https://www.faz.net/-gyl-wea7

Fachkräftemangel : Sachsen händeringend gesucht

Hier wird entgratet: Ein Arbeiter in der Montagehalle der Niesky GmbH Bild: Matthias Lüdecke

In der Oberlausitz ist die Arbeitslosigkeit hoch. Trotzdem stöhnen die Betriebe, dass sie kein Personal finden - zumindest kein qualifiziertes. Ein Ortsbesuch beim Brückenbauer Niesky.

          4 Min.

          Das deutsche Jobwunder hat Haken und Ösen, zum Beispiel in Deutschlands südöstlichem Zipfel. Die Statistik beschönigt nichts: Schlusslicht in Sachsen ist der Arbeitsagenturbezirk Bautzen, in Deutschland rangiert er auf Platz 170 von 178. Die Vermittler klingen wie Ärzte beim Bulletin, wenn es nicht mehr viel Hoffnung gibt. Zu lange lag die Arbeitslosenquote in Hoyerswerda und Görlitz stabil über 20 Prozent.

          Sebastian Balzter

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Dass sie im vergangenen November zum ersten Mal seit zehn Jahren darunterrutschte, traute sich kaum jemand zu sagen - wurde aus Eichstätt oder Pfaffenhofen doch gleichzeitig Vollbeschäftigung gemeldet. Und trotzdem: Auch hier, in der Problemzone des deutschen Arbeitsmarkts, fällt es Unternehmen schwer, offene Stellen zu besetzen.

          „Mindestens zehn Facharbeiter und drei Ingenieure“

          In der Fertigungshalle der Stahl- und Brückenbau Niesky GmbH, eine halbe Autostunde nördlich von Görlitz im Niederschlesischen Oberlausitzkreis, kommen Wolfgang Gräßlins Arme ins Rudern, wenn er seine Version vom Fachkräftemangel schildert. "Unsere Bücher sind voll", sagt der Geschäftsführer des Unternehmens. Gut 10 000 Tonnen Stahl wurden 2007 verarbeitet, der Umsatz liegt bei rund 25 Millionen Euro. Es sollen mehr werden. Allein in Sankt Petersburg, berichtet Gräßlin, seien Infrastrukturprojekte mit einem Volumen von 300 000 Tonnen Stahl zu vergeben.

          Ein Rückkehrer: Diplom-Ingenieur Hagen Webel arbeitet wieder in Sachsen
          Ein Rückkehrer: Diplom-Ingenieur Hagen Webel arbeitet wieder in Sachsen : Bild: Matthias Lüdecke

          Gräßlin ist keiner, der große Worte über ungelegte Eier macht. Er sagt es nicht laut, aber deutlich: "Zehn Facharbeiter und drei Ingenieure würde ich sofort einstellen." Dann rollt er die Hände ineinander und schiebt ein Wort nach. "Mindestens."

          Gut 50 000 Erwerbspersonen sind im Landkreis registriert, 8000 davon haben keine Arbeit. Gefragt aber sind genau die Qualifikationen, die sie nicht haben. Das ist kein Fluch, sondern vor allem Resultat der deutsch-deutschen Bevölkerungswanderung. Wer zur Wendezeit in Niesky mit der Schule fertig wurde, war noch nicht fest verwurzelt, aber schon frustriert von der Chancenlosigkeit in einer zusammenbrechenden Staatswirtschaft. Die Jungen wurden zuerst entlassen, ihnen fehlten die Sozialpunkte. Aus manchen Klassen der Geburtsjahrgänge von 1970 bis 1975 zogen mehr als die Hälfte der Abgänger in den Westen.

          Zurück in die Heimat

          Bald sind sie 40 Jahre alt. Zeit, sesshaft zu werden und in die Heimat zurückzukehren. So kalkuliert die Initiative "www.sachsekommzurueck.de" der Industrie- und Handelskammer Dresden, die seit 2003 im Internet um Heimkehrer wirbt. Rund 3500 Nutzer klicken im Monat die Seite an, 170 Arbeitsverträge sind bislang so zustande gekommen. Zurzeit sind 128 Stellen im Angebot, gesucht werden CNC-Fräser genauso wie Finanzberater.

          Aber vor allem Ingenieure wie Hagen Webel. Er ist 34 Jahre alt, fast zwei Meter groß. Nach dem Studium in Dresden packte er die Koffer, Jobs gab es im Westen. 2004 kam er aus dem hessischen Dietzenbach zurück nach Sachsen, genauer: nach Niesky, zu Wolfgang Gräßlin. Im Büro hängen Fotos seines bisher spektakulärsten Einsatzes an der Autobahnbrücke über die Wilde Gera. Im Treppenhaus setzt sich die Sammlung von Brücken "made in Niesky" mit der Altstadtbrücke über die Neiße in Görlitz und der grazilen Passarelle über den Rhein zwischen Kehl und Straßburg fort, nächstes Prestigeprojekt soll die Waldschlösschenbrücke in Dresden sein. Jetzt ist das Air-Rail-Center am Flughafen Frankfurt die größte Baustelle.

          Schweißer sind die Spitzenverdiener der Region

          Wie bringt man Tausende Tonnen Stahl dorthin, gestückelt in 80 Tonnen schwere Einzelteile? "Nach Frankfurt geht das mit Spezialtransportern über die Autobahn", sagt Hagen Webel. "Zwei Nächte brauchen wir dafür." Wie bugsiert man die Teile dann an die richtige Stelle, auf ihre Widerlager? Alltagsfragen für den Mann mit der hohen Stirn. Absperrungen organisieren, passende Kräne und Winden finden - und am Tag X mit Helm auf dem Kopf die Verantwortung übernehmen, das ist seine Arbeit. "Und für solche Aufgaben fehlen uns mehr gute Leute."

          Weitere Themen

          Hildburghausen schließt sich ein

          Corona in Ostdeutschland : Hildburghausen schließt sich ein

          Lange gab es im Osten kaum Corona-Fälle, doch nun häufen sich dort die Infektionen. Ausgerechnet während des „Lockdown light“ steigen die Zahlen teils dramatisch. Einen Landkreis in Thüringen trifft die Pandemie besonders stark.

          Topmeldungen

          Zum Tod von Diego Maradona : In den Händen Gottes

          Bei der WM 1986 wurde er in Argentinien zum Heiligen. Er war einer, der es nach ganz oben schaffte. Nun muss die Fußball-Welt sich von einem ihrer größten Spieler verabschieden: Im Alter von nur 60 Jahren ist Diego Armando Maradona gestorben.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.