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Digitalisierte Arbeitswelt : Die etwas andere Autofabrik

Drucksache Auto: Der ’Rally Fighter’ von Local Motors kommt zumindest auf dem Heimatmarkt Amerika gut an. Bild: Local Motors

Detroit war gestern: Local Motors baut in Berlin Autos mit Hilfe von 3D-Druckern. Das Design machen mehr als 50.000 freie Entwickler. Wie arbeitet es sich in der Autofabrik von morgen?

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          Schon mit der Wahl seines Standortes in Europa sorgte Local Motors für einen Paukenschlag. Während die Wiege der deutschen Konkurrenz in Baden-Württemberg oder Bayern zu finden ist, haben sich die Manager des amerikanischen Autoherstellers im Berliner Stadtteil Kreuzberg einquartiert. Bis sich die Bundeshauptstadt in einer internen Auslese durchsetzte, musste Statthalter Damien Declercq allerdings kämpfen.

          Ulrich Friese

          Redakteur in der Wirtschaft.

          „Auch London war ein heißer Favorit“, berichtet er. Die deutsche Option machte schließlich das Rennen, weil es in diesem Land die besten Ingenieure gibt. Und für Berlin gaben Kostengründe und die gute Infrastruktur den letzten Ausschlag. Die Hauptstadt gilt längst nicht nur bei jungen Akademikern als cool, lebenswert und erschwinglich. Sie hat auch im europäischen Maßstab ihren Ruf als „Hauptstadt der Existenzgründer“ gefestigt, wie unlängst eine Studie des Bonner Instituts für Mittelstandsforschung bestätigte.

          Der Umstand, dass Berlin nach Jahrzehnten der Teilung nicht gerade der Nabel der industriellen Wertschöpfung ist, stört Declercq und seine Mitstreiter in Berlin herzlich wenig. Schließlich tritt das 2007 in Phoenix gegründete Unternehmen mit dem Anspruch an, die Arbeitsmethoden in der Autoindustrie umzukrempeln: Das gilt für die Fahrzeuge selbst und vor allem für die Art, wie sie entwickelt und konstruiert werden.

          Autos aus dem 3D-Drucker

          Statt Millionen in teure Werkzeuge oder aufwendige Fertigungsstraßen zu stecken, stellt Local Motors seine Vehikel oder zentrale Komponenten mit 3D-Druckern, jeweils in der Größe eines Schiffscontainers, her. Solche Geräte haben in einer „Mikrofabrik“ auf einer Fläche von rund 4000 Quadratmetern Platz und werden über eine eigene Software mit den Details zur Konstruktion gefüttert. Um Kosten zu sparen, werden auch Teile und Komponenten anderer Hersteller verwendet. Je nach Vorgabe des Herstellers und Bedarf des Kunden lassen sich dann Geländewagen, Stadtautos mit Elektroantrieb oder sogar Limousinen in kleiner Serie anfertigen. Drei von solchen Mikrofabriken gibt es in Nordamerika bereits. Binnen zehn Jahren sollen es insgesamt hundert auf der Welt werden. Die erste in Europa wird wohl auch in Berlin errichtet, deutet Declercq an.

          „Die Welt braucht keine weiteren Detroits.“ Mit dieser Kampfansage an den Branchenriesen General Motors hatte Firmengründer Jay Rogers in der Branche für Aufsehen gesorgt. Von den Massenanbietern setzt sich Local Motors nicht nur mit seinen Nischenprodukten, sondern auch mit neuen Arbeitsmethoden ab, um zu sparen und die Zeit für die Entwicklung zu verkürzen. Je nach Umfang des Auftrags oder Zahl der Projekte kommen daher vor allem Crowdworker zum Einsatz - kreative Köpfe, die ihre Arbeitsleistung auf Honorarbasis und über Internetplattformen erbringen. Nach Angaben von Local Motors steht bei der Form der Zusammenarbeit weniger der kommerzielle Aspekt, sondern vor allem der „Spass an der Freude“ im Mittelpunkt.

          Während Local Motors in seiner Heimat 110 und in Berlin bislang eine Handvoll Mitarbeiter beschäftigt, haben beide Standorte Zugriff auf mehr als 50.000 freiwilligen Entwickler in der Welt. Ein ganzes Heer versierter Spezialisten, über das auch andere Autohersteller verfügen, aber mit Arbeitsverträgen exklusiv an sich gebunden haben. „Unsere Entwickler registrieren sich mit ihrer Qualifikation bei uns und steigen dann je nach Neigung und Bedarf regelmäßig bei unseren Design-Wettbewerben ein“, beschreibt Declercqs Kollege Florian Feise die lockere Kooperation, die dem globalen Trend einer digitalisierten Arbeitswelt entspricht. Nicht von ungefähr werden die freiwilligen Helfer bei Local Motors nüchtern „Mit-Entwickler“ genannt.

          Die Design-Ausschreibung gibt's im Internet

          Der typische Arbeitsprozess zwischen den Managern und den externen Kreativen startet mit einer Design-Ausschreibung im Internet, bei der sich die Ingenieure in der Zentrale auf generelle Vorgaben zu Antrieb, Sitzkonfiguration, Kundenprofil oder Verkaufsregion beschränken. Dann ist Begeisterung und Schnelligkeit im globalen Netzwerk gefragt, in dem Designer aus Osteuropa und Asien relativ stark vertreten sind. Sie reichen ihre Vorschläge ein, die eine Fachjury bewertet.

          Der erste Erfolg dieses internationalen Netzwerks ist ein protzig wirkender Geländewagen, in dem neben selbstproduzierten Karosserie und Rahmen ein 436 PS starker Motor eines Chevrolet Corvette sowie die Rücklichter eines Honda Accord verbaut wurden. Der „Rally Fighter“, für den sich amerikanische Autofans begeistern konnten und dafür mehr als 90.000 Dollar springen ließen, spielte schon mit einem Verkauf von 82 Exemplaren seine Kosten ein, sagt Declercq stolz.

          Für die Ko-Entwickler zahlt sich allerdings nicht jedes Engagement aus. Denn nur jene Designer, deren Ideen von der Fachjury prämiert werden, erhalten eine Vergütung. Dabei bleibt der Gewinner des Wettbewerbs, je nach Format und Umsetzung seiner Idee, der Inhaber des geistigen Eigentums, versichert Feise. Bei deutschen Juristen und Gewerkschaftern ist die Skepsis dennoch groß. „Das ist eine Bezahlung wie bei einem Preisausschreiben“, kritisiert Wolfgang Däubler, langjähriger Professor für Arbeitsrecht, „alle anderen Teilnehmer gehen leer aus und bekommen ihren Aufwand nicht erstattet.“ Er plädiert für mehr rechtlichen Schutz, gerade auf internationaler Ebene.

          Den Geschmack von europäischen Autokunden wird Local Motors mit Exoten wie dem „Rally Fighter“ zudem kaum treffen. Darüber ist man sich in Berlin durchaus im Klaren. „Wir wollen umweltfreundliche Fahrzeuge bauen und uns zum Anbieter von Mobilitätskonzepten entwickeln“, sagt Feise. Den Anfang in Deutschland will Local Motors mit einem selbst fahrenden Minibus machen. Das neue Vehikel mit dem Namen Berlino ist für den öffentlichen Nahverkehr in Berlin gedacht und soll über eine Smartphone-App buchbar sein.

          Mehr zum Thema Digitalisierung der Arbeitswelt: http://faz.net/smartearbeit

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