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Dueck dagegen : Warum Meister nicht vom Himmel fallen

  • -Aktualisiert am

Wer Meister will, muss früh mit der Ausbildung beginnen Bild: Frank Röth

Deutschland braucht Spitzenleute für die Zukunft. Nur sagt niemand, wo sie herkommen. Dabei haben Codierknechte und Fußballstars einiges gemeinsam.

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          Lehrling – Geselle – Meister, das war früher. Heute wird nach Goethe gemanagt: „Dass sich das größte Werk vollende, genügt ein Geist für tausend Hände.“ Ein einziger Mensch erfindet – sagen wir – einen schlingbaren Kunstlederfertigteig, und sofort gehen Anlernlinge in Tausenden Zweigstellen ans Brezelbacken. Man braucht also nur einen einzigen Meister seines Fachs, dazu einen betonharten Geschäftsprozess für Franchisefilialen und viele, viele Mindestlöhner, die einen in Minuten erlernbaren Arbeitsakt millionenfach vollziehen. Nach diesem Muster haben uns die Geschäftsprozessberater die Welt umgestaltet.

          Gunter Dueck
          Gunter Dueck : Bild: Adobe

          Wir brauchen also eine gute Idee, ein paar inhaltliche Meister oder Design-Stars, einen effizienten Produktions- und Serviceerbringungsprozess, Projektleiter, Hochdruckmanager, einen Zahlen- und Rechtsstab – und sonst? Eben möglichst nur noch Massen von Billighandlangern für einfache Arbeitsschritte. Sehr wenige Top-Leute stehen einem Heer von Anlernlingen gegenüber. Das ist so gewollt, weil es kostengünstig ist. Das Postaustragen ist heute schon beliebig straff organisiert, und die Banken kümmern sich gerade darum. Früher musste man ja die halbe Welt des Geldes kennen, um gut beraten zu können. Heute verkaufen die Bankberater aber nur ihre ganz wenigen „Hausprodukte“. Die mögen dann Silber-, Gold- und Platin-Sorglospaketlösungen heißen und kosten nur noch verschieden viel Geld. Das war’s – ja, und schon ist Vermögensberatung nicht mehr viel schwieriger als das Fertigbacken in einem Supermarkt-Backshop.

          Wirtschaft ohne Mitte funktioniert nicht

          Lässt sich die ganze Welt so organisieren? Ich habe das vor langer Zeit geahnt und damals ein rabenschwarzseherisches Ketzerbuch mit dem allessagenden Titel „Lean Brain Management“ geschrieben. Ach, und heute sehe ich die Bescherung. Man hat es nicht als Gesellschaftskritik verstanden, sondern sofort umgesetzt: Einige wenige Meister konstruieren idiotensichere Prozesse, deren Bedienung keine Expertise mehr braucht. Hier öffnet sich nun seit Jahren die wahre Schere zwischen Arm und Reich, zwischen oben und unten!

          Lehrling – Geselle – Meister, das war früher. Heute teilt sich die Welt immer mehr in wenige Top-Meister und viele, viele Routinearbeiter. Das ist gesellschaftlich bedenklich und sozial ungerecht. Die Wirtschaft an sich kümmert sich im Effizienzstreben nicht mehr um ihren Zweck, nämlich die vorhandenen knappen Ressourcen nachhaltig und schonend zum Wohlstand aller einzusetzen. Das ist schon millionenfach gesagt worden. Aber hier kommt eine neue Entwicklung: Woher bekommen wir Meister, wenn es keine Gesellen mehr gibt? Was passiert, wenn wir Wirtschaft ohne Mitte versuchen?

          Ohne Codierknechte geht es nicht

          Ein Beispiel: In der IT-Branche ist es üblich, die konkrete Arbeit, also zum Beispiel das Programmieren und Administrieren, nach „Indien“ (in Niedriglohnländer) auszulagern. Der Profitplan der hiesigen Firmen sieht vor, am besten nur die Projektleiter, Starberater und Vertriebsprofis im Lande des Kunden arbeiten zu lassen, „weil deutsche Kunden hiesige Kontaktpersonen bevorzugen“ – kurz, weil sie einfach noch nicht direkt in „Indien“ bestellen wollen. In diesem Modell der IT-Beratungsunternehmen arbeiten in Deutschland nur die „Meister“, wogegen die oft abfällig so genannten „Codierknechte“ irgendwo in der billigen Welt tätig sind. Wenn wir in Deutschland aber weder Lehrlinge noch Gesellen haben – wenn aber das, was Starberater und Meister ausmacht, nirgendwo in der Ausbildung vorkommt – ja, woher kommen dann die Meister? Hoffen wir, dass es bald Topleute regnet?

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