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Elektronisches Fasten : Kein Anschluss unter dieser E-Mail

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„Wer E-Mails sät, wird E-Mails ernten“, schlussfolgert Weick: Der erste Schritt, die Flut zu reduzieren, bestehe darin, selbst weniger Nachrichten zu verfassen. Oft sei die Mail gar nicht das geeignete Kommunikationsmittel, sondern etwa ein kurzer Anruf. „Das persönliche Gespräch ist am effektivsten, da am meisten Information rüberkommt - inhaltlich und nonverbal durch Mimik und Gestik“, sagt Weick. „Es ist aber auch am aufwändigsten, da alle Gesprächsteilnehmer zur selben Zeit verfügbar sein müssen.“

Ulrike Stöckle fordert, dass die Teilnehmer ihrer Seminare ihre Smartphones ausschalten. Sich ein, zwei Tage lang endlich einmal auf eine Unterhaltung zu konzentrieren, sei für sie ein schönes Erlebnis, sagt sie: „Die Sinne werden wieder anders angeregt. Sogar das Essen schmeckt anders.“ Manche Teilnehmer seien so fixiert auf ihr Gerät, dass sie sogenanntes Phantompiepsen und Phantomgreifen erleben, also das Telefon hören und danach tasten, obwohl es aus ist. Um die Abhängigkeit zu beseitigen, ist es nach Stöckles Meinung nötig, die Ursache zu beseitigen. Daher empfiehlt sie digitales Fasten, allerdings für kurze Zeit: „Ein Freitag bietet sich an. Wer möchte, kann dann noch den Samstag und Sonntag dranhängen.“

Klare Regeln beugen Missverständnissen vor

Wer sein eigener Chef ist, kann das allein beschließen. Angestellte müssen darauf warten, dass ihr Chef einen Fastenfreitag anberaumt. Als Einzelner einen Sonderweg zu gehen wäre ungeschickt. „Wichtig ist, dass man innerhalb des Unternehmens Leitlinien vereinbart, wie man die E-Mail-Kommunikation abwickelt“, sagt Adél Holdampf-Wendel, Arbeitsrechtlerin bei Bitkom. Mit klaren Regeln würden sich Missverständnisse vermeiden lassen - etwa, dass Angestellte glauben, die Erwartungen ihrer Chefs zu erfüllen, indem sie nach Feierabend Mails checken, obwohl die Geschäftsführung das gar nicht will.

„Wenn ich im eigentlichen Sinne faste, verzichte ich auf etwas, das mir Spaß macht oder das ich brauche“, sagt Günter Weick. Bei digitaler Kommunikation sind andere aber von uns abhängig und wir von ihnen. „Ich kann nicht einem Kollegen, der mich per Mail nach Kundendaten fragt, nicht antworten, weil ich gerade faste“, sagt Weick und betont, dass es ihm um den effektiven Einsatz digitaler Kommunikation geht - und nicht um den Verzicht auf sie. Dank seiner Beratung würden es Führungskräfte schaffen, ihre eingehenden Mails um bis zu 70 Prozent zu reduzieren. „Es reicht, dreimal am Tag die eingegangenen Mails zu checken“, sagt Günter Weick, räumt aber gleich ein, dass viele seiner Kunden stolz seien, wenn sie die Mails nur fünfmal am Tag abrufen.

Auch erzwungene E-Mail-Abstinenz kann zu Stress führen

Ursula Marschall hält derlei strikte Vorgaben für falsch. Sie ist leitende Medizinerin bei der Barmer und kennt die Folgen von Stress: „Er kann unter anderem Herz-Rhythmus-Störungen, Bluthochdruck, Schwindel und Übelkeit auslösen.“ Nach Meinung der Ärztin können solche Beschwerden auch durch unsinnige Vorgaben verursacht werden. Wer etwa beruflich viel unterwegs ist, aber seine Mails nur zu bestimmten Zeiten oder nur von seinem Büro aus abrufen kann, werde durch diese erzwungene Abstinenz unter Druck gesetzt.

Marschall plädiert dafür, Beschäftigten hinsichtlich ihrer digitalen Kommunikation viel Entscheidungsfreiraum einzuräumen. Ob Menschen Mails als anstrengend erleben, sei stark vom Typ abhängig, argumentiert sie: „Manche fühlen sich überfordert, wenn sie an wenigen Tagen im Jahr ständig erreichbar sein müssen. Andere können jeden Tag viele Mails beantworten, ohne dass sie das stresst.“ Die Widerstandsfähigkeit gegen psychische Belastungen wird von Fachleuten Resilienz genannt. Sie ist bei Menschen unterschiedlich ausgeprägt. Womit das zusammenhängt, wird noch erforscht. „Das Urvertrauen, das Menschen in der Kindheit entwickeln, ist ein wichtiger Faktor“, sagt Ursula Marschall. „Bis zu einem gewissen Grad kann aber jeder Techniken zur Bewältigung von Stress erlernen.“

Weniger ist mehr

Fasten bedeutet nicht verweigern, sondern reduzieren, sagt der Berater Günter Weick. Mit seinen Tipps lasse sich die Leistungsfähigkeit erhöhen:

  • Schalten Sie optische und akustische Signale für den E-Mail-Eingang aus.
  • Bearbeiten Sie neu eingetroffene Mails erst in der zweiten oder dritten Arbeitsstunde. Ausnahme: Menschen, die viel mit Asien kommunizieren, wegen der Zeitverschiebung.
  • Sichten Sie neue Mails nur dreimal am Tag.
  • Schreiben Sie jede dritte Mail nicht. Tun Sie gar nichts oder lösen Sie das Thema anders, etwa durch ein Telefonat.
  • Gehen Sie gelassen mit Beschwerden um.
  • Keine beruflichen Mails in der Freizeit

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