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Serie „Einfach mal anhalten“ : Ausstieg am Märchenschloss

Was verbirgt sich im gelben Schloss im Westerwald? Ein riesiger Weiterbildungsbetrieb! Bild: Frank Röth

Montabaur – Kleinstadt mit Schloss, Outlet-Center und ICE-Bahnhof. Wer steigt hier eigentlich ein und aus? Und was wäre die Stadt ohne ihre Pendler? Eine Spurensuche.

          5 Min.

          Das Bild scheint in einem Rahmen aus mattgrauem Kunststoff zu stecken: Ein gelbes Schloss mit Türmchen oben auf einem Berg. Ein Märchenprinz könnte darin wohnen oder ein Zauberer, der jeden Morgen dafür sorgt, dass hier die Bäume besonders grün aussehen und die Wolken besonders fluffig. Die Romantik trübt nur ein kleiner roter Kreis auf der Scheibe des ICE, hinter der sich das Bild befindet: Die Stelle, an der man das Glas im Gefahrenfall mit dem Nothammer einschlagen soll. Und natürlich bleibt das Bild vom Schloss nicht stehen: Es fliegt vorbei mit 300 Sachen; im Nu weicht es dem Grün der Westerwaldwälder.

          Nadine Bös

          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Beruf und Chance“.

          Das Schloss Montabaur, Wahrzeichen des gleichnamigen Ortes, ist der markanteste Punkt beim Blick aus dem Fenster des Zuges von Köln nach Frankfurt. Auf der Schnellfahrstrecke gibt es sonst vor allem die Schwärze von Tunnelwänden zu sehen und den Kunststoff von Lärmschutzwällen. Die Geschwindigkeit erzeugt Druck in den Ohren und ein leichtes Schwindelgefühl. Das macht Aus-dem-Fenster-Schauen unattraktiv, verglichen mit der Arbeit auf dem Laptop. So sehen das auch die meisten Fahrgäste an Bord. Viele von ihnen sind Fernpendler; die Waggons fahrende Co-Working-Spaces. Ein Exot, wer nicht am Smartphone hängt oder in die Tastatur tippt. Ohne Stopp fährt der ICE 527 durch von Köln-Deutz bis Frankfurt Flughafen und lässt das Schloss Montabaur seitlich liegen: in Fahrtrichtung rechts.

          Oft gesehen, nie ausgestiegen: Montabaur aus dem ICE-Fenster betrachtet. Bilderstrecke

          Dabei bleibt den Vorbeifahrenden oft nicht verborgen, dass sich hier im Ort über die Jahre gehörig was getan hat. Der riesige Park & Ride Parkplatz am Fuße des Bahnhofs ist immer voller geworden. Zu dem Logo des Internetanbieters 1&1 haben sich viele andere Firmengebäude gesellt. Direkt in Bahnhofsnähe ist ein Wohngebiet aus dem Boden geschossen. Und seit neuestem stechen die überdimensionalen Werbetafeln des Outlet-Einkaufszentrums FOM ins Auge. Bei weitem nicht jeder ICE rauscht hier vorüber. Mitschuld an der ganzen Entwicklung der Stadt tragen vielmehr die Züge, die hier anhalten. Rund 2500 Menschen nutzen den Halt nach Angaben der Bahn an jedem Werktag. Köln-Frankfurt-Pendler hingegen meiden die Verbindungen, die hier stoppen; das kostet wertvolle Zeit in der Hektik der Morgens.

          Aber wäre es nicht spannend, die 13.000-Seelen-Pendlerstadt mal aus der Nähe zu sehen? Dafür ist der ICE 815 an diesem Mittwochmorgen der Zug der Wahl. Eine halbe Stunde hinter Köln die Ansage: „Wir erreichen jetzt Montabaur. Ausstieg in Fahrtrichtung rechts.“ Die Bremse quietscht, die Tür öffnet sich. Eine graue Treppe führt hinunter in eine geflieste Bahnhofshalle. Die Ladenflächen rechts und links stehen alle leer; noch nicht mal einen Kaffee gibt es zu kaufen. Ein halb abgerissenes Schild „Provisionsfrei zu vermieten“ hängt in einem Schaufenster. Draußen vor der Tür ein großer, aber ziemlich leerer Busbahnhof – und jede Menge Hinweisschilder für Fußgänger in Richtung Innenstadt und Schloss. Eine Fußgängerbrücke führt über ein Flüsschen, dann geht es durch ein Neubaugebiet mit modernen Wohnhäusern und Firmengebäuden, vorbei am stillgelegten alten Bahnhof Montabaur, der heute eine Zimmerofen-Ausstellung mit Verkauf beheimatet. Ein kurzes Stück läuft man entlang einer kleinen Hauptstraße den Berg hinauf, dann beginnt das Stadtzentrum von Montabaur.

          Montabaur ohne Pendler? Unvorstellbar!

          Auf dem Marktplatz in der Altstadt haben die vielen Cafés Tische und Stühle dicht an dicht draußen auf dem Kopfsteinpflaster plaziert. Zwischen weiß-braunen Fachwerkhäuschen steht das alte Rathaus mit Spitzbogeneingang und Türmchen auf dem Dach. Hier hat Gabriele Wieland ihr Büro mit kleinen, leicht schiefen Holzfenstern. Die Bürgermeisterin der Stadt ist Mitte 50, blond, im Business-Outfit. Früher war sie Marketing-Verantwortliche der Sparkasse, heute steckt die CDU-Frau ihre Energie ins Stadtmarketing, macht sich Gedanken über neue Sonnenschirme für die Cafés, einen Panorama-Ausguck am Stadtrand oder die Frage, ob der Bahnhofsparkplatz einen Wächter braucht, wegen der Vandalismus-Fälle. Montabaur ohne Pendler kann Wieland sich gar nicht vorstellen. „Schon vor Jahrzehnten gab es hier einen Bus, der die Westerwälder zur Arbeit ins Ruhrgebiet karrte“, sagt sie. Schon immer habe es auch eine große Zahl von Auspendlern in die „Behördenstadt Koblenz“ gegeben. Noch länger als vom ICE profitiere Montabaur auch von der Lage an der Autobahn 3. „Als die Immobilienpreise stark zu steigen begannen, kamen die Frankfurter in den Westerwald und kauften sich hier günstige Einfamilienhäuser.“ Der ICE sei nun „das Tüpfelchen auf dem i“.

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