https://www.faz.net/-gyl-9tnyl

Gründerinnen am Rand : „Sobald es ums Geld geht, sollen wir still sein“

Teilnehmer des Projekts „F-Lane“ während eines Workshops in Berlin Bild: Vodafone Institut

Noch immer fließt kaum Risikokapital in Start-ups mit Frauen an der Spitze. Doch nicht nur mit Finanzierungsproblemen haben junge Unternehmerinnen zu kämpfen.

          3 Min.

          Jillian Kowalchuk dachte, es gehe ums Geschäft. Doch er wollte ihr nur an die Wäsche. Die Kanadierin war gerade nach London gezogen und auf der Suche nach Investoren für ihre App Safe & the City. Die Anwendung erstellt personalisierte Routen, um zum Beispiel Frauen oder Minderheiten einen sicheren Weg durch die Stadt zu zeigen. Kowalchuk war zu einem Abendessen mit Investoren eingeladen. Bei Wein und Käse sollten sich Gründer und Geldgeber finden. Sie traf tatsächlich auf jemanden, der ihr Start-up unterstützen wollte – im Gegenzug für Sex.

          Jessica von Blazekovic

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Kowalchuk erzählt diese Geschichte in Berlin. Dort nimmt sie an einem siebenwöchigen Förderprojekt für Jungunternehmen teil, das sich F-Lane nennt und vom Vodafone Institut und der internationalen Denkfabrik Impact Hub organisiert wird. Die Initiative will technologische Lösungen von und für Frauen fördern. Die fünf Gründerteams sind fast ausschließlich weiblich und kommen aus Indien, Ghana, Nigeria, Großbritannien und Deutschland. Während ihrer Zeit in Berlin erhalten sie Beratung und Trainings, Zugang zu einem Netzwerk aus Investoren sowie eine Starthilfe in Höhe von 12 000 Euro. Zum Abschluss präsentieren die Gründerinnen ihre Start-ups vor Geldgebern – und erhalten im besten Fall frisches Kapital.

          Dass eine Finanzspritze für weiblich geführte Tech-Start-ups keine Selbstverständlichkeit ist, zeigen neue Zahlen des Risikokapitalgebers Atomico, der den Bericht „The State of European Tech“ herausgibt und darin unter anderem auf die Finanzierung europäischer Tech-Start-ups blickt. Die ernüchternde Bilanz einer Umfrage unter 1200 Gründern aus ganz Europa lautet in diesem Jahr: Die Finanzierung reiner Frauenteams geht zurück. Zwischen Oktober 2018 und September 2019 flossen 91,6 Prozent der Investitionen an männliche Gründerteams. 8 Prozent entfielen auf gemischtgeschlechtliche Start-ups. Für rein weiblich geführte Jungunternehmen blieben 0,4 Prozent übrig – obwohl sie 21 Prozent der Stichprobe ausmachten.

          Sophia Bendz kennt dieses Problem. Sie arbeitet bei Atomico als sogenannter „Business Angel“, das heißt, sie investiert in junge Unternehmen und unterstützt diese mit ihrer Expertise und Kontakten. Einen besonderen Fokus hat sie auf Frauen in der Tech-Branche gelegt. „Es fließt immer noch viel zu wenig Geld an Gründerinnen“, sagt die 39 Jahre alte Partnerin. Das liege vor allem daran, dass ein Großteil der Investoren männlich sei. Gleiches geselle sich eben gern zu Gleichem. Die gesamte Industrie sei bislang stark auf Männer ausgerichtet gewesen: Die Art, Ideen vor Investoren zu präsentieren etwa, oder die Gestaltung von Networking-Events. „Tagtäglich werden Gründerinnen benachteiligt, wenn auch unbewusst und vielleicht ohne böse Absicht“, sagt Bendz.

          Wie sich das anfühlt, weiß auch Sumiti Saharan. Sie ist eine der Gründerinnen von Together for Her, einem Programm, das die Müttersterblichkeit in Indien mit Hilfe von Technologie bekämpfen will. Auch Saharan nimmt an F-Lane teil. „Als Frau bekommst du Komplimente für deine Ideen. Sobald es aber ums Geld geht, sollen wir still sein“, sagt sie. Ihre Geschäftspartnerin Anne Reijns stimmt zu: „Als Frau musst du dich in Verhandlungen mit Männern immer besonders anstrengen oder am besten gleich einen Mann zur Unterstützung mitbringen.“ Zumindest in Indien sei das so.

          „Nicht nur da“, sagt Rico Gujjula. Er arbeitet in Deutschland und ist einer der Gründer von Boost Thyroid, einer App, die Patientinnen Einblicke in die Gesundheit ihrer Schilddrüse und ihre Hashimoto-Kondition gibt. Ihm falle immer wieder auf, wie seine Geschäftspartnerin von Investoren weniger ernst genommen werde als er. „Die verdrehen ihre Augen wenn sie spricht“, sagt Gujjula. Er glaubt, dass es viel mehr Unternehmen wie Boost Thyroid auf dem Markt gäbe, wäre Hashimoto nicht eine Krankheit, die viel stärker unter Frauen verbreitet ist als unter Männern. Auch Bendz sagt, dass Frauen stark unterversorgt seien mit Technologien für ihre Probleme: „Gerade im Gesundheitsbereich liegt viel ungenutztes Geschäftspotential.“ Die Investorin hofft, dass Wagniskapital künftig mehr danach verteilt wird, welche Lösungen ein Unternehmen bereitstellt – und nicht, welches Geschlecht die Gründer haben.

          Die F-Lane-Teilnehmerin Ivy Barley ist Gründerin des Unternehmens Developers in Vogue, das sich für den Einsatz von Technologie zur Weiterentwicklung Afrikas engagiert. Sie wünscht sich, nicht mehr unter dem Deckmantel der Frauenförderung für kostenlose Vorträge angefragt zu werden. Jillian Kowalchuk rät ihr, Mut zu haben und auch mal „nein“ zu sagen.

          Abigail Alabi Michael, die mit Rubi Health Frauen in ländlichen Gebieten Nigerias psychotherapeutisch betreut, hat einige unangenehme Situationen mit Krankenhausleitern erlebt, die lieber ihr Freund als ihr Geschäftspartner sein wollten. Heute habe sie ein dickes Fell: „Bleibt positiv, ihr wisst den richtigen Weg“, lautet ihre Empfehlung an junge Gründerinnen. Saharan schließlich glaubt, dass man Frauen darin trainieren müsse, an sich zu glauben und sich nicht wie ein Mann zu verhalten. Sie sollten mit Erfolg überzeugen – irgendwann sei es dann das Normalste der Welt, wenn Frauen mit am Verhandlungstisch sitzen.

          Weitere Themen

          Shooting-Star oder One-Hit-Wonder? Video-Seite öffnen

          Pete Buttigieg : Shooting-Star oder One-Hit-Wonder?

          38 Jahre, offen schwul, lange Zeit kaum bekannt und mit einem Nachnamen, den viele Wähler immer noch nicht aussprechen können: Der frühere Bürgermeister der 100.000-Einwohner-Stadt South Bend im Bundesstaat Indiana ist die große Überraschung im Präsidentschaftsrennen.

          Topmeldungen

          Morde von Hanau : Die Saat des Bösen

          Bluttaten wie in Hanau kommen nicht aus heiterem Himmel, sondern aus der Hölle des Hasses und der Verblendung. Wer der Radikalisierungsleiter Sprossen hinzufügt, trägt eine Mitverantwortung, wenn der Wahn zu einer Wahnsinnstat führt.

          Auslieferungsantrag : Wie denkt England über Julian Assange?

          In einer Woche beginnen die Verhandlungen über den Auslieferungsantrag von Julian Assange. Dass er in England nicht viele Unterstützer findet, liegt auch an der Persönlichkeit des Whistleblowers.
          Roger Stone vor der Urteilsverkündung

          Trumps Vertrauter : Stone muss ins Gefängnis

          Roger Stone, der langjährige Vertraute Donald Trumps, ist zu einer Haftstrafe von mehr als drei Jahren verurteilt worden. Wird der Präsident ihn begnadigen?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.