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Fernbeziehungen : Ein Paar, zwei Orte

Zwischen Abschied und Wiedersehen: Fernbeziehungen können sehr anstrengend sein Bild: Andreas Müller / F.A.Z.

Die Arbeit läuft gut, die Liebe hat das Nachsehen. Aus beruflichen Gründen lebt heute jedes siebte Paar in einer Fernbeziehung. Und die Zahl steigt.

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          Ralf Eichenberg hat eine Arbeit, die vielen Menschen träumerischen Glanz in die Augen treibt. Der Mann ist Pilot und fliegt für das private Flugunternehmen Netjets Manager von A nach B. Manchmal ereilt seine Frau Vera Sagan dann ein Anruf aus Marrakesch, Madrid oder Moskau, wenn sie in Hamburg mit ihren beiden Söhnen den Alltag stemmt. Noch bis vor einem halben Jahr hat die Diplomingenieurin für Bekleidungstechnik rund 30 Wochenstunden gearbeitet. Ihre Kinder Emil und Konrad, vier und sechs Jahre alt, versorgte sie dann sechs Tage lang allein. So lange arbeitet ihr Mann fern von Hamburg. Hilfsbereite Großeltern, die die Familie entlasten könnten, „sind übers Land verteilt“. Inzwischen kümmert sich die 35-Jährige ganztags um ihre Familie. Sie hätte in ihrem Beruf noch stärker präsent sein müssen, Dienstreisen eingeschlossen, „da war klar, dass ich das nicht guten Gewissens machen konnte“.

          Ursula Kals

          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Jugend schreibt“.

          Die Freude ist groß, wenn ihr Mann dann seine vier, fünf freien Tage hat und wieder daheim in Hamburg ist. Mit optimistischem Realismus hat sich Vera Sagan auf den Rhythmus von Willkommen und nahem Abschied eingestellt. Ihr Mann mag seinen spannenden Beruf, er verdient mehr als sie, und es gab auch schon andere Zeiten. Zum Beispiel das Jahr, in dem er wechselweise von Rostock und Dortmund losflog und sich die Dienstpläne ständig änderten. „Das war sehr stressig, man konnte Einladungen nicht verbindlich zusagen und glaubte erst, dass er wirklich da war, wenn er in der Tür stand.“ Ein weiteres Jahr flog er für Finnair, war 14 bis 16 Tage unterwegs und dann vier Tage in Hamburg. Die Frühschichten und Nachtflüge schlauchten. Seit zwei Jahren hat sich der Alltag etwas entspannt. Beim jetzigen Arbeitgeber sind die Dienstpläne verlässlich, „und es gibt sie sechs Wochen im Voraus“, freut sich Vera Sagan. Fliegt der Mann mit Geschäftsleuten über den Wolken, regelt seine Frau das Leben in Hamburg, packt Schwimmrucksack und Spielplatztasche, liest Gutenachtgeschichten, geht zum Elternabend und hat den Alltag durchorganisiert. Dann trifft ihr Mann ein. „Wir brauchen alle einen Tag, um warm zu werden, und müssen uns dann wieder aneinander gewöhnen.“

          „Es ist nie einfach nur ein Wiedersehen“

          Peter Wendl, Theologe und Therapeut, bestätigt diese Erfahrung. Schließlich treffen zwei Menschen „aus gänzlich verschiedenen Alltagen“ am Wochenende aufeinander. „Es ist nie einfach nur ein Wiedersehen – es ist immer auch ein Neuanfang. Diese Paare müssen zwei unterschiedliche Lebenswelten vereinbaren: die getrennten Phasen während der Woche sowie die gemeinsamen Wochenende-Zeiten. Das kann ein zermürbender Rhythmus sein.“ Wendl hat über Fernbeziehungen promoviert. Titel seiner Dissertation: „Fernbeziehungen – zwischen Krise und erfüllender Partnerschaft“. Er arbeitet am Zentralinstitut für Ehe und Familie an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt und hat Gespräche mit mehr als 600 Pendlerpaaren geführt, unter anderem berät er in seinen Seminaren Soldaten, deren mehrmonatige Auslandseinsätze die Vereinbarkeit von Ehe und Familie auf eine harte Probe stellen können.

          Vera Sagan und ihr Mann haben sich auf ihr ungewöhnliches Leben eingestellt. Sie sind sich über Grundsätze in der Erziehung einig und darüber, dass nicht länger aufgeblieben wird, wenn Papa da ist. Was viel entscheidender für ein glückliches Miteinander ist: Sie haben „den Hektikdauerlauf“ eingestellt, mit dem sie früher die kostbaren gemeinsamen Tage bestritten haben: Getränke holen, Vorsorgetermin beim Kinderarzt, Treffen mit Freunden, alles wurde in die drei Tage gepackt.

          Das Tempo drosseln

          Das ist ein klassischer Fallstrick vieler Distanzlieben. Nach dem vermeintlichen Single-Dasein soll das Leben und die Liebe intensiv nachgeholt werden. Selbstkritisch sagt die Ingenieurin. „Ich habe da manchmal aus dem Blick verloren, dass mein Mann gearbeitet hat und ebenso Erholung braucht.“ Heute haben sie das Tempo gedrosselt, auch mit Blick darauf, dass ihr Mann mit seinen 46 Jahren bis zur Pensionierung noch einige Jahre fliegen wird und das Lebensmodell weiter harmonisch funktionieren soll. Seitdem breitet sich Zufriedenheit aus. „Hauptsache, die Familie funktioniert gut“, sagt Sagan. Und Zeit für mehr Zweisamkeit eroberten sie zurück, „das fällt uns leichter, je älter die Kinder werden“.

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