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Trotz guter Geschäfte : Nur noch wenige wollen Handwerker werden

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Eigentlich ein Traditionsberuf: Fleischer wollen nur noch wenige junge Menschen werden. Bild: ZB

Das Handwerk ächzt unter Nachwuchsmangel – trotz guter Geschäfte. Manche Berufe sind für junge Menschen so unattraktiv, dass sich die Lehrlingszahl mittelfristig halbiert hat.

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          Deutschlands Handwerkern schwindet trotz guter Geschäfte der Nachwuchs. Obwohl die Umsätze steigen, ist die Zahl der jährlich neu eingestellten Auszubildenden seit dem Beginn dieses Jahrzehnts um mehr als 70.000 zurückgegangen. 2010 wurden noch 439.000 Lehrverträge abgeschlossen, 2015 waren es nach Zahlen des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH) nur noch 363.000 – ein starker Rückgang um 17 Prozent. Besonders dramatisch ist der Schwund in manchen traditionellen Berufen: Die Zahl der Bäcker- und Metzgerlehrlinge hat sich in den vergangenen zehn Jahren halbiert.

          Hauptursache ist nach Einschätzung des ZDH der demografische Wandel. Doch spielt daneben der Trend zum Abitur und Studium eine große Rolle. „Politik und Gesellschaft verweigern seit Jahren, die Chancen dualer Ausbildung zu thematisieren“, heißt es in einer Stellungnahme des Handwerksverbands. „Das rächt sich jetzt.“ Inzwischen bleibt demnach jede zehnte Ausbildungsstelle unbesetzt. Der Nachwuchsmangel ist auch ein Thema der Internationalen Handwerksmesse in München, die am Mittwoch beginnt.

          Die Lebensmittel-Handwerker leiden besonders stark unter fehlenden Lehrlingen. Insbesondere bei Metzgern und Bäckern geht nicht nur die Zahl der Auszubildenden zurück, sondern im Gegensatz zum allgemeinen Trend auch die Zahl der Betriebe. Die Bäcker etwa bildeten 2008 noch etwa 36.000 Lehrlinge aus, 2015 waren es noch knapp 19.000. Die Zahl der Bäckereien schrumpft langsamer, doch ebenso stetig. Sie hat sich seit Mitte der neunziger Jahre ebenfalls halbiert: von etwa 25.000 auf gut 12.000. Vielen Bäckermeistern fehlt der Nachfolger.

          Bei den Metzgern ist der Nachwuchsmangel noch größer

          Der Wettbewerb ist hart. "Wir konkurrieren direkt mit der Industrie", sagt ein Münchner Bäcker zur billigeren Ware aus großen Brotfabriken, die in Supermärkten und Backshops verkauft wird. In der Stadt werden Bäckereien oft von Wettbewerbern übernommen, so dass zumindest die Verkaufsstelle erhalten bleibt. Auf dem Land dagegen bedeutet eine Schließung häufig, dass Metzger oder Bäcker endgültig verschwinden.

          Die Bäcker machen nicht nur den demografischen Wandel und Trend zum Studium dafür verantwortlich. "Hauptgrund ist sicherlich die steigende finanzielle Last und der bürokratische Aufwand", sagt Daniel Schneider, Hauptgeschäftsführer des Zentralverbands des Deutschen Bäckerhandwerks. Er nennt verschärfte Aufzeichnungspflichten durch das Mindestlohngesetz, die Lebensmittel-Informationsverordnung und Deklarationspflichten.

          Ein Beispiel für die ungeliebten Dokumentationspflichten: Täglich muss die Temperatur der Kühlschränke gemessen und für spätere Inspektionszwecke aufgezeichnet werden. Bei den Metzgern ist der Nachwuchsmangel sogar noch stärker spürbar: 2008 gab es noch knapp 7000 Metgerlehrlinge, 2015 waren es nur noch knapp 3200. Laut ZDH kann im Fleischerhandwerk jede dritte Lehrstelle nicht mehr besetzt werden.

          Aus Sicht des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK) ist die Akademisierung von Berufen nichts grundsätzlich Negatives. Dies gelte auch angesichts der Debatte um die Fachkräfte-Zuwanderung, sagte DIHK-Vize-Hauptgeschäftsführer Achim Dercks der Zeitung „Heilbronner Stimme“. „Zusätzliche Engpassberufe“ sollten in die bestehende Liste der Bundesagentur für Arbeit (BA) aufgenommen werden, forderte er. Solche Berufe seien inzwischen auch in der Logistik und in der Gastronomie anzutreffen. „Die Zuwanderung wird für Unternehmen bei der Fachkräftesicherung immer wichtiger.“

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