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Erfolgsgeheimnisse : Du bist gar nichts

  • -Aktualisiert am

Gladwell meuchelt manchen Mythos Bild: Tobias Everke

Warum manche Menschen erfolgreich sind und andere nicht, will der Kanadier Malcom Gladwell in seinem Buch „Überflieger“ erklären. Erfolg habe wenig mit Talent und Intelligenz zu tun. Gladwells Geschichten sind Kino im Kopf, und sie machen nachdenklich.

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          Immer mal wieder denkt man: Jetzt habe ich ihn. Jetzt hat er sich selbst widersprochen. Aber dann entwischt Malcolm Gladwell wieder, hinter seinen Vorhang aus faszinierenden Anekdoten, scharfsinnigen Beobachtungen und spritzigen Ideen. Warum manche Menschen erfolgreich sind und andere nicht, nicht weniger will der Kanadier und oft "Pop-Soziologe" genannte Autor in seinem Buch "Überflieger" erklären. Erfolg hat wenig mit Talent und Intelligenz zu tun, behauptet er. Du bist, was dein Umfeld und der Zufall aus dir machen.

          Für diese Theorie meuchelt Gladwell manchen Mythos: die Beatles? Keine genialen Musiker, sie übten einfach mehr als andere Bands. Bill Gates? Kein Computer-Genie, er schlüpfte nur 1975 durch ein kleines Zeitfenster, das älteren und jüngeren Konkurrenten verschlossen war. Der New Yorker Spitzen-Anwalt Joe Flom? Kein juristisches Naturtalent, er nutzte wie viele jüdische Zeitgenossen eine Marktlücke: die Beratung für feindliche Übernahmen, für die sich die meisten Kollegen zu fein waren.

          Das Ergebnis ist eine Theorie des sozialen Determinismus: Wie mutig, kreativ oder intelligent ein Mensch ist, spielt bei Gladwell keine große Rolle. "Die Gesellschaft ist alles, du bist nichts", ruft er allen Wunderkindern zu. Das heißt nicht, dass der Autor keine Empathie für seine Protagonisten zeigt: Wahre Krimis macht er aus ihren Lebensgeschichten. Er lässt sie schwitzen und ackern, begleitet sie in muffige Computersäle, in abgelegene Bergdörfer und in die Nähfabriken von Manhattans Lower Eastside. Er erklärt, warum Enkel jüdischer Lebensmittelhändler aus Polen überdurchschnittlich oft Anwälte wurden, die irischer Einwanderer aber nicht. Und er bringt Fluggäste auf die Idee, sich die Nationalität ihrer Piloten anzusehen: Je nach Herkunft und Muttersprache könnte es sein, dass sie eher eine Bruchlandung riskieren, als den Tower um Hilfe zu bitten.

          Kino im Kopf

          Gladwells Geschichten sind Kino im Kopf, und sie machen nachdenklich. Aber man sollte nicht zu viel nachdenken. Denn das Erfolgsgeheimnis dieses Buches liegt in der Verpackung: Gladwell schenkt dem Leser goldene Nichtschen in silbernen Döschen. Dass es für jedes seiner Beispiele ein Gegenbeispiel gibt - Leute, die denselben Erfolg mit weniger Arbeit, einer späteren Geburt und ärmeren Eltern erzielt haben -, wischt er weg: Es gibt eben viele Erfolgsfaktoren, und sie wirken bei jedem Menschen unterschiedlich stark. Also zählt am Ende vielleicht doch, was der Einzelne mit Grips und Willenskraft aus seinen Chancen macht?

          Oft genug sind Gladwells Theorien auch einfach banal. Ohne Fleiß kein Preis, erklärt er uns, und beruflicher Erfolg werde stark von der sozialen Herkunft bestimmt. Eine Soziologin aus Maryland habe in "einer faszinierenden Untersuchung" herausgefunden, dass wohlhabende Eltern ihre Kinder besser fördern als arme. Nun ja.

          Darf man Gladwell glauben, dass dieser Gedanke in den Vereinigten Staaten nicht so verbreitet ist wie hierzulande, wo Begriffe wie "Migrationshintergrund" schon lange die kulturelle Komponente von Karrieren erfassen? Der unbedingte Wille zum Erfolg macht eben nicht aus jedem Tellerwäscher einen Millionär, auch dieser Erkenntnis verdanken die Deutschen ein gewaltiges soziales Umverteilungssystem und Ideen wie Bafög. Und dass der Stichtag für die Einschulung eines Kindes ihm später berufliche Vor- oder Nachteile bringen kann, das wurde sicher schon vor Malcolm Gladwell an den Abendbrottischen in Ulm oder Uelzen diskutiert.

          Er denkt in Überschriften und Spannungsbögen

          Aber mit weniger Esprit. Man merkt Gladwell an, dass er Journalist und Autor ist: Er denkt in Überschriften und Spannungsbögen und unterfüttert seine Beispiele - so selektiv sie sein mögen - stets mit der passenden Studie aus Oxford, aus dem American Journal of Human Biology, oder auch aus Wikipedia. Die unbekümmerte Art, mit der er wissenschaftliche Forschung massentauglich verbrät und als eigene Idee verkauft, darauf reagieren amerikanische Rezensenten mit wachsender Genervtheit.

          Der Medienliebling Gladwell, vor allem für sein erstes Buch "Tipping Point" über Trendforschung noch gefeiert, hat an Glanz verloren. Aber warum? Seine Methode ist dieselbe, die Sprache taufrisch, und Gladwell listet brav alle Quellen auf. Seine Leistung besteht darin, all die Studien nicht nur gefunden, gelesen, verstanden und übersetzt zu haben, sondern sie auch mit Leben gefüllt zu haben.

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