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Schwierigkeiten mit Sprache : Gut, dass wir darüber reden

Buchstabensalat: Damit Mario Ganz-Meyer die Scheu vor der Sprache verliert, backte seine Mutter mit ihm Kekse in Form des ABCs. Bild: Maria Klenner

Legastheniker tun sich schwer mit fehlerfreiem Schreiben, Stotterer mit flüssiger Rede. Trotzdem können sie Karriere machen.

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          Stand da doch schon wieder „Varat“ statt „Fahrrad“. In den Dreißigerjahren im Eifeldorf Steckenborn prügelte der Lehrer dem kleinen Jungen den Fehlerteufel aus dem zitternden Leib. Dem Kind gelangen mit seinen von schwerer Feldarbeit gezeichneten Händen die Wörter nicht. Es strengte sich an, schrieb aber auf seiner Schiefertafel fast alles falsch. Die anderen schauten weg, wenn der Pädagoge brutal wütete. Das Kind lernte dennoch nicht, fehlerfrei zu schreiben. Nach heutiger Einschätzung hatte der Junge eine Legasthenie. Diese Beeinträchtigung kannte damals in der rauhen Nordeifel keiner. Stattdessen wurde ihm Faulheit unterstellt: „Streng dich an, die anderen können das auch!“ Und wieder sauste die Rute.

          Ursula Kals

          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Jugend schreibt“.

          Diese Szene ist rund 90 Jahre her, seither hat sich viel getan, um Legasthenikern faire Chancen zu eröffnen. „Aber noch nicht genug“, findet Annette Höinghaus vom Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie. Sie klärt auf über die Lese- und Rechtschreibstörung, kurz LRS, und rät, diese früh medizinisch diagnostizieren zu lassen. Das federt den Leidensdruck ab. Legastheniker haben Probleme mit der Umsetzung der gesprochenen in geschriebene Sprache und umgekehrt; wird das früh erkannt, kann gezielt geholfen werden.

          Legastheniker kämpfen mit dem Stigma, dumm und faul zu sein

          Dann gibt es einen sogenannten Nachteilsausgleich und Notenschutz – die Schüler werden anders bewertet. Ein unschätzbarer Fortschritt. Denn Buchstabendreher und Leseschwierigkeiten sagen nichts über Intelligenz oder Motivation aus. Bill Gates und Milliardär Richard Branson sind Legastheniker und haben ihre Schwäche mehr als kompensiert. Ganz typisch, hat Julie Logan von der Cass Business School in London herausgefunden. Legastheniker werden doppelt so häufig Unternehmer, so können sie arbeiten, wie es ihnen entspricht, und der Welt beweisen, was trotz schulischer Misserfolge in ihnen steckt.

          Es ist verheerend, wenn sich Erstklässler gleich zu Beginn ihrer Schullaufbahn als Scheiternde erleben. Kinder, die an der Tafel bloßgestellt werden, wenn sie Fehler machen, gebe es durchaus und Eltern, die weder finanziell noch intellektuell gut aufgestellt seien und nicht einschritten, berichtet die Wirtschaftswissenschaftlerin aus Schleswig-Holstein. „In der Oberstufe scheitern viele Legastheniker an der zweiten Fremdsprache, dann ist es schwierig, durch das System zu kommen.“Annette Höinghaus wundert es nicht, dass auffallend viele erst auf dem zweiten Bildungsweg erfolgreich sind und nach Ausbildung und Fachabi ins Studium einsteigen. „Viele sind vorher schon sehr demotiviert und haben sich aufgegeben. Sie haben viele Niederlagen hinnehmen müssen und bleiben in Berufen unter ihrer Begabung. Leider gibt es eine Reihe von Menschen, die gar keinen Schulabschluss haben.“ Anders der frühere VW-Manager Ferdinand Piëch, der Ministerpräsident Bodo Ramelow oder Entertainer wie Isabel Varell, die sich von ihrer Legasthenie nicht haben ausbremsen lassen.

          Beruflicher Erfolg hat nicht nur mit Durchhaltewillen zu tun, sondern damit, ob Lehrer und Arbeitgeber sich damit auskennen. Die größte und gröbste Fehleinschätzung über Legastheniker: Betroffenen werden mehr oder weniger offen Dummheit und Faulheit attestiert. „Dieses Stigma kriegen wir nicht raus“, erklärt Annette Höinghaus und findet das unverständlich, um nicht zu schreiben tragisch: „Man sortiert trotz Fachkräftemangels gute Kräfte aus, weil das mit Analphabetismus verwoben wird.“ Mangelndes Wissen über Legasthenie ist eine entscheidende Stellschraube.

          Zum Glück vermittelten Mario Ganz-Meyers Eltern ihrem Sohn von klein auf, dass ihm trotz seiner Einschränkung die Berufswelt offen stehe. Statt immer nur Diktate zu üben – „das reine Wortwiederholen bringt es nicht“ –, backte die Mutter beispielsweise Buchstaben mit ihm, um der Sprache die Schwere zu nehmen. So ist der heute 36-Jährige in seiner Schulzeit gut klargekommen und hat sich dann, „vielleicht etwas blauäugig“, wie er lacht, ins Jurastudium gestürzt.

          Naiv war, eines nicht bedacht zu haben: Seine bewährte Taktik aus dem Deutsch- und Englischunterricht, ein Synonym zu nutzen, sobald er ein Wort nicht schreiben kann, ging bei Jura nicht auf. Da kommt es auf eine präzise Formulierung an. „Wörter muss ich mir erarbeiten und wusste nicht, welcher große Berg vor mir stand“, sagt er. Den er aber bezwang, so dass er heute im Ministerium für Bildung und Kultur des Saarlandes arbeitet und sich im Bundesvorstand des Legasthenie-Verbands engagiert. „Es gibt noch zu wenig Ansprechpartner für uns beim Einstieg ins Berufsleben“, bedauert der Jurist, „ein großes Problem ist das Vorstellungsgespräch.“

          Was sage ich dem Arbeitgeber?

          Soll man das Thema bei Arbeitgebern ansprechen? Höinghaus findet grundsätzlich ja, mit der richtigen Kompensationstrategie: „Ich löse das Problem, aber es ist vorhanden.“ Sich bei Berufswünschen drastisch einzuschränken sei nicht vonnöten – technischen Hilfsmitteln sei Dank. Legastheniker behaupten sich mittlerweile erfolgreich in Berufen, die viel mit Sprache zu tun haben, sie arbeiten etwa als Anwalt, manche sogar als Journalisten. Öffentlich äußern wollen sich die Medienkollegen allerdings meist nicht – zu groß ist ihre Angst, in Schwache-Schreiber-Schubladen zu stranden.

          Betroffene sagen allerdings, dass ihre Schwäche den Lesern bisher nicht aufgefallen sei. Korrekturprogramme, Diktier- und Vorlesesoftware erleichtern viele Arbeitsschritte. Statt sich durch Schriftberge zu ackern, was ihnen schwerfällt, lassen sie sich lange Texte vorlesen. In ingenieur- oder naturwissenschaftlichen Berufen sei Rechtschreibung ohnehin keine Kernkomponente, erklärt Höinghaus und lobt Industrie- und Handelskammern, Handwerkskammern und Studentenwerke, die Handreichungen herausgegeben haben.

          Stotterer entwickeln Strategien und stellen Sätze sekundenschnell um

          Aber nicht nur das Schreiben kann in der Berufswelt zur Herausforderung werden. Für manche Menschen ist es vielmehr das Sprechen. Rund ein Prozent der Bevölkerung stottert. Das ist nicht angenehm, aber auch kein Drama. Dafür sorgen Menschen wie Anja Herde. Das Interview führt sie auf der Fahrt zum Flughafen. Die Berlinerin reist nach Wien und weiter nach Japan zum Kongress der Internationalen Stotterervereinigung, dort ist sie im Vorstand. Die 35-Jährige formuliert flüssig, sozusagen irritierend druckreif. Man muss schon sehr genau hinhören, um leichte Verzögerungen wahrzunehmen. Darauf angesprochen, lacht sie. „Mein Stottern ist eher ein stummes Stottern. Ich versuche über Füllwörter in den Satz zu kommen, benutze aber, auch, immer, irgendwie, ganz oder emmm, wenn ich merke, es verzögert sich. Ein geschultes Ohr kann das hören, dass ich hängen bleibe.“

          Anja Herde geht selbstbewusst mit dem Stottern um. Im Alter von vier Jahren machte sich das Problem bemerkbar. Zu Grundschulzeiten und noch einmal kurz vor ihrem mündlichen Examen machte sie eine Therapie bei Logopäden. „So richtig geholfen“ habe ihr eine Selbsthilfegruppe für Stotterer; davon gibt es rund 90 in ganz Deutschland. „Das habe ich als Spielwiese genutzt, um eigene Potentiale zu entfalten, sonst hätte ich keine Trainerausbildung gemacht und nicht die innere Stärke entwickelt, dass ich das kann.“

          Offen darüber zu reden hilft auch bei dieser sprachlichen Einschränkung. Anja Herde engagiert sich seit 14 Jahren in der Bundesvereinigung Stottern & Selbsthilfe, BVSS, erst lokal, dann bundesweit. Sie hat eine Vorzeigebiographie. Denn sie hat sich ausgerechnet auf Kommunikation spezialisiert und berät Unternehmen, Städte und Gemeinden, die sich sozial engagieren möchten. „Ich spreche beruflich viel, gebe Workshops, mache Schulungen.“

          Menschen, deren Redefluss gehemmt ist, brauchen aber nicht nur in Berufen wie diesem gute Nerven. Denn nicht nur Kinder können grausam sein und bei blockierten oder verzerrten Buchstaben hänseln. Auch Erwachsene handeln bei weitem nicht souverän, schwanken zwischen Mitleid oder Hohn oder sind so verlegen, dass sie den anderen in seinem Kontrollverlust über den Sprechapparat vorführen, mit gutgemeinten, aber letztlich demütigenden Sätzen wie „nur ruhig“ oder „hole mal tief Luft“. Anja Herde kennt die Klaviatur misslicher Reaktionen: „Manche schweigen peinlich berührt, andere fallen einem ins Wort, beenden Sätze oder denken, die weiß nicht, was sie sagen will.“

          Das ist verheerend, denn die Gefühlslage und das Stottern beeinflussen sich gegenseitig. Dabei sind viele Stotterer sprachlich kreativ, stellen sekundenschnell Sätze um und finden Synonyme, sobald sie spüren, dass sie blockiert sind. Techniken, die Anja Herde bis zur Perfektion beherrscht. Wie sollen die anderen denn reagieren? „Wie jeder normale Mensch in einem Gespräch, Blickkontakt halten, einen höflichen Umgang pflegen, Geduld haben, bis das Wort ausgesprochen ist, und dem anderen nicht das Wort aus dem Mund nehmen.“

          Ein offener Umgang mit dem Stottern hilft im Beruf

          Die BWLerin plädiert dafür, die Situation im beruflichen Kontext kurz anzusprechen, schon im Vorstellungsgespräch. „Wenn das Thema auf dem Tisch liegt, ist es leichter, damit umzugehen, als wenn es als dunkle Wolke darüberschwebt.“ Sie thematisiert ihr Stottern auch offen vor Kunden, „damit die nicht denken, ich hätte keine Ahnung, wenn ich hängen bleibe“. Von Kollegen und Arbeitgebern wünscht sie sich ebenfalls einen offenen Umgang. „Wenn man merkt, ein Stotterer bringt sich nicht richtig ein, dann sollten sie fragen, wie man ihn unterstützen kann, damit er seine Potentiale entfalten kann.“ Die seien oft vorzeigbar. „Viele haben eine hohe Empathiefähigkeit und gute soziale Kompetenzen, weil sie sich selbst reflektieren und sensibler im Umgang mit anderen sind.“

          Gar nicht so leicht: Stotterer und Legastheniker kämpfen nicht nur mit der Sprache, sondern auch mit Vorurteilen.
          Gar nicht so leicht: Stotterer und Legastheniker kämpfen nicht nur mit der Sprache, sondern auch mit Vorurteilen. : Bild: F.A.Z.

          „Offen über sein Stottern zu sprechen ist ein großer Schritt“, sagt Ulrike Genglawski von der BVSS in Köln. Sie kennt „viel zu viele Fälle“, in denen Kinder und Jugendliche Vermeidungsstrategien entwickeln, damit ihr Stottern nicht auffällt. Blitzschnell tauschen sie Wörter aus oder, viel verheerender, sie schweigen, obwohl sie viel zu sagen haben. Das ist bitter: Andere bekommen den Eindruck, Stotterer seien fachlich nicht versiert. Selbst vielen Akademikern ist unklar, dass Stottern damit zu tun hat, dass das Zusammenspiel von rechter und linker Gehirnhälfte anders funktioniert als bei Menschen, die nicht stottern, mit mangelnder Intelligenz hat das aber nichts zu tun. Das zeigt schon ein Blick in die respektable Liste berühmter Stotterer, unter denen sich Isaac Newton, Charles Darwin, Winston Churchill, aber auch Schauspieler wie Marilyn Monroe und Bruce Willis befinden, die die Flucht nach vorn angetreten haben. Wer das von Amts wegen musste, war König George IV., dessen Tiefen und Höhen der Film „The King’s Speech“ begleitet.

          Überdauert die Redeflussstörung die Pubertät – in 80 Prozent der Fälle geht das Stottern wieder weg –, bleibt sie in der Regel ein Leben lang. Ein unabänderliches Schicksal ist sie nicht. Eine Karriere ist dennoch möglich. Das zeigt unter anderen auch das Bespiel von „Der Graf“, so nennt sich der Sänger der ehemaligen Band Unheilig. Er ist einer von 800 000 Deutschen, die stottern, und geht seit einigen Jahren damit offen um. Auch er weiß von einem Lehrer zu berichten, der damals zu ihm sagte: „Such dir einen Beruf, wo du vor niemandem reden musst, sonst lachen dich alle aus.“ Zigtausende Fans dürften froh sein, dass er nicht auf diesen Rat gehört hat.

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