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Frauen in der Tech-Branche : „Der Durchschnittsmann ist nicht der Feind“

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Meine Tochter sagt: „Ich will Mathe studieren“, und ich antworte: „Oh, ich habe in der Schule Mathe gehasst.“ Oder: „Bist du sicher, dass du Informatik studieren willst? Ich persönlich hasse ja Technik.“ Das sind alles kleine subtile Botschaften, die unsere Töchter aufnehmen. Kinder wollen doch die meiste Zeit sein wie wir. Wir sind die Vorbilder, zumindest bis zur Pubertät. Wir müssen echt aufpassen, dass wir unsere Kinder nicht für ihre Interessen verurteilen, auch nicht unterschwellig. Wir nennen Mädchen „süß“ und fragen Jungs, wie ihr Baseballspiel war.

Sind Sie selbst schon einmal diskriminiert worden?

Na klar. Erstens bin ich eine Frau. Zweitens bin ich blond. Leute sagen Dinge zu mir wie: „Mensch, du bist aber ernst.“ Ich habe mein ganzes Leben dafür gekämpft, gleich behandelt zu werden, genauso ernst genommen zu werden wie zum Beispiel mein Bruder. Ich bin in einem sehr traditionellen Haushalt aufgewachsen, und mein Vater hat mit meinem Bruder Dinge gemacht wie “Männerausflüge“. Und ich bin immer zu meinem Vater und hab gesagt: “Was soll der Quatsch, warum kann ich nicht mit?“ Irgendwann hat es auch mein Vater kapiert.

Und im Beruf?

Auch da. Ich mache noch nicht so lange Filme, „Bias“ ist erst mein dritter, aber ich habe Leute in meinem Team, die sind seit 20 oder 25 Jahren im Geschäft. Mein Stil ist sehr kooperativ, ich spreche mit vielen Leuten und beziehe ihre Sichtweisen in meine Entscheidung mit ein. Aber ich habe jetzt auch ein paar Mal Leute erlebt, die mich belehren wollten, denen ich klar sagen musste: Vielen Dank, aber ich bin die Regisseurin. Das wäre mir garantiert nicht passiert, wäre ich ein Mann.

Es ist definitiv schwerer für Frauen, sich im Job zu behaupten. Das hat einerseits mit Testosteron zu tun, einerseits mit den gesellschaftlichen Umständen, in denen wir leben. Die Gesellschaft erträgt eher diejenigen Frauen, die sich unterwürfig geben. Ich glaube, es gibt keine Frau auf der Welt, die noch keine Diskriminierung erfahren hat. Deshalb ist die ganze MeToo-Bewegung auch so wichtig.

Jeder Mensch trägt Vorurteile in sich. Reicht es, sich dessen bewusst zu sein?

Ich glaube, das ist der erste wichtige Schritt. Niemand würde je von sich selbst sagen, er hätte Vorurteile. Wir sind ja alle so liberal und weltoffen; Vorurteile haben nur die anderen. Es ist physiologisch unmöglich, sich aller Vorurteile bewusst zu sein. Ich kenne ein paar meiner eigenen Vorurteile, aber ich mache mir mehr Sorgen um diejenigen, die ich nicht kenne.

Welche Vorurteile haben Sie?

Ich könnte nie zu einem männlichen Gynäkologen gehen. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, wie er sich in einen weiblichen Körper hineinversetzen kann. Und ein anderes Vorurteil habe ich von meinen Eltern geerbt: Wenn jemand in Berkeley oder Stanford zur Uni gegangen ist, beeindruckt mich das mehr als eine No-Name-Uni im Lebenslauf. Auch wenn die Person noch so intelligent sein mag. Ich versuche, mich davon frei zu machen, aber es ist echt schwer.

Sie halten auch Vorträge in Schulen, sprechen mit Mädchen über ihren Film. Welche Botschaft soll am Ende bei ihnen hängen bleiben?

Erstens: Programmieren ist nicht nur für Jungs. Zweitens: Man muss nicht gut in Mathe sein, um Programmieren zu lernen, das ist ein Mythos. Programmieren kann sehr kreativ sein. Und drittens: Es wird in allen Branchen gebraucht. Danielle Steinberg von Gizmodo ist ein gutes Beispiel. Sie hat einen Ingenieursabschluss aus Harvard und jetzt programmiert sie animierte Filme. Programmieren heißt nicht einfach nur im Keller rumsitzen und Pizza essen.

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