rechnung, denen sich Betriebe stellen müssen, weil sich die Strukturen wandeln und die Kundenwünsche ändern.

          Bei alledem ist evident: Nur technologisch und methodisch qualifiziertes Ausbildungspersonal ist in der Lage, die nötige berufliche Handlungskompetenz der angehenden Fachkräfte zu fördern. Denn Ausbilderinnen und Ausbilder vermitteln berufliche Handlungskompetenz und schaffen damit auch ein Wertebewusstsein, das ein nachhaltiges berufliches Handeln ermöglicht. Sie gestalten Lerninhalte so, dass Auszubildende ihr Vorgehen mit Blick auf ökologische, wirtschaftliche und soziale Auswirkungen abwägen können. Nachhaltigkeit ist eben ein weites Feld – das zu beackern sich täglich mehr lohnt.

          Friedrich Hubert Esser ist Präsident des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) in Bonn.

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