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Burnout : Wenn die Seele zurückschlägt

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Regenwetter für die Seele: Wie sich der Burnout anfühlt. Bild: dpa

Auf einmal ging nichts mehr: Jürg Wenger, Betriebswirt mit guter Position warf sich mitten im Einkaufszentrum auf den Boden, fuchtelte mit den Armen und schrie. Hilferufe eines Mannes, der psychisch am Ende war. Hier erzählt er, wie sich der Burnout anfühlt.

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          Das sogenannte Burnout kennen die meisten, zumindest vom Hörensagen. Das Syndrom ist kein anerkanntes Krankheitsbild, sondern umfasst psychische Erkrankungen wie etwa Depressionen. Die Burnout-Diagnose beschreibt einen Zustand emotionaler Erschöpfung, Widerwillen gegen die aktuelle Tätigkeit und verminderte Leistungsfähigkeit.

          Und doch hat jeder Fall seine eigene Geschichte. Für den Schweizer Jürg Wenger, einen sportlichen Typen im Alter von 46 Jahren, wurde der 7. Februar 2013 zum Schicksalstag. Während des Mittagessens in einem Einkaufszentrum ging nichts mehr. Der studierte Betriebswirt mit guter Position im Netzwerkausrüster Cisco warf sich auf den Boden, fuchtelte mit den Armen und schrie - Hilferufe eines Mannes, der psychisch am Ende war. Der begleitende Kollege rief den Krankenwagen, der Wenger in ein Krankenhaus brachte.

          Wenn der Schweizer heute über seine damaligen Rufe „Ich kann nicht mehr“ spricht, dann erinnert er sich genau. Ihm war klar, dass er seine Karriere ruinieren würde, aber es war ihm gleichgültig geworden. Den Zusammenbruch konnte und wollte er wohl auch nicht mehr verhindern. Die Ärzte schrieben ihn für zwei Wochen krank. Sie sagten, somatisch sei er gesund, aber er benötige psychotherapeutische Hilfe. Die erste erhielt er über die telefonische Nothilfe seines Arbeitgebers, wo ihn ein verständnisvoller Gesprächspartner etwas stabilisieren konnte. Daneben brachte die empfohlene Atemtherapie eine leichte Besserung. Aber alles war nur eine Art Erster Hilfe. Mehr lag nicht drin.

          Klaustrophobische Anfälle im Flugzeug, Angstzustände in der Nacht

          Warnzeichen für den heraufziehenden Zusammenbruch hatte es zuvor gegeben, aber sie waren ihm nicht klar, erzählt der ehemalige Leiter der Servicesparte von Cisco in der Schweiz, wo er Anfang 2012 begonnen hatte. Sie hatten etwa vier Monate vor dem Kollaps begonnen. Ein Alarmsignal waren Schlafstörungen. Als noch deutlich schlimmer entpuppten sich die Panikattacken, auch wenn sie nach drei bis 30 Minuten wieder vorüber waren. Wenger nennt klaustrophobische Anfälle im Flugzeug und im Zug sowie Angstzustände in der Nacht. Endgültig aus der Bahn warf ihn dann die Ablehnung eines Ferienantrags, verbunden mit der Mitteilung seines Vorgesetzten, er könne nicht mehr an den Quartalsenden Urlaub nehmen. Wenger erkannte schnell: Damit waren Ferien mit seiner Frau und den zwei schulpflichtigen Kindern bis auf weiteres passé.

          Wenn der Manager rückblickend seine Situation analysiert, dann spricht er von einem negativen Zusammenspiel aus Arbeitsumfeld, Anforderungen an ihn und eigener Persönlichkeitsstruktur. Nicht gerade hilfreich dürfte gewesen sein, dass er bei seinem vorhergehenden Arbeitgeber nicht heimisch geworden war und jetzt unter dem Druck stand, sich selbst und seinem Unternehmen eine gute Wahl zu bescheinigen. Er definiere sich keineswegs nur über seine Arbeit, stellt Wenger klar, aber er habe stets hohe Ansprüche an sich gestellt.

          Die Absicht war eindeutig: Er wollte alle möglichen Erwartungen erfüllen. Entsprechend ging das Burnout mit einem „Machtverlust gegen seine eigene Psyche“ einher, wie der Gesprächspartner im Rückblick formuliert. Jürg Wenger glaubt, dass das Burnout eines Angestellten für den Arbeitgeber grundsätzlich schwierig zu handhaben ist. Er zeige Anteilnahme, fühle wohl auf unbestimmte Art und Weise ein Stück Mitverantwortung, kenne die Antwort aber nur vage und sei von der Persönlichkeit des Betroffenen zu weit entfernt. Wenger findet den Vergleich mit Kondolenzbezeugungen in einem Trauerfall ziemlich passend. Sie betreffen ein schlimmes Ereignis, das jedoch von der eigenen Befindlichkeit ziemlich weit weg ist.

          Fernseher weg, Handy weg, E-Mails weg

          Auch die Ferien auf Sylt nach dem Aufenthalt im Krankenhaus brachten keine Wende in Wengers Zustand. Im April 2013 entschloss sich der offene und eigentlich begeisterungsfähige Mann daher zu einer siebenwöchigen stationären Behandlung in der psychiatrischen Klinik Hohenegg am Zürichsee. Obwohl diese unweit seines Wohnorts liegt, war die Psychiatrie „eine schwierige Entscheidung“, wie er sagt. Dafür waren seine Frau und die Kinder in der Nähe, die eine unentbehrliche Stütze bildeten. Von externen Einflüssen konnte sich Wenger abschirmen: Fernseher weg, Handy weg, E-Mails weg. Neben der ärztlichen Behandlung empfand der Patient zwei Einflüsse als aufbauend. Erstens erlebte er, dass es anderen Patienten nach ihrem Infarkt der Psyche noch schlechter ging. Mehreren sei vom Arbeitgeber gekündigt worden, wohingegen sich seiner sehr fair verhalte. Zweitens konnten sich die Leidensgenossen in die Situationen der anderen hineinfühlen.

          In jener Zeit beginnt Wenger zu malen - und das sehr gut. Zunächst geschieht dies nur zur Ablenkung und Erholung. Sein erstes Bild ist die Kopie eines Werkes des modernen Malers Roy Lichtenstein. Es zeigt eine junge Frau. Das Bild wird beherrscht von ihrem zweifelnden, auch etwas furchtsamen Blick. Wahrscheinlich habe das Unterbewusstsein das Motiv ausgewählt, sagt er. Den Text in der Sprechblase lässt er weg. Er empfindet ihn als zu hoffnungslos.

          Innere Leere und Hoffnungslosigkeit

          Jürg Wenger fühlt sich am Ende des Klinikaufenthalts besser. Aber die Verbesserung trügt. Selbst kleine Autofahrten strengen ihn immer noch an. Die Augen beginnen dann zu schmerzen. Je näher der Termin zur geplanten Wiederaufnahme der Arbeit im Oktober 2013 rückt, desto schlechter fühlt er sich. Einerseits war er „therapiemüde“ geworden, wie Wenger formuliert, andererseits verläuft ein erstes Geschäftsmeeting im September „extrem frustierend“. Der Patient hat nur eine Scheinblüte erlebt, an Weihnachten und zur Jahreswende kehren die Panikattacken zurück.

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          Im April 2014 geht Wenger ein zweites Mal in die Hohenegg. Innere Leere paart sich mit Hoffnungslosigkeit. Wird er jemals wieder in das normale Leben zurückfinden? In dieser extrem schwierigen Lage greift er wieder zum Malpinsel. Er beschreibt die Situation mit folgenden Worten: „Aus der Spielerei wurde Ernst, aus der Ablenkung ein Versuch der Befreiung.“ Es entstehen Bilder aus dem Inneren, etwa eine längliche Figur in einer Schraubenpresse, betitelt „Ohne Macht“. Besonders gelungen findet Wenger eine geradezu schmerzhaft grelle Scheibe, über die er Wellenlinien malte. Sie drücken die an- und abflauenden körperlichen Schmerzen aus: Schwindel, Schweißausbrüche, Unwohlsein.

          Der zweite Klinikaufenthalt dauerte nochmals sieben Wochen. Nicht alles ist gut, aber sein Zustand verbessere sich stetig, sagt Wenger heute. Er hat die an ihn herantretenden Herausforderungen wieder im Griff. Dies allerdings unter veränderten Vorzeichen. Jürg Wenger nennt folgende Elemente: Er übt bei Cisco einen weniger fordernden Job aus. Sein Arbeitspensum begrenzt er bewusst. Mehr als 100 Prozent sollen es nicht sein. Er denkt weniger in monetären Kategorien, sondern in seinen Worten „wertschätzender“. Eine gut erlernte Atemtechnik hilft körperlich. Vor allem aber sagt der Mann mit dem großen Engagement und den hohen Anforderungen an sich selbst öfter einmal „nein“, wenn der Ballast zu groß zu werden droht. Abends sind das Smartphone und der E-Mail-Account des Geschäfts ausgeschaltet.

          Jürg Wenger malt weiterhin, aber ganz bewusst ohne kommerzielles Interesse. Für ihn ist diese Tätigkeit vielmehr eine wichtige „Achtsamkeitsmeditation“ an der Schwelle zum wieder ganz normalen Leben.

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