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Emotionen am Arbeitsplatz : Die Kraft der Tränen

  • -Aktualisiert am

Bild: Foto Nina Hewelt

Wer auf der Arbeit weint, zeigt Schwäche? Ganz so simpel ist die Sache nicht – Gefühle unterdrücken, kann mitunter mehr schaden als nutzen.

          3 Min.

          Wenn Sheryl Sandberg in TED-Talks und Interviews darüber spricht, warum so wenige Unternehmen von Frauen geführt werden, wirkt sie zupackend – und nicht so, als würde sie oft weinen. Als Ko-Geschäftsführerin von Facebook, ehemalige Stabschefin des Finanzministeriums und Vizepräsidentin des Online-Verkaufs bei Google hat sie eine Karriere eingeschlagen, von der viele nicht mal zu träumen wagen.

          Und doch verbirgt sich unter Sandbergs harter Schale ein weicher Kern, wie sie in ihrem Buch „Lean in“ verraten hat. Darin erzählt sie, dass sie im Berufsleben sehr emotional ist – und auch im Büro weint, wenn sie nicht anders kann: „Es ist mir schon mehr als einmal passiert. Es wird mir wieder passieren.“

          Sandberg steht also dazu, dass sie während der Arbeit mal eine Träne vergießt und das auch vor Mitarbeitern nicht verbirgt. Eigentlich ist sie damit kein Ausnahmefall, wie eine Studie der amerikanischen Online-Jobbörse Monster zeigt: Von 30.000 Befragten, Männern wie Frauen, gab etwa die Hälfte an, schon mal während der Arbeit geweint zu haben. Rund 45 Prozent weinten wegen eines Konflikts mit einem Chef oder Kollegen, 16 Prozent nannten die Arbeitsbelastung als Auslöser.

          Weinen kann zur Erholung beitragen

          Dass Menschen auch im Büro mal weinen – ob aus privaten oder beruflichen Gründen –, ist kein Wunder, findet Bettina Löhr. „Wir sind schließlich Menschen, und Menschen haben Emotionen“, sagt die Psychologin und Beraterin. „Die Annahme, dass man diese Gefühle einfach vor der Bürotür lassen kann, ist natürlich falsch.“

          Ihrer Ansicht nach hat sich in den vergangenen Jahren zwar einiges getan, wenn es darum geht, offen Gefühle zu zeigen. „Doch Weinen wird in unserer Leistungsgesellschaft immer noch oft als Zeichen von Schwäche gedeutet“, sagt Löhr. „Dabei kann es extrem erleichternd sein, seinen Gefühlen freien Lauf zu lassen.“

          Eine Studie von Forschern der niederländischen Universität Tilburg gibt ihr recht: Ihr zufolge kann Weinen eine reinigende, erleichternde Wirkung haben und zur Erholung beitragen. Wer seine Tränen also nicht unterdrückt, sondern rauslässt, kann sich womöglich schon nach einer kurzen Pause wieder auf die Arbeit konzentrieren. „Man muss sich ja seinen Gefühlen nicht komplett ausliefern, sondern kann sie nach eigenem Ermessen dosieren“, sagt Löhr. Das kann zum Beispiel heißen, dass man sich fünf Minuten Weinen „erlaubt“ – um Gefühle nicht zu unterdrücken, sie aber auch nicht ausufern zu lassen.

          „Nichts ist schlimmer als ein Pokerface“

          Laut der Untersuchung dient Weinen nicht nur zur Entspannung, es hat noch eine andere Wirkung: Tränen sind Kommunikationsmittel und signalisieren zum Beispiel Angst, Hilflosigkeit oder Schmerz. Wenn jemand seine Gefühle zeigt, kann das einen positiven Effekt auf die Zusammenarbeit mit Kollegen oder dem Chef haben. „Weinen ist ja ein ganz klares Signal nach außen. Das macht es Mitmenschen leichter, angemessen zu reagieren“, sagt Löhr.

          „Nichts ist schlimmer als ein Pokerface, bei dem man nie ablesen kann, was gerade hinter der Fassade steckt.“ Wer Kollegen also ansieht, dass sie etwas bedrückt, kann direkt das Gespräch suchen. „Dabei ist wichtig, dass man die Gefühle des Weinenden nicht runterspielt, sondern Mitgefühl zeigt“, rät Löhr. Ein Gespräch kann etwa zeigen, ob es sich um ein privates oder berufliches Problem handelt. Während Kollegen Trost spenden, kann der Chef Maßnahmen einleiten, die die Situation verbessern – etwa ein klärendes Gespräch vereinbaren oder den Mitarbeiter bei seiner Arbeit entlasten.

          Erste-Hilfe-Strategie überlegen

          Aus Sicht von Peter Krumbach-Mollenhauer ist es sogar die Pflicht von Chefs, auf die Emotionen von Mitarbeitern einzugehen – erst recht, wenn Tränen fließen. Er ist ebenfalls Psychologe sowie Gründer der Hamburger Personalberatung hr-horizonte und berät hauptsächlich Führungskräfte. Weinen könne gerade konservative Führungskräfte schnell überfordern, sagt er.

          „Vor allem ältere Männer unterdrücken Tränen meistens und sind deshalb unsicher, wenn einer ihrer Angestellten weint.“ Dabei sollten sich Chefs „klarmachen, dass sie meistens nur der Auslöser und nicht die Ursache für Tränen sind“. Oft weinten Mitarbeiter, weil sie „über eine längere Zeit hinweg überfordert“ seien. Dann könne schon eine Kleinigkeit zum emotionalen Ausbruch führen.

          Krumbach-Mollenhauer rät, einen offenen Umgang mit Emotionen in der Unternehmenskultur zu etablieren. „Dabei muss natürlich eine gewisse Vorsicht bei einzelnen Personen gewahrt werden, Tränen als Methode einzusetzen und sich durch Weinen ständig aus Konflikten oder der Verantwortung zu ziehen“, sagt er.

          „Aber es sollte einfach als normal angesehen werden, dass Menschen auch bei der Arbeit ihre Emotionen mal durch Tränen zeigen.“ Wem Tränen dennoch unangenehm sind, der sollte sich nach Meinung der Psychologin Löhr eine Art Erste-Hilfe-Strategie überlegen. Mögliche Bestandteile: ein Glas Wasser trinken, frische Luft schnappen – und einfach mal das Gespräch mit einem vertrauten Kollegen oder einer vertrauten Kollegin suchen.

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