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Anonymisierte Lebensläufe : Englische Arbeitgeber schwärzen Bewerbernamen

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Wer steckt hinter der Bewerbung? Einige englische Arbeitgeber wollen das gar nicht mehr so genau wissen. Bild: Frank Röth

Markus wird in Deutschland häufiger zum Vorstellungsgespräch eingeladen als Mohammed. Auch in England greifen Arbeitgeber lieber zur Bewerbungsmappe von Elizabeth als zu der von Aisha. Einige von ihnen wollen das jetzt ändern.

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          Eine Gruppe von wichtigen Arbeitgebern in Großbritannien plant, künftig die Namen ihrer Bewerber auf Bewerbungsschreiben und Lebensläufen zu schwärzen, bevor die Unterlagen ins Auswahlverfahren gehen. Das soll Diskriminierung vorbeugen, etwa aufgrund eines ausländisch klingenden Namens, wie die Zeitung „The Telegraph“ berichtet.

          An der gemeinsamen Initiative, die auf Premierminister David Cameron zurückgeht, beteiligen sich demnach unter anderem die Wirtschaftsprüfungsgesellschaften Deloitte und KPMG, der staatliche Gesundheitsdienst NHS, die Banken HSBC und Virgin Money, der öffentliche Dienst, die BBC, die Organisation Teach First und die regierende konservative Partei. Deloitte hatte einige Wochen zuvor schon bekannt gegeben, auch die Namen der Universität zu schwärzen, an der ein Bewerber studiert hat. Hintergrund ist, dass Kandidaten, die von renommierten Hochschulen wie Oxford oder Cambridge kommen, nicht mehr kategorisch bevorzugt werden sollen.

          Schon im vergangenen Monat hatte Cameron das Thema in einer vielbeachteten Rede aufgegriffen. In Großbritannien hätten Menschen mit „weiß klingenden Namen“ bei gleicher Qualifikation eine doppelt so hohe Chance eine Reaktion auf ihr Bewerbungsschreiben zu bekommen wie Menschen, mit ausländisch klingenden Namen, sagte er. „Eine junge schwarze Frau musste ihren Vornamen ändern. Erst als sie Elizabeth hieß, wurde sie zu Vorstellungsgesprächen eingeladen. Das ist im 21. Jahrhundert eine Schande“, sagte der Premierminister.

          Markus bekommt mehr Einladungen als Mohammed

          Das Problem existiert auch in Deutschland. Hier sind vor allem türkisch klingende Namen ein Hindernis, wenn es darum geht, erfolgreich die erste Bewerbungsrunde zu meistern. Oder plakativ gesagt: Markus bekommt mehr Einladungen zum Vorstellungsgespräch als Mohammed. Im Frühjahr zeigte eine Studie des Forschungsbereichs beim Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration: Mit fiktiven Bewerbungsschreiben lässt sich beweisen, dass Jugendliche aus Einwandererfamilien deutlich mehr Bewerbungen verschicken müssen, um zu einem Bewerbungsgespräch für einen Ausbildungsplatz zu kommen.

          Abgespeckte Bewerbungsunterlagen sind deshalb schon in einigen Ländern üblich. In den Vereinigten Staaten kommen die Arbeitgeber schon lange ohne Fotos aus, auch Alter und Familienstand gehören dort nicht in die Unterlagen. Strenge Antidiskriminierungsgesetze verbieten es, Beschäftigte nach Kriterien wie Geschlecht, Alter, Nationalität, Behinderung oder Religion auszuwählen. Allerdings wird dort nicht auf den Namen verzichtet. In Skandinavien hat sich die anonymisierte Bewerbung nach Angaben der Antidiskriminierungsstelle des Bundes längst durchgesetzt, ebenso in der belgischen Verwaltung.

          Auch in Deutschland gab es schon ein bundesweites Pilotprojekt zum Thema anonymisierte Bewerbung. Im Jahr 2011 gestartet, beteiligten sich damals neun Arbeitgeber an dem Versuch, darunter neben großen Namen wie Deutsche Telekom, Deutsche Post und Procter & Gamble auch Mydays und die Stadtverwaltung Celle. Laut Abschlussbericht des Instituts zur Zukunft der Arbeit (IZA) vom März 2012, waren die Reaktionen auf die Ergebnisse des Projekts durchaus positiv. Doch seither ist es wieder stiller geworden um das Thema. Das zeigt beispielhaft auch die Antwort von Deloitte Deutschland auf die Frage, ob das Unternehmen, das nun in England die anonymisierte Bewerbung einführt, Ähnliches auch in Deutschland überlege: „Aktuell ist nichts dergleichen geplant.“

          Mit hineinspielen könnte auch die starke Kritik, die  immer wieder an anonymisierten Bewerbungsverfahren aufgekommen ist: Personaler bemängeln, dass durch die große Rolle der sozialen Netzwerke heutzutage die Anonymisierung überflüssig geworden sei - es sei ohnehin üblich, dass Bewerber sich selbst mit vollem Namen und Bild bei Xing und Co zur Schau stellen. Zudem haben Auswertungen eines Modellversuchs in Baden-Württemberg ergeben, dass sich dort nur diejenigen Unternehmen zu Pilotprojekten mit geschwärzten Namen und Fotos bereit erklärten, die ohnehin schon eine sehr offene Unternehmenskultur pflegten und kaum Diskriminierungsprobleme hatten. Durch diese Positivauswahl ließ sich ein Effekt der anonymisierten Bewerbungen wissenschaftlich gar nicht nachweisen.

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