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Hanks Welt : Für immer Homeoffice?

Homeoffice ist für alle bequem

Inzwischen sieht es danach aus, als ob wir auf dem besten Weg in eine dauerhafte Homeoffice-Welt jenseits von Corona sind. Das liegt nicht etwa daran, dass davon bessere Arbeitsergebnisse zu erwarten wären, sondern dass das Homeoffice für alle der bequemste Weg ist: Arbeitgeber sparen sich teure Büroetagen in den besten innerstädtischen Bezirken und streichen Dienstreisen – wo sie doch eine ordentliche Summe Geld für die neue Zoom-IT-Infrastruktur ausgegeben haben, die sich amortisieren muss. Das kommt den Arbeitnehmern sehr entgegen, die ihre schnuckeligen Häuschen im Grünen gar nicht mehr verlassen wollen und stressige Fahrten zu Rushhour-Zeiten vergessen dürfen. Fünfzig Prozent der Arbeitnehmer in Europa wollen künftig mindestens einen Tag in der Woche zu Hause arbeiten, hat jüngst eine Befragung der Stanford-Universität ergeben. In Amerika möchten nur noch zwanzig Prozent dauerhaft im Büro arbeiten. Das schont die Umwelt, lässt Klimaaktivisten jubeln – und obendrauf gibt es von Arbeitsminister Hubertus Heil eine Gesetzesinitiative, die einen Rechtsanspruch auf das Homeoffice für jedermann verbürgen will.

Warum eigentlich sagen alle immer „von zu Hause aus arbeiten“ anstatt einfach „zu Hause arbeiten“? In der Formulierung steckt zumindest als sprachliche Reminiszenz noch die Distanz zum Büro, eine Wegstrecke, die zu durchmessen man sich bald dauerhaft schenken will.

Rückschritt in eine vormoderne Welt

Was mir nicht einleuchtet, ist die Behauptung, im Homeoffice zu arbeiten sei eine besonders fortschrittliche Entwicklung. Mit scheint es eher ein Rückschritt in eine vormoderne Welt, die noch nichts von den Segnungen der Arbeitsteilung gehört hat. Arbeitsteilung heißt ja nicht nur, dass ein Produkt am Fließband in unterschiedliche Arbeitsgänge aufgeteilt wird. Arbeitsteilung nennen wir auch die Trennung von Wohnen und Arbeiten, die sich seit dem späten 18. Jahrhundert in Europa durchgesetzt hat. Am Arbeitsplatz gibt es Kollegen, zu Hause gibt es die Familie, die jeweiligen sozialen Beziehungen sind sehr unterschiedlich.

Der vormoderne Vorläufer ist das Ideal des „ganzen Hauses“, das zugleich Wirtschafts-, Sozial-, Rechts- und Herrschaftsverband war. Als wirtschaftliche „Nahrungsstelle“ und soziale Grundeinheit war das „ganze Haus“ gekennzeichnet durch die Einheit von Produktion und Reproduktion, wie die Historikerin Barbara Stollberg-Rilinger schreibt. Um die Kernfamilie aus Ehepaar („Arbeitspaar“) und unverheirateten Kindern gruppiert, umfasste das „ganze Haus“ alle an der Hauswirtschaft Beteiligten (Gesinde, Alte, unverheiratete Verwandte). Man kann das Konzept, wie in der Nazizeit geschehen, als romantisches Gegenbild zur Moderne verklären. Man kann es aber auch als autoritäres, vordemokratisches und patriarchalisches Ideal einer autarken Subsistenzwirtschaft kritisieren.

Wollen wir wirklich zurück ins „ganze Haus“? Die Soziologin Jutta Allmendinger hat recht, wenn sie beklagt, dass die Homeoffice-Welt Frauen wieder ihre gestrige Rolle mit Kindern und Küche anbietet. Sie übersieht nur, dass das weniger an den bösen Patriarchen liegt als am historischen Muster, in das wir dabei zurückfallen. Eigentlich waren wir längst in einer Welt angekommen, in der Frauen und Männer die Trennung von Heim und Büro als einen emanzipatorischen Fortschrittsakt angesehen haben. Dabei soll es bleiben. Das dauerhafte Homeoffice wäre ein jämmerlicher Rückschritt.

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