https://www.faz.net/-gyl-9ziax

Engagement neben dem Beruf : Eine Frage der Ehre

  • -Aktualisiert am

Ehrenamtliche Sterbebegleiter sind meist selbst nicht mehr jung: Berufstätige Ehrenamtler machen sich rar Bild: dpa

In der Sterbebegleitung, der Feuerwehr oder der Bürgerinitiative: Berufstätige sind als ehrenamtliche Helfer begehrt – besonders in Krisen. Alles in allem aber machen sie sich rar.

          3 Min.

          Voll im Leben und dem Tod so nah: Johanna Klug ist ehrenamtliche Sterbebegleiterin im Hospizverein Regensburg. Sofern nicht gerade eine Pandemie der 26-Jährigen verbietet, für andere an der „existentiellsten Stelle“ da zu sein. „Das wurde alles komplett gekappt“, bedauert Klug. Vor fünf Jahren hat die damalige Studentin für Medienmanagement erstmals eine Palliativstation betreten – mit einer Gewissheit, die sie nicht genau erklären kann: „Ich wusste von Anfang an, ich kann das.“

          Etwa ein an Kinderdemenz erkranktes Mädchen wöchentlich über anderthalb Jahre unterstützen, Nähe und Distanz ausbalancieren, Abschied nehmen, Schulvorträge halten: „Mein Ehrenamt ist mehr als nur ein Amt, es ist eine Herzensangelegenheit.“ Es füllte sie mehr aus als die Medienwelt. Nach dem Masterabschluss kam eine Stellenausschreibung der Uni Regensburg mit dem Betreff „Perimortale Wissenschaft“ wie gerufen: „Es sollte ein Studiengang aufgebaut werden, der sich mit dem Tod auseinandersetzt.“ Gesucht wurde eine wissenschaftliche Mitarbeiterin für Konzeption, Koordination und Öffentlichkeitsarbeit – ideal für Johanna Klug. „Es ist schön, dass ich Medienarbeit und mein Ehrenamt zusammenbringen kann.“

          Jung, leistungsbereit, flexibel – für Freiwilligenorganisationen gehört Johanna Klug zu einer begehrten Zielgruppe. Denn so verbreitet das Ehrenamt in Deutschland in Statistiken auch sein mag, allmählich geht der Nachwuchs aus: „Die Bereitschaft junger Menschen nimmt ab, sich in verbindlichen und verantwortlichen Positionen zu engagieren“, sagt Eckhard Priller. Seit 30 Jahren verfolgt der Soziologe das Thema, inzwischen ehrenamtlich als Wissenschaftlicher Leiter des Maecenata Instituts für Forschung im Nonprofitbereich. „Wir haben mehr Individualisierung, zeitliche Knappheit und das Bedürfnis nach Flexibilität“, sagt er. „Eigentlich logisch, dass es für die Organisationen schwieriger wird, Leute zu finden. Junge ganz besonders.“ In der Corona-Krise kommt hinzu, dass viele Hilfsbedürftige, aber auch Ehrenamtliche zur Risikogruppe gehören. Zuletzt hieß es etwa, dass die Versorgung der 1,6 Millionen Tafel-Kunden in Deutschland in Gefahr sei. Rund 90 Prozent der 60.000 Ehrenamtlichen seien Ältere und somit gefährdet.

          Allgegenwärtige Endlichkeit

          Im Regensburger Hospizverein liegt das Durchschnittsalter der Ehrenamtlichen bei 58 Jahren, Johanna Klug ist die Jüngste. „Es ist schon skurril, dass Sterbebegleiter jetzt selbst zur Risikogruppe zählen“, sagt die Doktorandin. Ihr Thema ist der Tod und die Beschäftigung mit der eigenen Endlichkeit. Erzählt sie Gleichaltrigen von ihrem Ehrenamt, lautet die Reaktion oft: „Heftig, das könnte ich nicht.“

          Jeder fünfte Deutsche gab in den jüngsten Allensbacher Werbeträgeranalysen ein Ehrenamt an, Tendenz steigend. „Aber es macht einen Unterschied, ob man die Leute fragt oder die Organisationen“, sagt Eckhard Priller, der Stiftungen, Vereine und Genossenschaften befragt hat. „Die Hälfte nennt Probleme bei der Besetzung von Ehrenämtern.“ Er stellt eine Verlagerung fest: weg vom zeitaufwendigen Engagement in der Kommunalpolitik oder der Feuerwehr, bei der 70.000 Freiwillige fehlen, hin zu Patenschaften oder kurzfristigen Bürgerinitiativen. „Der Zeitaufwand geht zurück“, sagt Priller. Das gilt gerade für berufstätige Ehrenamtliche. „Viele Beschäftigte haben ein Ehrenamt, weil ihre Leistungsfähigkeit am größten ist und damit Erwartungen verbunden werden.“ Erwerbstätige sind durch Kinder, Beruf und Freizeitaktivitäten auch stärker in ihr Umfeld eingebunden als Rentner, an sie werden Aufgaben häufiger herangetragen.

          „Ich habe ein Ehrenamt in der Kita meiner Kinder, das ist biographisch geprägt“, sagt Tobias Kemnitzer. Hauptberuflich ist er Geschäftsführer der Bundesarbeitsgemeinschaft der Freiwilligenagenturen und von Berufs wegen an den Motiven engagierter Berufstätiger interessiert: „Der Wunsch, die Gesellschaft im Kleinen konkret zu gestalten, hat zugenommen“, glaubt er. Das Ehrenamt müsse Freude, Erfolg und Anerkennung mit sich bringen. Das geht besonders gut und kurzfristig in Notsituationen wie einer Flutkatastrophe oder Corona-Krise: „Die Hilfsbereitschaft ist enorm“, sagt er und verweist auf die Plattform „hilf-jetzt.de“, die fünfmal so viele Helfer gegen Corona wie Vermittlungen aufweist. Trotzdem: Das Freiwilligen-Motiv, der Gesellschaft etwas zurückzugeben, sei ebenso auf dem Rückzug wie das von den Eltern vererbte Ehrenamt. „Die Lebensstile haben sich gewandelt, die Menschen sind mobiler als früher, sie wollen sich nicht dauerhaft engagieren.“

          In diese Lücke sind rund 400 Freiwilligenagenturen eingetreten: Sie werden finanziert von Wohlfahrtsverbänden, Vereinen und Kommunen, um Interessierte über Angebote zu informieren, um zu beraten und zu vernetzen. Längst gibt es einen Markt der zigtausend Möglichkeiten, sich ehrenamtlich zu engagieren, mit Freiwilligen-Messen, kurzfristigen Engagements per App und „Voluntourismus“, mit dem Berufseinsteiger ihren Lebenslauf aufwerten möchten. „Generell wirkt sich das Ehrenamt im Bewerbungsverfahren positiv aus“, sagt Stefan Scheller, der die Seite Persoblogger betreibt. Zumindest wenn es zum Stellenkontext passt. Eine gesicherte Qualifikation und damit Eignung ließen sich nicht daraus ableiten.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Auf der Suche nach Yves Etienne Rausch: Ein Polizeihubschrauber über dem Waldgebiet nördlich von Oppenau

          Flüchtiger bei Oppenau : „Der Wald ist sein Wohnzimmer“

          Noch immer wird er gesucht: Dass sich vier Polizisten von einem „Waldläufer“ überwältigen ließen, sorgt für Belustigung. Polizei und Staatsanwaltschaft haben daher am Dienstag noch einmal detailliert geschildert, wie es dazu kam.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.