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Digitalisierung : Geht uns mal wieder die Arbeit aus?

Auch das Arbeitsministerium widerstand der Versuchung, die digitale Zukunft schwarzzumalen. In einem dickleibigen Papier zum Thema malte es Chancen und Risiken der neuen Flexibilität für Arbeitnehmer ziemlich gleichgewichtig aus, von massenhaftem Jobverlust war nicht die Rede. Mehr Qualifizierung allerdings sei nötig: „Wir müssen vermeiden, dass wir in Zukunft Fachkräftemangel und Arbeitslosigkeit zugleich haben.“

Arbeit könnte sogar teurer werden

Wenn es stimmt, dass die Digitalisierung die Nachfrage nach Arbeitskräften sogar steigert, macht das die Frage umso dringender: Wie passt das mit dem Angebot zusammen, das durch den demographischen Wandel sogar schrumpft?

Der Hamburger Ökonom Thomas Straubhaar widerspricht der Theorie vom drohenden Fachkräftemangel am entschiedensten. Schließlich sei der Arbeitsmarkt ein Markt, sagt er. Das heißt: Wenn das Angebot schrumpft und die Nachfrage steigt, verändern sich die Preise. Arbeit wird teurer. Leute, für die sich ein Vollzeitjob bislang nicht lohnte, nehmen ihn dann vielleicht an – Frauen zum Beispiel, Ältere oder Arbeitskräfte aus dem Ausland.

Auf der anderen Seite wird für die Firmen die Automatisierung von Prozessen dann rentabler, womöglich übt der Engpass auf dem Arbeitsmarkt einen heilsamen Druck aus, sich auf die Digitalisierung wirklich einzulassen. Eine Effizienzsteigerung um 0,5 bis 0,8 Prozent genügt nach Straubhaars Berechnungen, um den Mangel an Arbeitskräften zu beheben. In der Altenpflege könnte es mehr Nachbarschaftshilfe geben, ambulante Dienste oder Genossenschaftsmodelle, wenn das Heim zu teuer wird. Angebot und Nachfrage gleichen sich, vielleicht nach gewissen Übergangsproblemen, am Ende wieder aus.

Wenn das stimmt, werden die Zeiten für die Beschäftigten nicht schlechter, sondern eher besser. Sie können nicht nur über mehr Geld verhandeln, sondern auch um Kita-Plätze, Fortbildung, flexiblere Arbeitszeiten. Selbst für den Fall, dass sie ihre neue Macht für eine weitere Verringerung der Arbeitszeit nutzen, sieht Straubhaar nicht schwarz: Hauptsache, sie sind in der verbleibenden Zeit umso motivierter. In Schweden läuft gerade eine Modellversuch, ob ein Sechsstundentag womöglich produktiver ist als der herkömmliche Rhythmus mit zwei Stunden mehr und viel Leerlauf zwischendrin.

Wenig spricht für Massenarbeitslosigkeit

Häufig ist das Problem schlicht die regionale Verteilung. Im Süden sind die Fachkräfte schon jetzt knapper als im Norden der Republik, im ländlichen Raum fehlen sie eher als in Ballungsräumen, sagt Hilmar Schneider, Chef des Bonner Forschungsinstituts zur Zukunft der Arbeit (IZA). Es fehlt in kleineren Orten oft an der nötigen Infrastruktur, an Kinderbetreuung oder Freizeitmöglichkeiten. Aber wer weiß: Vielleicht macht der Drang in die Großstädte das Leben dort irgendwann so teuer, dass eine Gegenbewegung einsetzt. Auch das wäre eine Marktreaktion.

Auch Schneider argumentiert mit einem Blick in die Vergangenheit: Niemand hätte die Internetrevolution vorausgesagt, als sie vor 20 Jahren begann. Es gab, nach heutigem Sprachgebrauch, keine „Fachkräfte“, die auf die neuen Aufgaben vorbereitet waren. Geklappt hat es trotzdem. „Wir haben den Umbruch mit den Menschen bewältigt, die da waren“, sagt der Forscher.

Trotz aller Alarmrufe bleiben die Aussichten für den deutschen Arbeitsmarkt also gut. Aus Sicht vieler Forscher spricht wenig dafür, dass der digitale Wandel eine neue Massenarbeitslosigkeit bewirkt. Und genauso wenig dafür, dass ein Mangel an Fachkräften die deutsche Wirtschaft zum Einsturz bringt.

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