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Existenzgründung mit Behinderung : Ziemlich gute Unternehmer

Bild: Cyprian Koscielniak

Wenn Menschen mit Behinderung ein Unternehmen gründen, ernten sie oft Kopfschütteln. Dabei kann sich der Mut lohnen: Wer sein eigener Herr ist, kann selbst entscheiden, wann, wo und wie lange er arbeitet. Hilfe vom Staat gibt’s obendrein.

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          Sven Koch hatte die Nase voll. Eigentlich hatte er das Gefühl, im Arbeitsleben alles richtig gemacht zu haben: Er studierte Wirtschaftsingenieurwesen, promovierte „magna cum laude“ über eine „Methodik zur Steigerung der Wandlungsfähigkeit von Fabriken im Maschinen- und Anlagenbau“, bekam eine Stelle als Produktionsleiter in einem Kunststoffunternehmen. Das alles mit multipler Sklerose seit seinem 21. Lebensjahr - einer schubweise verlaufenden Erkrankung des zentralen Nervensystems. In ihrer Anfangsphase ging die Krankheit mit Sehstörungen einher, später begann sie sich auch auf den Bewegungsapparat auszuwirken. Heute, mit 35 Jahren, kann Sven Koch nur noch sehr kurze Distanzen zu Fuß gehen, oft benötigt er dazu Krücken. Seinem Arbeitsplatz, der mit regelmäßigen Rundgängen durch große Werkshallen einherging und ihn zunehmend körperlich belastete, konnte er auf Dauer nicht gerecht werden. Eine neue Arbeit, die für seine Qualifikation angemessen gewesen wäre, gab es nicht in der Nähe seines Wohnorts. „Das war der Punkt in meinem Leben, an dem ich die Wahl hatte“, sagt er heute. „Entweder resignieren und aufgeben oder die Sache selbst in die Hand nehmen.“ Er entschied sich für Letzteres.

          Nadine Bös

          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Beruf und Chance“.

          „Selbst in die Hand nehmen“ - das bedeutete am Ende, dass Sven Koch Mitte 2012 seine eigene Unternehmensberatung gründete. „Dr. Koch Consulting“ ist auf das sogenannte „Lean Management“ spezialisiert, das ist Beraterdeutsch und bezeichnet eine bestimmte Methode zur Optimierung von Produktionsprozessen. Außerdem berät Koch Führungskräfte zum Umgang mit der Generation Y, also den nach 1980 geborenen Arbeitnehmern. Die Existenzgründung war für ihn ein guter Weg, die krankheitsbedingten Einschränkungen und die Karriereambitionen unter einen Hut zu bringen. „Ich kann meinen Lebensunterhalt bestreiten und habe zugleich Freiheiten, wenn es mir körperlich einmal nicht so gut geht“, sagt er. Sein eigener Herr zu sein hat viele praktische Vorteile für Koch. Mittlerweile kann er seinen Arbeitstag so gestalten, dass er mittendrin Zeit hat für eine Stunde Physiotherapie. Er hat keinen Chef mehr über sich, der komisch guckt, wenn er zwischendurch einmal während der Arbeit pausieren muss. Er kann seine Projekte so auswählen, dass er keine größeren Auslandsreisen machen muss. Und nicht zuletzt: Aufgrund einer anerkannten Behinderung, die aus seiner chronischen Erkrankung resultiert, wird er mit speziellen Hilfen vom Integrationsamt gefördert.

          Eine große Chance - selten genutzt

          „Dass Menschen mit Behinderung sich selbständig machen, ist in Deutschland noch ziemlich selten“, sagt Christel Mariß, Geschäftsführerin der Bundesarbeitsgemeinschaft der Integrationsämter. Im Jahr 2011 - aktuellere Zahlen gibt es noch nicht - erhielten Mariß zufolge gerade einmal 246 Personen in ganz Deutschland sogenannte „Hilfen zur wirtschaftlichen Selbstständigkeit“. Natürlich sei nicht jeder Hilfsantrag bei den Integrationsämtern erfolgreich, und natürlich beantrage nicht jeder Gründer mit Behinderung die Hilfen, räumt Christel Mariß ein. Auch Sven Koch kam nicht auf diese Idee, schließlich hatte er schon längst ein erstes Projekt an der Angel, als er seine Beratungsfirma aus der Taufe hob. In der täglichen Arbeit kommen telefonische Anfragen zu dem Thema äußerst selten vor, stellt Christel Mariß fest. „Menschen mit Behinderung wagen sich offenbar immer noch nicht in großem Stil an das Thema Existenzgründung heran.“

          Das ist schade, findet Manfred Radermacher, der für den Integrationsfachdienst Selbständigkeit in Berlin als Berater tätig ist. Radermacher hat schon Dutzenden Menschen mit Behinderung dabei geholfen, sich ihr eigenes Geschäft aufzubauen, er hat Businesspläne geprüft, Fördermöglichkeiten erläutert, Ideen gemeinsam mit den Gründern auf ihr Potential abgeklopft, verworfen, verbessert und verändert. „Die Selbständigkeit ist für viele Menschen mit Behinderung eine große Chance“, sagt Radermacher. Nicht nur glaubt er, dass es noch immer viele Unternehmen gibt, die Menschen mit Behinderung nicht einstellen und im Zweifel eher Ausgleichszahlungen leisten. Er glaubt auch, dass Selbständige mit Behinderung ihre Arbeit besser auf ihre individuellen Bedürfnisse abstimmen können als Angestellte. Dann erzählt Radermacher von seiner Kundschaft. Von Menschen mit rheumatischen Erkrankungen, die erst nachmittags ihre höchste Leistungsfähigkeit erreichen und deren Arbeitsrhythmus daher in viele etablierte Unternehmensabläufe nicht passt. Von ehemaligen Suchtkranken, die die Einnahme von Substitutionsmedikamenten in ihren Arbeitstag integrieren müssen. Von Menschen mit Nierenleiden, die dreimal in der Woche nachmittags ins Krankenhaus müssen. „All diese Dinge sind in einem normalen Angestelltenalltag schwer unterzubringen. Mit einer selbständigen Tätigkeit sind sie aber gut vereinbar“, findet der Berater. „Selbständige sind ihre eigenen Chefs und organisieren die Arbeitsprozesse so, wie es ihre Behinderung erfordert.“ Hinzu kommt: „Wer sein Büro zu Hause hat, kann es sich behindertengerecht einrichten. Rollstuhlfahrer haben in der Regel zu Hause ein angemessen ausgebautes Badezimmer. Diabetiker können in der eigenen Küche besser auf eine passende Ernährung achten als in der Betriebskantine. Auch blinde Menschen kennen sich meist in den eigenen vier Wänden am besten aus.“

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