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Berufliche Mobilität : Drei Millionen Menschen pendeln in andere Bundesländer

Ständig unterwegs: Mancher Fernpendler nutzt auch die Fahrzeit zum Arbeiten. Bild: Patricia Kühfuss

Wohnen in Hannover, arbeiten in Berlin? Für immer mehr Menschen ist Pendeln über lange Distanzen Alltag. Das Fernpendeln kann schlimme Folgen haben.

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          Die Zahl der Berufstätigen, die in einem Bundesland wohnen und in einem anderen arbeiten ist in den vergangenen zehn Jahren drastisch gestiegen. Das zeigen Berechnungen des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB), die auf einer Sonderauswertung der Bundesagentur für Arbeit beruhen. Demnach hat sich zwischen 2004 und 2014 die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten, die über Landesgrenzen pendeln, um 27,9 Prozent erhöht, während die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten insgesamt um nur 13,7 Prozent stieg.

          Nadine Bös

          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Beruf und Chance“.

          Mehr als drei Millionen so genannter Einpendler, also Beschäftigter mit einem Wohnort in einem anderen Bundesland gibt es demnach mittlerweile in Deutschland. Die Zahl derjenigen, die im selben Bundesland arbeiten, in dem sie auch wohnen, ist mit Ausnahme des Saarlandes in den vergangenen zehn Jahren überall zurückgegangen.

          Besonders stark zugenommen hat die Zahl der Einpendler in den ostdeutschen Bundesländern und in Berlin. Die in absoluten Zahlen meisten Beschäftigten aus anderen Bundesländern verzeichnen aber Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen mit jeweils mehr als 360.000 Einpendlern. Ob die Menschen nur am Wochenende oder täglich zwischen ihrem Wohn- und Arbeitsort hin und her fahren, geht aus den Daten nicht hervor.

          Fernpendler oder Grenzgänger?

          Ebenso wenig differenzieren die Daten zwischen Fernpendlern, die Fahrzeiten von mehr als einer Stunde haben und Pendlern, die über relativ kurze Strecken über Landesgrenzen fahren, etwa vom bayerischen Aschaffenburg ins hessische Hanau oder vom hessischen Wiesbaden ins rheinland-pfälzische Mainz.

          Gleichwohl liefert die Studie einige interessante Erkenntnisse zur Anzahl der Fernpendler:

          - Aus Berlin pendeln gut 67.000 Arbeitskräfte in die westdeutschen Bundesländer und etwa 12.000 in die ostdeutschen Flächenländer – Berlin-Brandenburg-Pendler wurden dabei nicht mitgezählt.

          - Etwa 100.000 Personen fahren aus Bayern und Baden-Württemberg in die norddeutschen Bundesländer oder nach NRW; aus dem Norden und NRW fahren 53.000 Menschen nach Baden-Württemberg und 61.000 Menschen nach Bayern.

          - Zwischen Hessen, Rheinland-Pfalz und dem Saarland pendeln mehr als 20.000 Menschen nach Norddeutschland und etwas weniger als 30.000 in die umgekehrte Richtung.

          - Gut 327.000 Menschen pendeln von Ost- nach Westdeutschland, etwa 78.000 machen es umgekehrt, Berlin nicht mitgerechnet.

          Gesundheitliche Risiken

          Die Zahl der Fernpendler sei nicht nur in der Vergangenheit kontinuierlich gestiegen, heißt es in dem DGB-Papier. Es sei auch für die Zukunft von einer wachsenden Zahl an Menschen auszugehen, die für den Weg zur Arbeit lange Distanzen zurücklegen. Insbesondere männliche Besserverdiener entschieden sich häufig zum Fernpendeln. Haushalte mit schulpflichtigen Kindern seien überdurchschnittlich häufig betroffen, da sie den Umzug stärker scheuten als Paare ohne Kinder. Auch Arbeitsmarktrisiken für den mitziehenden Partner spielten eine Rolle dabei, dass Paare einen Wohnortwechsel immer häufiger vermeiden.

          Allerdings: Das Pendeln über lange Distanzen ist keineswegs gesund, wie Ärzte und Psychologen bemängeln. Steffen Häfner, Facharzt für Psychosomatische Medizin, wies schon vor Jahren in der F.A.Z. auf die Problematik hin: „Schlafmangel, Magenbeschwerden, Rückenschmerzen, Übergewicht, psychische Probleme, häufige Infektionskrankheiten - die Liste der Leiden, die Berufspendler öfter treffen als andere Arbeitnehmer, ist lang.“ Ursache sei zum einen erhöhter Stress. „Bahnpendler kämpfen mit Verspätungen, Autopendler mit Staus. Da ist ständig dieser Druck. Die einen haben Angst, zu spät zu Terminen zu kommen, die anderen fürchten, abends ihre Kinder nicht mehr wach zu sehen.“ Es gebe aber auch handfeste körperliche Folgen, etwa durch Bewegungsmangel oder unregelmäßiges Essen. Und dadurch, dass vielen Pendlern die Zeit fehlt, zu Vorsorgeuntersuchungen zum Arzt zu gehen.

          Auch eine Studie des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung (BiB) zeigt: Fernpendler, die für den einfachen Weg zur Arbeit länger als eine Stunde brauchen, sind kränker als Menschen, die sich für einen Umzug entschieden.

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