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Digitalisierung : Geht uns mal wieder die Arbeit aus?

Auch hierzulande gibt es Anhänger der These. Der Frankfurter Ökonom Bertram Schefold teilt zwar nicht die konkreten Zahlen, auch hält er Geringqualifizierte für gefährdeter als die Mittelschicht. Aber der Richtung der Prognose stimmt er zu: Die Digitalisierung wird mehr Jobs vernichten, als sie neu hervorbringt. „Anders als früher entstehen heute Technologien, die keine neuen Produkte schaffen, sondern alte ersetzen“, sagt er. Frühere Innovationen wie die Erfindung des Autos hätten enorme Sekundäreffekte ausgelöst: Es mussten Straßen gebaut werden, Parkhäuser oder Tankstellen, Autofabriken entstanden, und Automechaniker hatten ihr Auskommen. Das sei beim Smartphone nicht der Fall. Es mache eine Vielzahl überkommener Geräte überflüssig, vom Fotoapparat bis zur Taschenlampe. Ersatzlos.

Die Folge, so Schefold, sei nicht nur ein Rückgang der Arbeitsplätze, sondern in der Folge auch ein wachsender Druck auf die Löhne. Anders als früher führten geringere Arbeitskosten trotzdem nicht dazu, dass die Firmen neue Jobs schaffen: Wer seine Fabrik einmal automatisiert hat, wird die Maschinen nicht einfach ausmustern, bloß weil menschliche Arbeitskraft zwischenzeitlich billiger geworden ist. Arbeitslosigkeit kann der Staat in dieser Logik nur vermeiden, wenn er ineffiziente Techniken mit Subventionen künstlich am Leben erhalte, glaubt der Ökonom.

Neue Berufsfelder, an die noch niemand denkt

Das ist eine Extremposition. Viele Experten sind optimistischer. „Wegen der Digitalisierung bekommen wir bis zum Jahr 2030 sicher keine Massenarbeitslosigkeit“, sagt der Unternehmensberater Rainer Strack, Seniorpartner bei der Boston Consulting Group. Von der Abschaffung der Arbeit kann demnach keine Rede sein: Durch die Digitalisierung eröffnen sich in den nächsten zehn Jahren sogar viele neue Berufsfelder, an die bislang noch niemand denkt. „Aus Sicht des Arbeitnehmers sehen wir die nähere Zukunft positiv, solange er oder sie bereit ist, sich zu qualifizieren.“

Die Horrorprognose aus Oxford hält Berater Strack für wenig plausibel. „Keiner kann heute vorhersagen, wie schnell Technologie und künstliche Intelligenz die Wirtschaft verändern werden“, sagt Strack, ein ausgebildeter Physiker mit viel Verständnis für die technischen Prozesse. Die britischen Forscher geben zum Beispiel gar nicht an, in welchem Zeitraum sich der Jobverlust vollziehen soll. Das ist aber eine entscheidende Frage: Was innerhalb von zehn Jahren eine Katastrophe wäre, lässt sich in der vierfachen Zeit womöglich mühelos verkraften.

Statt zu spekulieren, schaut Strack lieber auf Zahlen, die verlässlich sind. Während der vergangenen zehn Jahre war die Digitalisierung schon in vollem Gange. In dieser Zeit wuchs die Produktivität trotzdem nur um 0,6 Prozent im Jahr, während die Wirtschaftsleistung mit der doppelten Rate stieg: um 1,3 Prozent. Das heißt: Der technologische Wandel hat die Wirtschaft angekurbelt und auf diese Weise mehr Jobs geschaffen, als er in derselben Zeit durch höhere Effizienz vernichtete. Erst wenn die Produktivität das Wirtschaftswachstum überholt, würde es für die Jobs gefährlich.

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