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Ein Headhunter über weibliche Führungskräfte : „Wir sind eine Spießer-Gesellschaft“

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Weibliche Kapitalmarktvorstände gebe es so gut wie nicht, sagt Headhunter Matthias Saenger
          2 Min.

          Herr Saenger, wie viele Frauen haben Sie in den vergangenen Monaten in Führungspositionen vermittelt?

          Ich habe sie nicht gezählt, aber so viele waren es nicht. Das dürfte auch daran liegen, dass meine Auftraggeber vor allem Banken und Finanzdienstleister sind. In der Finanzbranche arbeiten nur wenige Frauen, die sich für eine Spitzenposition interessieren. Wenn ein Personal- oder Marketingvorstand gesucht wird, sind die Chancen noch am größten, dass eine Frau dafür in Frage kommt. Aber suchen Sie mal einen weiblichen Kapitalmarktvorstand - die sind eine rare Spezies.

          Wollen die Unternehmen wirklich mehr Führungsfrauen, oder sind das nur Lippenbekenntnisse?

          Ich hatte neulich eine interessante Diskussion mit einem Unternehmen, das seinen Vertrieb auf Vordermann bringen will. Gesucht wurde jemand, der das Geschäft kennt und schon mal unter Beweis gestellt hat, dass er eine Vertriebsmannschaft motivieren kann. Ich habe den Verantwortlichen dann einen Kandidaten präsentiert, den ich aufgrund seiner bisherigen Berufserfahrung für perfekt geeignet hielt. Das fanden sie auch. Aber dann hieß es: Haben Sie so jemand nicht auch als Frau? So einfach ist es leider nicht. Aber es zeigt den Druck, dem sich Aufsichtsräte ausgesetzt sehen.

          Warum muss es immer der „perfekt geeignete Kandidat“ sein? Warum kein Quereinsteiger - oder eine Quereinsteigerin?

          Weil das ökonomischer Irrsinn wäre. Wenn ein Unternehmen eine offene, hochdotierte Position besetzt, dann will es sich sicher sein, dass der- oder diejenige das Unternehmen am besten weiterbringt. Jemanden einzustellen, der nur wenig Erfahrung in dem Gebiet mitbringt, ist ein Risiko. Wenn ich mir die Besetzungen der jüngsten Vergangenheit anschaue, etwa bei der Telekom, bin ich sehr gespannt, ob und wie lange das gutgeht.

          Aber irgendeiner muss ja mal den Anfang machen.

          Da stimme ich Ihnen ja auch zu. Nur sollte man meiner Meinung nach weiter unten im Hierarchiesystem anfangen. Wenn sich ein Unternehmen mehr Frauen in herausgehobener Position wünscht, dann wäre es klug, jetzt systematisch zu schauen, welche guten Frauen derzeit bei der Konkurrenz in der zweiten oder dritten Reihe unter dem Vorstand arbeiten. Um diese Frauen würde ich mich bemühen und sie dann Schritt für Schritt aufbauen, um ihre Position zu stärken.

          Und wenn gerade keine passende Stelle für sie im Unternehmen frei ist?

          Dann muss man eine schaffen. Jeder, ob Mann oder Frau, muss in eine verantwortungsvolle Rolle hineinwachsen. Ein paar Jahre Teamleiter, dann Gruppenleiter, Abteilungsleiter, Bereichsleiter und dann vielleicht irgendwann Vorstand - die klassische Aufstiegspyramide hat ihren Sinn. Wenn eine oder mehrere dieser Stufen übersprungen werden, besteht die Gefahr, dass das Unternehmen die Stelle bald wieder neu besetzen muss.

          Was beobachten Sie - wollen Frauen überhaupt Karriere machen oder scheuen sie die Verantwortung?

          Es gibt etliche Frauen, die Karriere machen wollen und das auch aktiv vorantreiben. Aber es gibt in der gesellschaftlichen Kategorie, über die wir hier reden, immer noch erstaunlich viele Frauen, die das klassische Hausfrauen-Modell vorziehen. Das erscheint eben erstrebenswerter als ein Zwölf-Stunden-Tag in der Bank. Und vielen Männern ist so eine Partnerin auch lieber als eine Businessfrau.

          Klingt so, als ob Sie sich mit dem niedrigen Anteil von Frauen in Führungspositionen abgefunden haben.

          Keineswegs, ich fände es toll, wenn wir mehr dieser Frauen hätten. Aber ich mache mir da keine Illusionen: Viele Frauen mit einer guten Ausbildung arbeiten auch deshalb nicht oder nur wenig, weil der Staat genau das finanziell fördert. Das Ehegattensplitting setzt einen Anreiz, dass die Frauen zu Hause bleiben. Genauso bei der gesetzlichen Krankenversicherung: Warum ist eine Ehefrau, die nicht arbeitet, kostenlos mitversichert? Hier werden die falschen Anreize gesetzt. Der Alltag zeigt: Wir sind eine Spießer-Gesellschaft. Bevor wir über gesetzliche Frauenquoten reden, sollten wir erst einmal die Rahmenbedingungen ändern.

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