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Flugbegleiter : Shrimps über Odessa

  • -Aktualisiert am

Warten auf die Gäste Bild: AP

Bloß nicht abheben, auch nicht 10.000 Meter über dem Boden. Auch dann nicht, wenn der Weg in das neue Leben durch Feuer, Wasser und Wind führt. Wie eine junge Flugbegleiterin bei der Lufthansa ihren Beruf erlernt.

          5 Min.

          Rauch kriecht langsam durch den dunklen Bauch des Flugzeugs, klettert an den Sitzen hoch und nimmt den Passagieren die Sicht. Ein kreischendes, rhythmisches Piepen zerschneidet die Luft. „Evacuation, evacuation“, schreit ein Mann in die Dunkelheit. Notlandung, die Rutschen sind schon ausgefahren. „Jump, slide, run away – springen, rutschen, weglaufen.“ Doch das Flugzeug hat nie den Boden verlassen. Es ist nur eine Attrappe, in der fünf Männer und 17 Frauen im Frankfurter Lufthansa-Trainingscenter eine Notlandung üben. Sie alle wollen Flugbegleiter werden, auch wenn es manchmal heiß wird.

          Schon im vergangenen Sommer hat sich Annkathrin Beyer um einen Ausbildungsplatz beworben. Erfolgreich überstand sie einen Internettest, ein Telefoninterview und ein Assessment-Center. „Das ist mein Traumberuf, nein, meine Berufung.“ Schon immer habe sie Flugbegleiter um ihre Arbeit beneidet. Drei Jahre lang hat sie nach der Schule in einem Hamburger Hotel gelernt, wie man Betten macht, Teller spült, Cocktails mischt, Gäste bedient. Ziemlich rauh ging es dort zu. Jetzt ist sie hier, 23 Jahre alt, Ausbildungskurs 1569A, neun Wochen lang, 380 Euro im Monat. Der Weg in das neue Leben wird durch Feuer, Wasser und Wind führen.

          Am 18. Ausbildungstag ist das Feuer an der Reihe. In der Flugzeugattrappe tragen die Lehrlinge weiße Ganzkörperanzüge und Schläppchen. Einige mimen Passagiere, andere Flugbegleiter. Damit sie sich an die Turbulenzen gewöhnen, drückt Emergency-Trainer Thomas Schützl auf einen Knopf und lässt die Attrappe so stark ruckeln, dass es einem nach wenigen Minuten mulmig wird. „Wenn es qualmt, müsst ihr euch Rauchschutzhauben aufsetzen und als erstes die Passagiere umsetzen!“ So schnell wie möglich muss man die Brandquelle finden, das Feuer löschen und dabei immer mit dem Kabinenpersonal und dem Cockpit kommunizieren. Das Training sei hart und sehr real, sagt Annkathrin Beyer. „Ich vergesse oft, dass alles nur eine Übung ist.“

          Der Flieger wartet schon

          „An jeden Ort wollen wir ein Fähnchen pinnen“

          Rund 17.000 Angestellte aus 80 Nationalitäten arbeiten in dem Unternehmen als Flugbegleiter. Bis zu 2200 Stewardessen und Stewards will die Lufthansa an den Standorten München und Frankfurt in diesem Jahr einstellen. Das Ausbildungsprogramm ist vollgepackt: Stresstests, Seenotübungen, Deeskalationstraining, Evakuierungen über Flugzeugrutschen, Service, Weinkunde, Umgang mit verschiedenen Kulturen und professionelles Auftreten. Die Leistungen der Lehrlinge prüfen die Dozenten mit Multiple-Choice-Tests in den Fächern Service, Notfalltraining und Erste Hilfe. Sieben Wochen dauert die Ausbildung im Trainingscenter. Dann folgen zwei interkontinentale Einweisungsflüge, bei denen die angehenden Stewards unter Strömungslärm und Luftdruck arbeiten. So werden dann aus Abiturienten, Studenten, Gesellen, Gastronomen, Kommunikationswissenschaftlern, Kleinkunstdarstellern und Juristen Flugbegleiter.

          Bei der Abschlussfeier sind die Auszubildenden unter Make-up-Schichten, in blauen Anzügen und Kostümen im Trainingszentrum kaum wiederzuerkennen. Annkathrin Beyer trägt knielangen Rock, weiße Bluse, gelbes Halstuch, Pillbox und Schuhe, deren Absätze nicht weniger als fünf und nicht höher als sieben Zentimeter sein dürfen. Rund 900 Euro kostet die Arbeitskleidung. Flugbegleiter müssen sie selbst zahlen, können sie aber selbst zusammenstellen. Alle aus 1569A haben die Ausbildung bestanden. Zur Abschlussfeier kommen Eltern und Freunde zum Fotografieren, Filmen und Umarmen. Beyers Eltern sind aus Hamburg angereist. Sie sind stolz auf die Tochter. „Ich wollte selbst einmal Steward werden, habe mich aber nicht getraut“, sagt der Vater. Die Eltern haben sich eine Weltkarte gekauft und in die Gartenhütte gehängt. „An jeden Ort, an den Annkathrin geflogen ist, wollen wir ein Fähnchen pinnen“, sagt die Mutter.

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