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Flurfunk : Hast du schon gehört ...

Bild: F.A.Z. - Cyprian Koscielniak

Wo Veränderung droht, sind Gerüchte nicht weit: Welche Stelle ist noch sicher? Wo wird als Nächstes gespart? Es ist Krisenzeit, da hat der Flurfunk Konjunktur. Und die Vorgesetzten sind in der Pflicht.

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          Die E-Mail aus der Europa-Zentrale der Bank blinkte am Dienstag im Posteingang. Ihre Botschaft war klar und deutlich: Alle Mann unter Deck, nur noch die Länderchefs sprechen öffentlich über die Lage des Hauses. Überraschend an dem Kommando war inmitten der Finanzkrise nur, wie spät es gegeben wurde - immerhin geht es um eine der isländischen Großbanken, die schon seit Monaten in den Schlagzeilen stehen. Wie prekär die Situation in der Zentrale in Reykjavik wirklich war, erfuhren die Mitarbeiter in der Frankfurter Niederlassung vor zwei Wochen eher zufällig. Einer klickte sich morgens durch die Online-Nachrichten und rief es quer durchs Großraumbüro: Leute, wir werden verstaatlicht!

          Julia Löhr

          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

          Sebastian Balzter

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Nach außen soll darüber nun nichts mehr dringen, deshalb die Anweisung via E-Mail. Aber Ton und Inhalt der Gespräche in der Teeküche und im Kopierraum, während der Zigarettenpause und beim Mittagessen lassen sich so leicht nicht steuern. Der Flurfunk, das hat eine Studie des Beratungsunternehmens ISR ergeben, ist am Arbeitsplatz eine der wichtigsten Kommunikationsformen. 61 Prozent der Beschäftigten in deutschen Betrieben erfahren demnach von wichtigen Veränderungen in der Regel vom Hörensagen und nicht vom Chef. In Krisenzeiten wie diesen brodelt die Gerüchteküche noch stärker als sonst, nicht nur in den Banken. Einige Unternehmen haben Stellenstreichungen angekündigt, andere Gehaltskürzungen oder einen Dienstreise-Stopp verhängt, Zwangsferien angeordnet oder laut darüber nachgedacht, wie gut es der Bilanz doch täte, wenn die Mitarbeiter auf einige ihrer Urlaubstage verzichten würden. Wenn sich solche Nachrichten häufen, dann gibt es einiges zu besprechen.

          Wo Menschen sind, wird es Gerüchte geben

          An sich sei Flurfunk nicht schlimm, sagt Dagmar Wilbs, die Leiterin der Humankapital-Sparte der Beratungsgesellschaft Mercer. "Wo Menschen sind, wird es auch immer Gerüchte geben. Aber wenn Ängste der Mitarbeiter darin mitschwingen, dann ist das ein Signal für ein Informationsdefizit, das dringend gefüllt werden muss." Denn Flurfunk kann ein Unternehmen regelrecht lähmen. "Die Gerüchteküche kostet wahnsinnig viel Geld", sagt Laurenz Andrzejewski, Managementberater und Autor des Buches "Trennungskultur und Mitarbeiterbindung". Auf zwei Arbeitsstunden am Tag schätzt er den Produktivitätsverlust in Krisenzeiten. Damit es nicht so weit kommt, sieht er die Führungskräfte in der Pflicht.

          Diese müssen zwei Herausforderungen meistern. Erste Aufgabe: Informationen beschaffen. "Die Führungskräfte in den Sandwich-Positionen stehen enorm unter Druck", das ist Andrzejewskis Erkenntnis aus vielen seiner Seminare. Wenn sich in Krisenzeiten Gerüchte verselbständigen, nehme dieser Druck noch zu. Viele Vorgesetzte aus dem mittleren Management - die Ansprechpartner für die meisten Mitarbeiter - klagten dann, dass sie zum ersten Mal in ihrem Leben eine Situation nicht im Griff hätten. Die Folge ist, dass sie sich in ihrem Büro verschanzen. Ein Fehler, kritisiert Andrzejewski. "Viele Führungskräfte sind zu brav. Sie fragen ihre Vorgesetzten nicht hartnäckig genug nach konkreten Informationen. Doch genau das sollten sie tun." Und zwar möglichst nicht jeder für sich, sondern am besten alle Personalverantwortlichen in einem gemeinsamen Gespräch mit der Unternehmensspitze, damit am Ende nicht jeder etwas anderes erfährt und weitergibt.

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