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„Downshifting“ : Karriere? Keine Lust mehr!

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Zu viel Stress? Kein gutes Leben mehr? Immer mehr Arbeitnehmer entscheiden sich für das „Downshifting“. Bild: dpa

Immer mehr hochrangige Arbeitnehmer entscheiden sich bewusst, beruflich einen Gang herunterzuschalten - noch bevor der Burnout kommt. Es gibt sogar einen Fachbegriff und professionelle Trainer dafür: „Downshifting“ heißt die neue Mode.

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          Lucia hat die Überholspur verlassen. Heute zeichnet sie - ganz in Ruhe - in einem Dorf bei Bonn Wassertropfen in Grüntönen. Eine Werbekampagne für Limonade, „für meine alte Firma“, sagt die 31-Jährige, die nicht mit vollem Namen in die Öffentlichkeit will. „Das fühlt sich schon schräg an.“

          Denn: Bis vor zwei Jahren war sie dort Kreativ-Chefin. Und es gab in ihrem Berufsleben nur eine Richtung - mit Vollgas nach oben. Mit Mitte 20 kletterte sie auf der Karriereleiter einer Werbeagentur auf eine Spitzenposition, managte große Kampagnen. „60 Stunden pro Woche waren normal“, sagt die Designerin. Immer erreichbar sein sowieso. „Mich selbst gab es irgendwann gar nicht mehr.

          Ihr Freund zog aus der Wohnung aus, „das habe ich erst Tage später bemerkt“, erinnert sich Lucia. „Wir sind uns nur noch zufällig begegnet, und ich hätte mit ihm auch nur über die Arbeit sprechen können.“

          Der Schock darüber sitzt so tief, dass Lucia ihr Lebensmodell infrage stellt. Heute arbeitet sie als freie Designerin und ist „nur für mich und meine eigene Arbeit verantwortlich“. Die 60-Stunden Woche ist abgeschafft, manchmal malt sie mit Ölfarben oder zeichnet Comics, für die sie gar keinen Auftrag hat. „Ich verdiene halb so viel, aber ich lebe doppelt so gut.“

          „Downshifting“ ist in Amerika schon lange in Mode

          Was Lucia gemacht hat, ist in den Vereinigten Staaaten seit den 90er Jahren als „Downshifting“ bekannt: weniger Arbeit für mehr Leben. In amerikanischen Studien gibt fast die Hälfte aller Berufstätigen an, Beförderungen abgelehnt, Arbeitszeit verringert oder Arbeitsziele heruntergeschraubt zu haben. Freiwillig. Und aus verschiedenen Gründen: Drohender Kollaps, zu wenig Zeit für die Kinder oder sich selbst.

          Inzwischen interessiert das „Herunterschalten“ auch deutsche Beschäftige, zeigt die wachsende Anzahl von Downshifting-Kursen. Und die in Medien bekanntgewordenen Beispiele von Spitzenkräften wie etwa Claus Rottenbacher, vormals Chef von New Economy Star Ampere. Er arbeitet nach einem Burn-out als Kinderfotograf. Oder Angie Sebrich, ehemalige Kommunikationschefin des Musiksenders MTV, die in Bayrischzell eine Jugendherberge leitet und ein Drittel ihres alten Gehaltes verdient - zufrieden.

          Zufriedenheit ist es auch, was Arnd Corts Kunden suchen. De
          Downshifting-Coach aus Hagen ist selbst ein Downshifter. Seinen Job als Marketingleiter hat der 48-Jährige mit dem als Trainer getauscht - eine 50-Stunden-Arbeitswoche gegen eine mit 30 Stunden Arbeit und damit Zeit für Familie und Sport. „Ich verdiene dabei auch nur unwesentlich weniger“, sagt Corts.

          Weniger kann mehr sein, das sieht er bei vielen. Denn: Wer gestresst und erschöpft ist, hat seltener gute Ideen und ist weniger belastbar. Corts hilft deshalb bei der Suche nach Prioritäten: Was für ein Leben will ich führen und wie viel Geld muss ich dafür überhaupt verdienen? Wie gut passt mein Job zu meinen Zielen, was lässt sich verändern? „Die Ergebnisse sind sehr individuell.“

          Wenn weniger mehr ist

          Bei weitem nicht alle Downshifter wechselten ihren Job: „Tage, an denen Zuhause gearbeitet wird, eine veränderte Arbeitsaufteilung unter Kollegen oder ein freier Nachmittag können auch ein Herunterschalten bewirken“, sagt Corts. Immer häufiger wenden sich auch Jüngere an ihn, die gerade ins Berufsleben starten. „Sie wollen nicht mehr alles für die Karriere opfern, sondern sie von Anfang an im Einklang mit persönlichen Lebenszielen bringen.“

          Eine Trendwende zu kürzeren Arbeitszeiten? In Statistiken schlägt sich das nicht nieder: Seit der Finanzkrise 2008 sind die Arbeitszeiten der Deutschen sogar wieder gestiegen - auf rund 41 Stunden pro Woche, sagt Thomas Haipeter, Arbeitszeitforscher an der Uni Duisburg. Gleichzeitig sinkt die Arbeitszufriedenheit, Krankenkassen melden einen Anstieg berufsbedingter Krankheiten. Erste Unternehmen experimentierten daher bereits mit anderen Arbeitszeitmodellen, die auf Lebensphasen wie Kindererziehung oder Pflege von Angehörigen ihrer Mitarbeiter Rücksicht nehmen. „Die Norm ist das noch nicht“, sagt Haipeter.

          Designerin Lucia will sowieso erst einmal selbstständig bleiben. „Angestellt zu sein kann ich mir schon noch mal vorstellen, Chefin nie wieder.“

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