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Schwierigkeiten mit Sprache : Gut, dass wir darüber reden

Menschen, deren Redefluss gehemmt ist, brauchen aber nicht nur in Berufen wie diesem gute Nerven. Denn nicht nur Kinder können grausam sein und bei blockierten oder verzerrten Buchstaben hänseln. Auch Erwachsene handeln bei weitem nicht souverän, schwanken zwischen Mitleid oder Hohn oder sind so verlegen, dass sie den anderen in seinem Kontrollverlust über den Sprechapparat vorführen, mit gutgemeinten, aber letztlich demütigenden Sätzen wie „nur ruhig“ oder „hole mal tief Luft“. Anja Herde kennt die Klaviatur misslicher Reaktionen: „Manche schweigen peinlich berührt, andere fallen einem ins Wort, beenden Sätze oder denken, die weiß nicht, was sie sagen will.“

Das ist verheerend, denn die Gefühlslage und das Stottern beeinflussen sich gegenseitig. Dabei sind viele Stotterer sprachlich kreativ, stellen sekundenschnell Sätze um und finden Synonyme, sobald sie spüren, dass sie blockiert sind. Techniken, die Anja Herde bis zur Perfektion beherrscht. Wie sollen die anderen denn reagieren? „Wie jeder normale Mensch in einem Gespräch, Blickkontakt halten, einen höflichen Umgang pflegen, Geduld haben, bis das Wort ausgesprochen ist, und dem anderen nicht das Wort aus dem Mund nehmen.“

Ein offener Umgang mit dem Stottern hilft im Beruf

Die BWLerin plädiert dafür, die Situation im beruflichen Kontext kurz anzusprechen, schon im Vorstellungsgespräch. „Wenn das Thema auf dem Tisch liegt, ist es leichter, damit umzugehen, als wenn es als dunkle Wolke darüberschwebt.“ Sie thematisiert ihr Stottern auch offen vor Kunden, „damit die nicht denken, ich hätte keine Ahnung, wenn ich hängen bleibe“. Von Kollegen und Arbeitgebern wünscht sie sich ebenfalls einen offenen Umgang. „Wenn man merkt, ein Stotterer bringt sich nicht richtig ein, dann sollten sie fragen, wie man ihn unterstützen kann, damit er seine Potentiale entfalten kann.“ Die seien oft vorzeigbar. „Viele haben eine hohe Empathiefähigkeit und gute soziale Kompetenzen, weil sie sich selbst reflektieren und sensibler im Umgang mit anderen sind.“

Gar nicht so leicht: Stotterer und Legastheniker kämpfen nicht nur mit der Sprache, sondern auch mit Vorurteilen.
Gar nicht so leicht: Stotterer und Legastheniker kämpfen nicht nur mit der Sprache, sondern auch mit Vorurteilen. : Bild: F.A.Z.

„Offen über sein Stottern zu sprechen ist ein großer Schritt“, sagt Ulrike Genglawski von der BVSS in Köln. Sie kennt „viel zu viele Fälle“, in denen Kinder und Jugendliche Vermeidungsstrategien entwickeln, damit ihr Stottern nicht auffällt. Blitzschnell tauschen sie Wörter aus oder, viel verheerender, sie schweigen, obwohl sie viel zu sagen haben. Das ist bitter: Andere bekommen den Eindruck, Stotterer seien fachlich nicht versiert. Selbst vielen Akademikern ist unklar, dass Stottern damit zu tun hat, dass das Zusammenspiel von rechter und linker Gehirnhälfte anders funktioniert als bei Menschen, die nicht stottern, mit mangelnder Intelligenz hat das aber nichts zu tun. Das zeigt schon ein Blick in die respektable Liste berühmter Stotterer, unter denen sich Isaac Newton, Charles Darwin, Winston Churchill, aber auch Schauspieler wie Marilyn Monroe und Bruce Willis befinden, die die Flucht nach vorn angetreten haben. Wer das von Amts wegen musste, war König George IV., dessen Tiefen und Höhen der Film „The King’s Speech“ begleitet.

Überdauert die Redeflussstörung die Pubertät – in 80 Prozent der Fälle geht das Stottern wieder weg –, bleibt sie in der Regel ein Leben lang. Ein unabänderliches Schicksal ist sie nicht. Eine Karriere ist dennoch möglich. Das zeigt unter anderen auch das Bespiel von „Der Graf“, so nennt sich der Sänger der ehemaligen Band Unheilig. Er ist einer von 800 000 Deutschen, die stottern, und geht seit einigen Jahren damit offen um. Auch er weiß von einem Lehrer zu berichten, der damals zu ihm sagte: „Such dir einen Beruf, wo du vor niemandem reden musst, sonst lachen dich alle aus.“ Zigtausende Fans dürften froh sein, dass er nicht auf diesen Rat gehört hat.

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