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Serie Anders Arbeiten : Und wo bleibt die Diskretion?

Auch wer sich ein Büro teilt, muss Geschäftsgeheimnisse für sich behalten Bild: mauritius images

Anwälte, Steuerberater und Journalisten arbeiten mit vertraulichen Informationen. Darum haben sie im Großraumbüro nichts zu suchen. Oder doch?

          5 Min.

          Modern zu sein ist gar nicht so einfach. Für junge Technologieunternehmen, Architekturbüros oder Werbeagenturen mag die Sache klar sein: Wände raus, bunte Sofas rein, die Kaffeeküche möglichst groß und zentral. Auch traditionsreiche Konzerne machen da mit: Egal ob Pharma oder Auto – die Unternehmenskultur muss sich wandeln, und das zeigt sich am ehesten im Interieur. Aber was tun all jene Berufsgruppen, die sich neben aller modernen Kommunikation noch auf einen ganz anderen Grundpfeiler stützen müssen: auf die Verschwiegenheit? Rechtsanwälte, Unternehmensberater und Steuerberater gehören dazu, aber auch Journalisten.

          Corinna Budras

          Redakteurin in der Wirtschaft und für Frankfurter Allgemeine Einspruch.

          Wie intensiv dieses Thema diskutiert wird, lässt sich gerade bei den Großkanzleien beobachten. Dort gibt es einige, bei denen schon gehämmert und gebohrt wird – mindestens gedanklich. Die amerikanische Wirtschaftskanzlei Latham & Watkins hat die Diskussion mit einem außerordentlichen Wagemut befeuert. Seit Anfang Januar sitzen im Frankfurter Büro unweit der Alten Oper vor allem die jungen Anwälte Seite an Seite in einem nagelneuen Großraumbüro, auch die Referendare und Sekretärinnen sind dort untergebracht. In Teams sind sie gruppiert, jedermann in Sicht- und Hörweite. Sie sind nur durch schalldämpfende halbhohe Wände voneinander getrennt.

          Gläsernes Büro ist Pflicht

          Die Partner haben zwar noch ihre eigenen Büros, aber die sind vollständig gläsern, damit jeder sieht, was dort vor sich geht: Für alle sichtbar wälzen sie ihre Akten, telefonieren und verfassen Schriftsätze. Der Umzug ist noch nicht ganz vollendet. Noch sitzen viele Anwälte wie gewohnt in ihren eigenen Büros, aber schon bald zieht der nächste Schwung um. In zwei Wochen wird die zweite Phase abgeschlossen sein, es werden weitere Etagen inklusive der Working Lounge bezogen, heißt es aus der Sozietät. Die restlichen Räumlichkeiten sind im Laufe des Jahres fertig.

          Die Veränderungen sind radikaler als alles, was es in der sehr traditionell geprägten deutschen Kanzleibranche gab, die bisher sehr viel Wert auf ihre schönen Einzelbüros legte, selbstverständlich mit ordentlichen Wänden aus Beton und einer gut verschließbaren Tür. Die amerikanischen Kanzleien tickten da schon immer etwas anderes, dort sind Großraumbüros insbesondere für die jüngeren Associates oder die Zeitarbeiter gar nicht so ungewöhnlich, durchaus auch fern des Tageslichts. An ein Fenster muss man sich dort erst mühsam heranarbeiten, das kann schon mal ein paar Jahre dauern. Im deutschen Arbeitsschutzrecht ist das ganz anders. Da ist das Tageslicht garantiert, auch für die Praktikanten.

          Dezente Bürokultur in London

          Die Briten legen ebenfalls Wert auf Vergemeinschaftung, allerdings wesentlich dezenter. In London sitzen viele Anwälte zumindest zu zweit in einem Büro. Den Sprung in die deutsche Bürokultur hat diese Gruppenarbeit nie geschafft. Bis jetzt. Das hat neben all den Vorbehalten einer traditionsbewussten Branche auch harte berufsrechtliche Gründe: Anwälte und Steuerberater sind zur Verschwiegenheit verpflichtet und dürfen keine Interessenkonflikte eingehen. Beides ist mit gläsernen Wänden nur schwer zu erreichen, jedenfalls nicht ohne einen erheblichen Mehraufwand als in anderen Berufen. Auch Journalisten müssen ihre Quellen schützen, schon aus reinem Eigeninteresse. Einem Redakteur, der Informationen bedenkenlos preisgibt, ist nicht zu vertrauen.

          In den Anwaltsbüros der einschlägigen Fernsehformate mögen sich die Akten stapeln, in der Realität bekommt jeder Ärger, der vertrauliche Informationen offen auf dem Tisch liegen lässt. Das wird auch heute schon mit Argusaugen bewacht. Da kommt in den Sozietäten die Compliance-Abteilung schon einmal zur Stichprobe vorbei und überprüft die Schreibtische auf den Grad der Diskretion. Das Mindeste sind also abschließbare Schränke – die auch genutzt werden.

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