https://www.faz.net/-gyl-7vace

Gratis-Einfrieren von Eizellen : In Empörung vereint

Was also hat ein Unternehmen wie Facebook oder Apple davon, eine derart komplexe und überaus private medizinische Prozedur finanziell zu unterstützen? Zunächst einmal kommt das Angebot nicht umsonst von Unternehmen, in denen der Anteil von Frauen in der Belegschaft mit gerade einmal 30 Prozent beschämend gering ist. Das wissen auch Apple und Facebook, deshalb versuchen sie mit allen Mitteln, Frauen an Land zu ziehen. Gehalt ist im Kampf um qualifizierte Mitarbeiter schon lange kein Argument mehr. In den Vereinigten Staaten zählt eine ganz andere Währung. Exzellente Arbeitsbedingungen und etwas, das die Amerikaner „perks“ nennen: Sonderleistungen. In Deutschland ist das der Freikaffee in der Firmenküche, der kostenlose Betriebssport oder der Blumenstrauß beim runden Geburtstag.

In Amerika stecken dahinter ganz andere, auch finanzielle Versprechen: ein Willkommensgruß in Höhe von 4000 Dollar für jedes Baby, die Übernahme der Kosten für Fruchtbarkeitsbehandlungen oder für eine Adoption. Das kann man aus deutscher Sicht als Grenzüberschreitung betrachten, empörend und übergriffig. Doch in den Vereinigten Staaten hat es einen simplen Grund: Schon seit Jahrzehnten liegt das Gesundheitssystem nicht wie in Deutschland mit seiner gesetzlichen Krankenversicherung im Wesentlichen in staatlicher Verantwortung, sondern ist eng gekoppelt an den Arbeitgeber. Je mehr ein Unternehmen auf sich und seine Mitarbeiter hält, desto größer ist auch das angebotene Versicherungspaket. Auch die jüngste Gesundheitsreform hat daran nur wenig geändert.

Wer sich dem Druck widersetzt, wird genauso belohnt

Die nüchterne Meldung, die Nachrichtenagenturen wie Reuters zu den Plänen der Silicon-Valley-Unternehmen verbreitete, lautete denn auch nicht umsonst: Apple und Facebook signalisierten mit dem Angebot ihren Willen, im Rennen um die besten Talente ihre Leistungen weiter auszubauen. Kommentatoren in den Vereinigten Staaten schrieben, damit sei die Methode in der Lebenswirklichkeit der Amerikaner angekommen. Nun muss man dieses Bekenntnis zur Frauenförderung nicht glauben. Und selbst in den Vereinigten Staaten tun dies längst nicht alle.

Auch dort gibt es Bedenken, dass Frauen bei solch einem Angebot nur schlecht nein sagen könnten. Es könnte sozialer Druck entstehen, sich der Prozedur zu unterziehen, nur um deutlich zu machen, dass man gewillt ist, sich nicht von etwas so Banalem wie der Familienplanung von einer großartigen Karriere abbringen zu lassen. Den Konzernen frauenfeindliche und ausbeuterische Absichten zu unterstellen, greift dennoch zu kurz. Denn Leistungen des Versicherungspakets besprechen Mitarbeiter in Amerika üblicherweise nicht mit dem Chef, sondern direkt mit der Versicherung.

Kritiker mahnen dennoch, das Angebot präge die Atmosphäre im Unternehmen. Es transportiere eine klare Warnung an Frauen im gebärfähigen Alter: Haltet Euch zurück! Nur wird dabei geflissentlich übersehen, dass die Frauen, die sich diesem „Druck“ widersetzen, auch noch mit 4000 Dollar Babyprämie und bezahltem Mutterschaftsurlaub belohnt werden. Vielleicht schlägt die Keule der Diskriminierung wenigstens dann zu, wenn sie wiederkommen, indem sie gekündigt oder kalt gestellt werden? Klingt wenig wahrscheinlich, wenn man bedenkt, wie mühsam die Frauen an Land gezogen wurden. Und wenn doch? Dann können sie klagen - wie Tausende Frauen zuvor.

Weitere Themen

Topmeldungen

Christliche Nationalisten : Biden und die Armee Gottes

Joe Biden macht den christlichen Anhängern Donald Trumps ein Angebot. Doch ein großer Teil von ihnen sind Nationalisten, die das Land für die weißen Christen zurückholen wollen. Biden sehen sie da nur als Feind.

F.A.Z.-Serie Schneller Schlau : Yoga dehnt sich aus

Sei es für den Körper oder für den Geist: Seit dem Lockdown scheint jeder Yoga zu machen. Ein Blick auf die Zahlen zeigt: Das stimmt nicht ganz. Doch ein Wirtschaftsfaktor sind die aus Indien stammenden Übungen allemal.
Ein Wartezimmerschild in einer Zahnarztpraxis

Corona-Maßnahmen begründen : Wir Verdrängungskünstler

Wie lassen sich die weit streuenden Corona-Maßnahmen begründen? Um diese Frage zu beantworten, muss unsere Gesellschaft vor allem aufhören, sie zu verdrängen. Ein Gastbeitrag.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.