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Gratis-Einfrieren von Eizellen : In Empörung vereint

Facebook umwirbt die Frauen mit allen Mitteln. Bild: Picture-Alliance

Facebook und Apple unterstützen ihre Mitarbeiterinnen dabei, ihren Kinderwunsch auf später zu verschieben. In Deutschland überwindet die gemeinsame Empörung darüber überraschende Gegensätze.

          7 Min.

          Facebook und Apple bläst der Wind in Deutschland wieder eiskalt ins Gesicht. Schuld sind diesmal allerdings weder perfide Datenschutzbestimmungen noch schockierende Arbeitsbedingungen. Stattdessen sorgt ein Angebot an die eigene Belegschaft in den Vereinigten Staaten für Empörung: Die Mitarbeiterinnen, die sich die Erfüllung ihres Kinderwunsches auch gerne über die schwere Zeit der Wechseljahre hinweg sichern würden, können dies gerne tun. Und zwar auf Rechnung des Arbeitgebers.

          Corinna Budras

          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

          Von Januar an übernimmt Apple die Kosten in Höhe von bis zu 20.000 Dollar dafür, dass Frauen Eizellen einfrieren und einlagern lassen, um sie bei Bedarf - Jahre, wenn nicht gar Jahrzehnte später - wieder auftauen zu können. Bei Facebook gibt es ein vergleichbares Programm. Diese wertvollen Eizellen können befruchtet und der Frau wieder eingesetzt werden. Wenn alles gut läuft, reift dann in ihr ein Kind, das auf natürlichem Wege gar nicht zustande gekommen wäre. Denn der modernen Frau in der westlichen Welt mögen zwar nicht mehr viele Grenzen gesetzt sein, aber eine war bisher unverrückbar: das Ende der Fruchtbarkeit, meist ab Mitte 40.

          In Deutschland überwindet die gemeinsame Empörung darüber überraschende Gegensätze: Der Deutsche Gewerkschaftsbund und die Bundesvereinigung der Arbeitgeberverbände lehnen das Angebot schon vorsorglich ab, obwohl es noch keinen einzigen Arbeitnehmer in Deutschland erreicht hat. Bisher gilt es nur in den Vereinigten Staaten, wo die Kultur der Arbeitnehmerverhätschelung ohnehin schon ganz andere Eskalationsstufen erreicht als hierzulande. Die CDU hält das Angebot für „unmoralisch“; die Linke meint, dahinter stecke ein „verachtendes Frauenbild“. Dahinter verbirgt sich wohl vor allem die Angst, den Frauen könne so viel zynische Großzügigkeit bald auch hierzulande drohen.

          Was haben Apple und Facebook nur davon?

          Natürlich sollte niemand so naiv sein, zu glauben, Facebook und Apple finanzierten die Prozedur aus reiner Großzügigkeit. Trotzdem muss man einige Fakten ausblenden, um sich der Aufregung anzuschließen. Sicher, „Social Freezing“ ist der ziemlich irreführende Begriff für eine aufwendige Prozedur, die die Fruchtbarkeit zumindest theoretisch bis ins hohe Alter ausdehnen kann, so wie es Männern schon immer gegeben war. Und bei Frauen ist das alles andere als trivial: Zunächst müssen sie sich einer wochenlangen Hormontherapie unterziehen, bevor sie sich unter Narkose die Eizellen entnehmen lassen, wenn möglich zehn bis 20 je Zyklus. In Deutschland liegen die Kosten dabei pro Eingriff bei 3000 Euro aufwärts, Lagerung und die Wiedereinpflanzung kommen noch hinzu. Um die Chancen zu vergrößern, dass am Ende auch tatsächlich ein Kind daraus erwächst, kann die Prozedur mehrmals durchlaufen werden. Dazu muss eine Frau schon ziemlich überzeugt sein, dass sie irgendwann einmal tatsächlich Mutter werden möchte.

          Was also hat ein Unternehmen wie Facebook oder Apple davon, eine derart komplexe und überaus private medizinische Prozedur finanziell zu unterstützen? Zunächst einmal kommt das Angebot nicht umsonst von Unternehmen, in denen der Anteil von Frauen in der Belegschaft mit gerade einmal 30 Prozent beschämend gering ist. Das wissen auch Apple und Facebook, deshalb versuchen sie mit allen Mitteln, Frauen an Land zu ziehen. Gehalt ist im Kampf um qualifizierte Mitarbeiter schon lange kein Argument mehr. In den Vereinigten Staaten zählt eine ganz andere Währung. Exzellente Arbeitsbedingungen und etwas, das die Amerikaner „perks“ nennen: Sonderleistungen. In Deutschland ist das der Freikaffee in der Firmenküche, der kostenlose Betriebssport oder der Blumenstrauß beim runden Geburtstag.

          In Amerika stecken dahinter ganz andere, auch finanzielle Versprechen: ein Willkommensgruß in Höhe von 4000 Dollar für jedes Baby, die Übernahme der Kosten für Fruchtbarkeitsbehandlungen oder für eine Adoption. Das kann man aus deutscher Sicht als Grenzüberschreitung betrachten, empörend und übergriffig. Doch in den Vereinigten Staaten hat es einen simplen Grund: Schon seit Jahrzehnten liegt das Gesundheitssystem nicht wie in Deutschland mit seiner gesetzlichen Krankenversicherung im Wesentlichen in staatlicher Verantwortung, sondern ist eng gekoppelt an den Arbeitgeber. Je mehr ein Unternehmen auf sich und seine Mitarbeiter hält, desto größer ist auch das angebotene Versicherungspaket. Auch die jüngste Gesundheitsreform hat daran nur wenig geändert.

          Wer sich dem Druck widersetzt, wird genauso belohnt

          Die nüchterne Meldung, die Nachrichtenagenturen wie Reuters zu den Plänen der Silicon-Valley-Unternehmen verbreitete, lautete denn auch nicht umsonst: Apple und Facebook signalisierten mit dem Angebot ihren Willen, im Rennen um die besten Talente ihre Leistungen weiter auszubauen. Kommentatoren in den Vereinigten Staaten schrieben, damit sei die Methode in der Lebenswirklichkeit der Amerikaner angekommen. Nun muss man dieses Bekenntnis zur Frauenförderung nicht glauben. Und selbst in den Vereinigten Staaten tun dies längst nicht alle.

          Auch dort gibt es Bedenken, dass Frauen bei solch einem Angebot nur schlecht nein sagen könnten. Es könnte sozialer Druck entstehen, sich der Prozedur zu unterziehen, nur um deutlich zu machen, dass man gewillt ist, sich nicht von etwas so Banalem wie der Familienplanung von einer großartigen Karriere abbringen zu lassen. Den Konzernen frauenfeindliche und ausbeuterische Absichten zu unterstellen, greift dennoch zu kurz. Denn Leistungen des Versicherungspakets besprechen Mitarbeiter in Amerika üblicherweise nicht mit dem Chef, sondern direkt mit der Versicherung.

          Kritiker mahnen dennoch, das Angebot präge die Atmosphäre im Unternehmen. Es transportiere eine klare Warnung an Frauen im gebärfähigen Alter: Haltet Euch zurück! Nur wird dabei geflissentlich übersehen, dass die Frauen, die sich diesem „Druck“ widersetzen, auch noch mit 4000 Dollar Babyprämie und bezahltem Mutterschaftsurlaub belohnt werden. Vielleicht schlägt die Keule der Diskriminierung wenigstens dann zu, wenn sie wiederkommen, indem sie gekündigt oder kalt gestellt werden? Klingt wenig wahrscheinlich, wenn man bedenkt, wie mühsam die Frauen an Land gezogen wurden. Und wenn doch? Dann können sie klagen - wie Tausende Frauen zuvor.

          Wenigstens dir Firma soll sich aus dem Privatleben raushalten

          Dass bei vielen in Deutschland diese Offerte nicht nur Unbehagen, sondern starke Ablehnung hervorruft, hat ganz andere Gründe: Hierzulande ist vielen die Einmischung privater Unternehmen in das Privatleben ein Graus, noch dazu von solchen Datenkraken wie Facebook, die in der öffentlichen Wahrnehmung ohnehin schon die intimsten Geheimnisse ihrer Nutzer ausbeuten. So etwas überlassen sie lieber dem neutral erscheinenden Staat, der sich schon tief in das Privatleben seiner Bürger eingegraben hat: Mutterschutz, Kindergeld, Elterngeld, Betreuungsgeld, staatlich geförderte Kindergärten. In diesem engmaschigen Netz von Sozialleistungen bleibt den Unternehmen nur wenig Spielraum, eigene Akzente zu setzen. Hierzulande kann man vor allem mit Boni, ansonsten allenfalls mit extravaganten Weihnachtsfeiern, einem üppigen Fortbildungsangebot oder einer flächendeckenden Versorgung mit Smartphones und Tabletcomputern punkten. Mehr ist auf absehbare Zeit weder nötig noch erwünscht.

          Der Zukunftsforscher Sven Gabor Janszky sieht zwar künftig auch für deutsche Unternehmen eine große Chance darin, umworbene Fachkräfte mit der Erfüllung ihrer Lebenswünsche zu locken. Fragt man dagegen Mediziner, Arbeitsrechtler oder Unternehmen, winken die eher ab. Das heißt freilich nicht, dass die Methode in Deutschland auf Dauer keine Chance hat. Im Gegenteil. Während die emotionalen Wogen in den vergangen Tagen hochschlugen, fand in Göttingen erstmals eine nüchterne internationale Fachtagung zur „hinausgeschobenen Mutterschaft“ und ihren ethischen Implikationen statt. Organisiert wurde die Konferenz „Postponed Motherhood and the Ethics of Family“ von Stephanie Bernstein und Claudia Wiesemann vom Institut für medizinische Ethik an der Göttinger Universität.

          Zwei Tage diskutierten die Teilnehmer über die Vor- und Nachteile des „Social Freezing“, die ethischen Bedenken und medizinischen Vorzüge und die Frage, ob es sich nun um eine feministische Errungenschaft oder das glatte Gegenteil handelt: Wird durch diese Prozedur der Druck nicht noch mehr erhöht, doch irgendwann Kinder zu bekommen, wenn nicht jetzt, dann doch wenigstens später im hohen Lebensalter? Für Stephanie Bernstein, Ärztin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut, ist klar: „Die Debatte kocht derzeit auch deshalb so hoch, weil sie uns zwingt, traditionelle Rollenbilder zu überdenken: Wann handelt eine Mutter verantwortlich - und wann nicht?“

          Frauen verzögern ihre Elternschaft auch, weil es Männer tun

          Es ist noch nicht lange her, da war diese Methode hierzulande noch völlig unbekannt. Und noch immer - 50 Jahre nach der ersten Antibabypille - kann man sich nur schwer daran gewöhnen, dass der Mensch in die Reproduktion eingreift. Hat es nicht seinen Grund, dass Frauen bisher spätestens zur Lebensmitte mit dem Kinderkriegen aufhören müssen, während Männer bis ins hohe Alter ihr Erbgut in die Welt streuen können? Muss man wirklich ohne Not in diesen sinnvollen Lauf des Lebens eingreifen?

          Die Methode allerdings ist legal und wird seit mehr als zehn Jahren praktiziert, auch in Deutschland bieten sie viele Reproduktionskliniken an. Bisher wurde sie meist von Frauen genutzt, die älter sind als 30 Jahre. Der vorherrschende Grund hat zumindest bisher nur wenig mit der Karriere zu tun: Fast 90 Prozent der Frauen entscheiden sich dafür, weil sie schlicht keinen Partner haben. Viele täten dies, kurz nachdem eine Verbindung in die Brüche gegangen sei, berichtet die Göttinger Medizinethikerin Wiesemann.

          Die bittere Wahrheit im mitunter verzweifelten Spiel um die Verlängerung der Fruchtbarkeit lautet manchmal schlicht: Frauen verzögern ihre Elternschaft auch deswegen, weil es Männer tun. Sich binden, die Verpflichtung für eine Familie eingehen, während die Karriere eigentlich ihrem Höhepunkt zustreben müsste? In Zeiten, in denen, bitte schön, auch Väter Präsenz auf dem Spielplatz zeigen müssen? Das erscheint einer wachsenden Zahl von Männern inzwischen nicht mehr zwingend. Und ihnen bleibt schließlich später auch noch genügend Zeit. So mancher schaut mit Argwohn nicht nur auf die quengelnde Partnerin, sondern auf jede Single-Frau, die die 30 überschritten hat. Es ist noch nicht lange her, da gratulierte ein besonders offener Zeitgenosse einer Bekannten zum 30. Geburtstag mit den Worten: „Jetzt bist du für Männer eine tickende Zeitbombe.“ Kleiner Scherz oder Ausdruck eines weitverbreiteten Bedrohungsgefühls?

          Grauhaarige Mütter - für viele noch unvorstellbar

          Früher hätte die Frau als „tickende Zeitbombe“ nur eine Option gehabt: abends in ihre Kissen zu heulen. Heute geht sie in die Reproduktionsklinik. Aus Sicht der Ärzte hat das nur einen Haken: Sie kommen spät. Frauen, die sich mit 30 dafür entscheiden, sich alles offenzuhalten, haben nur noch eine Chance von rund 25 Prozent, tatsächlich im höheren Alter schwanger zu werden. Je jünger die Eizellen sind, desto mehr Eizellen können entnommen werden, und desto höher ist auch ihre Qualität und die Chance einer späteren Schwangerschaft.

          Mit Anfang oder Mitte 20 denkt aber noch kaum eine Frau daran, dass sie irgendwann einmal zu alt sein könnte für den eigenen Nachwuchs. Dabei wäre das genau der Zeitpunkt, wo sich solch eine Maßnahme lohnen könnte, sagt Wiesemann. Aus medizinischer Sicht sei es weniger problematisch als üblicherweise vermutet, wenn Frauen die Kinder später austrügen. Langzeitstudien zeigen, dass zumindest bei der Gruppe der gut ausgebildeten 40- bis 45-Jährigen die Risiken einer Schwangerschaft im Vergleich zu denen einer Zwanzigjährigen nur leicht erhöht seien.

          Bei allem Jubel über jüngere Mütter werde stets vergessen, dass sich unsichere Lebenslagen nicht gerade positiv auf ein Kind auswirken, sagt die Ethik-Professorin. Bei Kindern, die nach Social Freezing geboren wurden, haben Studien bisher keine Auffälligkeiten gezeigt. An eins müsste sich die Gesellschaft dann allerdings noch mühsam gewöhnen: Dass nicht nur grauhaarige Väter Kinderwagen durch die Gegend schieben, sondern auch grauhaarige Mütter. Für viele noch unvorstellbar.

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