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Entspannen nach der Arbeit : Sonnengruß bei 40 Grad

Einer Stunde mit roten Gesichtern Bild: Hannes Jung

Feierabend, nur raus aus dem Büro. Aber wohin? Die Redaktion von Beruf und Chance testet Freizeitmöglichkeiten für geplagte Berufstätige. Teil 5: Yoga.

          4 Min.

          Eigentlich war Hie Kim sehr nett. Aber seine Freundlichkeit muss nur Teil einer perfiden Tarnung gewesen sein, als er mich vor Kursbeginn durch das Studio von Inside Yoga im Herzen Frankfurts führte und geduldig in die Philosophie der Schule einwies. Jetzt zeigt der Koreaner sein wahres Gesicht, das zwar immer noch von einem Lächeln gezeichnet ist, aber ich meine doch, eine fast sadistische Befriedigung darin zu erkennen, ehe mir wieder mal der Schweiß in die Augen läuft. „Herabschauender Hund – rechtes Bein hoch und ausstrecken – Sprung nach vorne – Sprinter – Matte ranziehen und Kobra – das Ganze nochmal von vorne . . .“ Bei seinen Kommandos drängen sich mir Erinnerungen an den brutalen Drill aus Armee-Filmen wie „Full Metal Jacket“ auf. Dann fällt mir plötzlich ein, dass ich kein Duschzeug dabeihabe, nur ein kleines Handtuch zum Unterlegen, weil ich dachte, das genügt. Jetzt bin ich komplett durchgeschwitzt. Und das vom Yoga!

          Sven Astheimer
          Verantwortlicher Redakteur für die Unternehmensberichterstattung.

          Wenn man in einer Männerunde für einen ordentlichen Lacher (allerdings auf eigene Kosten) sorgen will, ist ein Satz nach wie vor eine ziemlich sichere Bank: „Ich gehe heute zum Yoga.“ Die Reaktionen reichen von „Ist es schon so schlimm?“ über „Sollen wir mal darüber reden?“ bis hin zum schlichten „Om, om“, gerne auch aus mehreren Mündern gleichzeitig. Yoga, das bedeutet für viele Räucherstäbchen und Schneidersitz, Abwarten mit Teetrinken. „Ja“, erklärt Hie im Vorgespräch, „diese stärker spirituell geprägte Ausrichtung gibt es auch.“ Die Gründer von Inside Yoga hätten jedoch bewusst eine etwas sportivere Variante gewählt, die körperliche Übungen, die sogenannten Asanas, in den Mittelpunkt rückt; allerdings durchsetzt mit Elementen der Entspannung. Und Tee gibt es hier auch gratis.

          Woher der Wind wirklich weht, hätte mir eigentlich spätestens klarwerden müssen, als ein Mann mit hochrotem Kopf in die Umkleidekabine stolpert. „Run and Yoga“ heißt sein Kurs, erzählt er, während er sein Haupt im Waschbecken kühlt. Danach pellt er sich aus seiner Radlerhose. Unschwer zu erkennen, dass er gerade von der Laufeinheit am Mainufer kommt. Die Kombination bilde eine prima Fitnesseinheit, fährt er immer noch leicht hechelnd fort, bevor er sich nun deutlich legerer gekleidet auf den Weg zum Yoga macht.

          Ordnung muss sein: Buddha wacht darüber
          Ordnung muss sein: Buddha wacht darüber : Bild: Hannes Jung

          Bis an die Schmerzgrenze - nicht selten auch darüber hinaus

          Barfuß, die Schuhe zieht man schon am Eingang aus, steuere ich anschließend das Dachstudio an, wo der Anfängerkurs stattfindet. Draußen sind es rund 30, drinnen eher 40 Grad. Die Wärme macht die Muskeln schön weich und dehnbar – sagen die Trainer. Bloß kein Durchzug, das steigert die Verletzungsgefahr. Hie ist heute eingesprungen, weil Young-Ho Kim, der Gründer des Studios, eine Fachmesse besucht. „Im Vergleich mit Young-Ho bin ich noch milde“, kokettiert Hie, bevor das einstündige Martyrium losgeht. Der befürchtete Muskelkater am Tag darauf bleibt überraschenderweise aus. Zwar lastet eine gewisse Grundschwere auf dem gesamten Muskelapparat, so wie eben nach einer gleichbleibend anstrengenden Belastung. Die Furcht vor stechenden Schmerzen etwa beim Aufstehen oder Treppensteigen war jedoch unbegründet. Im Gegenteil, ich meine sogar, eine neue Lockerheit im Rücken- und Lendenbereich zu spüren. Oder handelt es sich um Autosuggestion im fortgeschrittenen Stadium?

          Beim nächsten Besuch beträgt die Außentemperatur nur 28 Grad. Wir sitzen im Aufenthaltsraum, durch die Glasscheibe sehe ich den Kurs für die Fortgeschrittenen – Menschen mit roten Köpfen, die sich auf ihren schmalen Gummimatten verbiegen bis an die Schmerzgrenze und nicht selten auch darüber hinaus. „Ich habe mir extra eine lange Hose angezogen, damit ich ein bisschen ins Schwitzen komme“, witzelt Frank, der neben mir sitzt und noch einen Tee trinkt. Frank kommt schon seit einem halben Jahr hierher, ein Schnupperkurs hatte seine Begeisterung geweckt. Das Training, findet der großgewachsene Mann, helfe ihm gegen die Beschwerden, die das viele Sitzen im Beruf mit sich bringe. Dann kommt Young-Ho um die Ecke. „Na, alle da, wollen wir?“ „Ja“, antworten wir artig wie die Chorknaben. Drinnen macht Young-Ho erst einmal die Fenster zu. Ja, ja, die Muskeln. Und los geht es mit dem Schwitzen.

          „Willst du lieber Rückenschmerzen haben oder ein bisschen schwitzen?“

          Vor vier Jahren hat der heute 35 Jahre alte Young-Ho sein Studio in Frankfurt zusammen mit seinem Bruder gegründet. Welchen Stellenwert die indische Yoga-Tradition in seinem Land hat, will ich von ihm wissen. „Eigentlich gar keinen“, sagt der muskulöse, nicht allzu groß gewachsene Mann und grinst. Wie viele Koreaner ist er mit der Kampfsportart Taekwondo aufgewachsen, den schwarzen Gürtel trägt er natürlich auch. Mit Yoga kam er erst während eines Aufenthaltes in den Vereinigten Staaten vor rund elf Jahren in Berührung: „Es hat mich gleich fasziniert.“ Weil er an den Erfolg von Yoga glaubte, entschied sich Young-Ho, das Maschinenbau-Studium in Aachen an den Nagel zu hängen und eine Ausbildung zum Yoga-Lehrer zu beginnen. Nun bildet er im Jahr selbst rund 100 davon aus. In Amerika gebe es rund 20 Millionen praktizierende Yogis (Männer) und Yoginis (Frauen), sagt Young-Ho, dort sei der Männeranteil weitaus höher als hierzulande. Das ändere sich allerdings gerade. Der Trainer berichtet von Bankern, die morgens um halb sechs erst einmal eine Einzelstunde buchen, von 100 Euro an aufwärts, bevor sie in den Flieger nach London steigen. Überhaupt würden die Lehrer von Inside Yoga immer häufiger von Unternehmen gebucht, weil vorbeugendes Training auf Dauer günstiger sei als steigende Krankheitskosten.

          „Heute“, sagt Young-Ho, „machen wir vor allem Übungen für den Hüftbereich“, und zeigt das vermeintliche Schmerzzentrum für diesen Abend an. Den Hund kenne ich noch, den Sonnengruß mit vorgerecktem Brustkorb, geöffneten Armen und gespreizten Fingern bekomme ich ebenfalls noch hin. Auch wenn der Lehrer bei der Öffnung des Beckens nach links und rechts noch etwas nachhilft, so meine ich doch, die Bewegungen heute deutlich geschmeidiger hinzulegen. Aber es hat schon seinen Grund, dass in dem Yoga-Studio keine Spiegel hängen. „Willst du lieber Rückenschmerzen haben oder ein bisschen schwitzen?“, fragt Young-Ho. „Du hast die Wahl, es ist dein Rücken.“ Pah, denke ich, billige Psychotricks. Dennoch strenge ich mich ein bisschen mehr an, will nicht als Einziger die Übung abbrechen. Irgendwie muss ich durchhalten bis zum „schlafenden Kind“ – man hockt dabei auf den Knien, Oberkörper weit nach vorne gestreckt, Hände auf dem Boden. Die absolute Relax-Haltung, leider viel zu selten im Einsatz.

          Nach mehr als einer Stunde ist dann Schluss. Es läuft leise Entspannungsmusik, wir liegen völlig entspannt und vor allem verschwitzt und ausgelaugt auf unseren Matten. Mal mit dem Gesicht nach oben, mal auf der Seite. Ohhh ja, in der Tat, jetzt kommt sie über mich – die totale Entspannung nach dem Büro. Der Weg dorthin war lang und anstrengend, aber er hat sich gelohnt.

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