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Gehälter bald vergleichbar : Männer, jetzt reden wir übers Geld

Zwischen den Einkommen von Männern und Frauen klafft noch immer eine Lücke. Bild: F.A.S.

Frauen verdienen sechs Prozent weniger als Männer. Ein neues Gesetz will das ändern: Bald darf fast jeder erfahren, was die anderen verdienen. Aber wird das helfen?

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          Die Ungerechtigkeit ist jetzt mit einer Zahl versehen: sechs Prozent. Um diesen Wert bleiben die Gehälter von Frauen hinter denen ihrer männlichen Kollegen zurück. So hat es das Statistische Bundesamt für das Jahr 2014 errechnet, bereinigt von sämtlichen Sondereffekten wie Teilzeit oder Berufswahl. Das läppert sich. Bei einem Jahresgehalt von 50.000 Euro macht der Unterschied 3000 Euro aus, über ein Erwerbsleben von 30 Jahren summiert er sich auf 90.000 Euro. Das ist eine recht grobe Rechnung, doch sie zeigt die Größenordnung: Sechs Prozent sind ein neuer Porsche Cayenne S oder etliche Fernreisen, von den entgangenen Rentenansprüchen ganz zu schweigen.

          Corinna Budras

          Redakteurin in der Wirtschaft und für Frankfurter Allgemeine Einspruch.

          Diese Lücke muss geschlossen werden. Eine Lücke, die nicht auf Leistungsunterschieden beruht, hat im modernen Erwerbsleben des Jahres 2018 nichts zu suchen. Die Frage ist nur: Wie kann das gelingen?

          Der jüngste Versuch der Politik ist das „Gesetz zur Förderung der Transparenz von Entgeltstrukturen“. Seit Juli ist das Gesetz in Kraft, doch erst vom 6. Januar 2018 an greift der wichtigste Teil. Dann haben Frauen in allen Betrieben mit mehr als 200 Mitarbeitern einen „individuellen Auskunftsanspruch“ gegenüber dem Arbeitgeber. Sie können erfahren, was eine Gruppe von mindestens sechs vergleichbaren männlichen Kollegen im Mittelwert verdient.

          Umgekehrt funktioniert das ebenfalls, so will es die Gleichbehandlung: Auch Männer haben einen Anspruch darauf zu erfahren, was ihre weiblichen Pendants verdienen. Nur Auskünfte über das jeweils gleiche Geschlecht sind nicht vorgesehen. Das wird schon bedauert.

          Über das Gehalt wird nicht geredet

          Damit endet eine Tradition, die das Berufsleben in Deutschland jahrzehntelang bestimmt hat: Über das Gehalt wird nicht geredet, so will es die Höflichkeit. Besonders misstrauische Zeitgenossen argwöhnten schon längst, dass diese falsche Zurückhaltung nur ein Einfallstor für die Willkür des Arbeitgebers ist. Aber dagegen war kaum anzugehen, zu sehr steckt uns die Verschwiegenheit im Blut.

          Nun aber kann es jeder erfahren, denn bald kann geplaudert werden, was das Zeug hält. Es tut ja auch gar nicht weh, selbst der Datenschutz bleibt gewahrt. Der Standardweg zum Auskunftsanspruch führt nicht zuerst über die Personalabteilung, sondern über den Betriebsrat, sofern es einen gibt. Ist dies der Fall, lässt sich die Anfrage praktisch und diskret stellen. Eine kleine Mail reicht, damit der Betriebsrat aktiv wird. Kann der Mitarbeiter keine Vergleichsgruppe nennen, muss der Arbeitgeber selbst auf die Suche gehen. Mindestens sechs Kollegen des jeweils anderen Geschlechts, die „gleiche“ oder „gleichwertige“ Arbeit machen. Arbeitsrechtler rollen bei diesen unscharfen Begriffen die Augen. Was ist schon eine „gleichwertige“ Arbeit?

          Die Streitigkeiten darüber sind programmiert, virulent werden sie allerdings erst vor Gericht. Für den Mitarbeiter ist vor allem interessant, dass er jetzt endlich eine Ahnung vom ganzen Ausmaß der Gehaltsunterschiede bekommt: Wie viel erhält eigentlich der Dampfplauderer der Abteilung? Was die Schlaftablette des Flurs? Namen werden nicht genannt, die Anonymität bleibt strikt gewahrt. Außerdem wird nur der Wert in der Mitte der Zahlenreihe genannt, der sogenannte Median. Doch der ist dann in der Welt (und viel wichtiger: in der Kantine), auch wenn der Auskunft suchende Mitarbeiter eigentlich zur Verschwiegenheit verpflichtet ist.

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