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Existenzgründung : Hartz IV für 125.000 Selbständige

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Kiosk-Betreiber, Gebrauchtwagenhändler, Imbissbudenbesitzer: Viele Selbständige sind Einzelkämpfer. Bild: Frank Röth, F.A.Z.

Selbständig sein - das stand früher für ein gutes Einkommen und eine sichere Zukunft. Doch mittlerweile gründen immer mehr Menschen ein Unternehmen, um der Arbeitslosigkeit zu entgehen. Das geht oft nach hinten los.

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          So hatten sich das manche junge Existenzgründer nicht vorgestellt: Kaum waren sie ihr eigener Chef, da gerieten sie auch schon in die nächste Abhängigkeit - in die des örtlichen Jobcenters. Denn weil ihre Geschäftsidee nicht genug abwarf, haben allein im September 2012 mehr als 125.000
          Selbständige - ob Imbissbesitzer oder Gebrauchtwagenhändler, Grafiker oder freie Journalisten - Hartz-IV bezogen.

          „Aufstockende Selbstständige“ nennt die Bundesagentur für Arbeit (BA) das Phänomen. BA-Vorstandschef Frank-Jürgen Weise sieht darin inzwischen eine „Fehlentwicklung“, die er lieber heute als morgen abstellen möchte. Dennoch ist der Anteil der auf Hartz IV angewiesenen Selbstständigen immer noch vergleichsweise gering: Ihr Anteil lag Mitte vergangenen Jahres gerade mal bei drei Prozent.

          Hinter einer Existenzgründung steht selten eine pfiffige Geschäftsidee

          Trotzdem: Die Zeiten, in denen der Sprung in die Selbständigkeit hohes Einkommen und eine gesicherte Zukunft versprach, scheinen vorbei. Diesen Eindruck vermitteln jedenfalls jüngere Studien über die Lage der Solo-Selbstständigen in Deutschland - zuletzt eine am Mittwoch veröffentlichte Untersuchung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW).

          Nach Erkenntnissen des DIW-Volkswirts Karl Brenke haben die Umwälzungen am Arbeitsmarkt auch die Existenzgründer erreicht. Inzwischen steht hinter einer Existenzgründung eher selten eine pfiffige Geschäftsidee, mit der der frischgebackene Chef den Markt aufmischt und dabei ordentlich Kasse macht. Immer mehr Menschen in Deutschland entschieden sich eher aus der Not heraus für ein Leben als Freiberufler.

          Das liege auch daran, dass immer mehr Betriebe Aufgaben auslagerten und sie von Freiberuflern erledigen ließen, berichtet DIW-Volkswirt Brenke. „Das ist keine Modernisierung, sondern eine Segmentierung des Arbeitsmarktes, die nicht nur positive Züge hat“, schlussfolgert der Wissenschaftler.

          Ein Drittel im Niedriglohnbereich

          Abzulesen ist das etwa an den Einkommen von Freiberuflern. Der Durchschnittsverdienst eines Solo-Selbständigen in Deutschland liegt etwa bei 13 Euro die Stunde; allerdings gebe es krasse Einkommensunterschiede, berichtet Brenke. Einige Solo-Selbständige brächten es auf deutlich höhere Einkommen als die Mehrzahl der Erwerbstätigen. Ein Drittel der Solo-Selbständigen aber müsse sich mit einem Einkommen im Niedriglohnbereich zufrieden geben.

          Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) sieht die Lage der Solo-Selbstständigen nicht ganz so dramatisch. Das IAB hält die von Freiberuflern erzielten Einkommen durchaus für „existenzsichernd“. Unter die monatliche Armutsgrenze von 925 Euro fielen lediglich 12,5 Prozent der Solo-Selbständigen, heißt es in einer Studie von Ende vergangenen Jahres.  Einig sind sich die Fachleute aber in einem Punkt: Vor allem Solo-Selbstständigen fehlt das Geld, um für das Alter vorzusorgen. Mehr als 14 Prozent haben keine Altersversorgung, die meisten nur eine unzureichende.

          Kaum ein Selbständiger schafft noch Arbeitsplätze

          Aber auch andere Mythen der Freiberuflichkeit sind nach Erkenntnissen von Volkswirten und Arbeitsmarktforschern in den vergangen zehn Jahren ins Wanken geraten. So schafft kaum noch ein Existenzgründer zusätzliche Arbeitsplätze. Seit dem Jahr 2000 waren Existenzgründer fast ausschließlich Solo-Selbständige; 2010 war ihre Zahl auf knapp 2,5 Millionen gestiegen, während die der Chefs mit eigenen Mitarbeitern seit dem Jahr 2000 bei rund 1,9 Millionen stagniert.

          Arbeitsmarktforscher führen dies hauptsächlich auf die Förderpolitik der Bundesagentur zurück. Die hatte zwischen 2003 bis 2006 mit ihrer Ich-AG-Förderung und ab Mitte 2006 mit ihrem Gründungszuschuss für einen Boom bei Solo-Selbständigen gesorgt. Selbst fünf Jahren nach der Existenzgründung arbeitete die Mehrzahl noch immer als Ein-Mann-Betrieb. Inzwischen hat die Bundesagentur - nicht zuletzt wegen der guten Arbeitsmarktlage - die Existenzgründungsförderung von Arbeitslosen stark zurückgefahren.

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