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Schwierigkeiten mit Sprache : Gut, dass wir darüber reden

Naiv war, eines nicht bedacht zu haben: Seine bewährte Taktik aus dem Deutsch- und Englischunterricht, ein Synonym zu nutzen, sobald er ein Wort nicht schreiben kann, ging bei Jura nicht auf. Da kommt es auf eine präzise Formulierung an. „Wörter muss ich mir erarbeiten und wusste nicht, welcher große Berg vor mir stand“, sagt er. Den er aber bezwang, so dass er heute im Ministerium für Bildung und Kultur des Saarlandes arbeitet und sich im Bundesvorstand des Legasthenie-Verbands engagiert. „Es gibt noch zu wenig Ansprechpartner für uns beim Einstieg ins Berufsleben“, bedauert der Jurist, „ein großes Problem ist das Vorstellungsgespräch.“

Was sage ich dem Arbeitgeber?

Soll man das Thema bei Arbeitgebern ansprechen? Höinghaus findet grundsätzlich ja, mit der richtigen Kompensationstrategie: „Ich löse das Problem, aber es ist vorhanden.“ Sich bei Berufswünschen drastisch einzuschränken sei nicht vonnöten – technischen Hilfsmitteln sei Dank. Legastheniker behaupten sich mittlerweile erfolgreich in Berufen, die viel mit Sprache zu tun haben, sie arbeiten etwa als Anwalt, manche sogar als Journalisten. Öffentlich äußern wollen sich die Medienkollegen allerdings meist nicht – zu groß ist ihre Angst, in Schwache-Schreiber-Schubladen zu stranden.

Betroffene sagen allerdings, dass ihre Schwäche den Lesern bisher nicht aufgefallen sei. Korrekturprogramme, Diktier- und Vorlesesoftware erleichtern viele Arbeitsschritte. Statt sich durch Schriftberge zu ackern, was ihnen schwerfällt, lassen sie sich lange Texte vorlesen. In ingenieur- oder naturwissenschaftlichen Berufen sei Rechtschreibung ohnehin keine Kernkomponente, erklärt Höinghaus und lobt Industrie- und Handelskammern, Handwerkskammern und Studentenwerke, die Handreichungen herausgegeben haben.

Stotterer entwickeln Strategien und stellen Sätze sekundenschnell um

Aber nicht nur das Schreiben kann in der Berufswelt zur Herausforderung werden. Für manche Menschen ist es vielmehr das Sprechen. Rund ein Prozent der Bevölkerung stottert. Das ist nicht angenehm, aber auch kein Drama. Dafür sorgen Menschen wie Anja Herde. Das Interview führt sie auf der Fahrt zum Flughafen. Die Berlinerin reist nach Wien und weiter nach Japan zum Kongress der Internationalen Stotterervereinigung, dort ist sie im Vorstand. Die 35-Jährige formuliert flüssig, sozusagen irritierend druckreif. Man muss schon sehr genau hinhören, um leichte Verzögerungen wahrzunehmen. Darauf angesprochen, lacht sie. „Mein Stottern ist eher ein stummes Stottern. Ich versuche über Füllwörter in den Satz zu kommen, benutze aber, auch, immer, irgendwie, ganz oder emmm, wenn ich merke, es verzögert sich. Ein geschultes Ohr kann das hören, dass ich hängen bleibe.“

Anja Herde geht selbstbewusst mit dem Stottern um. Im Alter von vier Jahren machte sich das Problem bemerkbar. Zu Grundschulzeiten und noch einmal kurz vor ihrem mündlichen Examen machte sie eine Therapie bei Logopäden. „So richtig geholfen“ habe ihr eine Selbsthilfegruppe für Stotterer; davon gibt es rund 90 in ganz Deutschland. „Das habe ich als Spielwiese genutzt, um eigene Potentiale zu entfalten, sonst hätte ich keine Trainerausbildung gemacht und nicht die innere Stärke entwickelt, dass ich das kann.“

Offen darüber zu reden hilft auch bei dieser sprachlichen Einschränkung. Anja Herde engagiert sich seit 14 Jahren in der Bundesvereinigung Stottern & Selbsthilfe, BVSS, erst lokal, dann bundesweit. Sie hat eine Vorzeigebiographie. Denn sie hat sich ausgerechnet auf Kommunikation spezialisiert und berät Unternehmen, Städte und Gemeinden, die sich sozial engagieren möchten. „Ich spreche beruflich viel, gebe Workshops, mache Schulungen.“

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