https://www.faz.net/-gyl-8z3c8

Digitale Bohème : Sie nennen es immer noch Arbeit

  • -Aktualisiert am

Home Office hin, Sabbatical her – im Herzen der Idee einer „digitalen Bohème“ steht die Selbstbestimmung. Auch Angestellte sehnen sich häufig danach. Aber an entscheidender Stelle seien sie eingeschränkt, glaubt der Siegener Forscher Niehaves: „Viele Unternehmen machen sich die Tendenz zur freien Wahl von Zeit, Ort, Technologie zunutze – allerdings lassen sie den Arbeitnehmern oft weniger Mitspracherecht beim Inhalt.“ Wer aber am frühen Nachmittag im Café am Laptop sitzt, Jazz auf den Ohren hat und die Order vom Chef abarbeitet, dem fehlt letztlich das entscheidende Element, das die digitale Bohème versprach: Autonomie. Wer die Mechanismen kritisch hinterfragt, kann zumindest vermuten, dass Arbeitgeber heute oft mehr Selbstbestimmung suggerieren, um Produktivität zu steigern und Individualität der Mitarbeiter betonen, um den Leistungswettbewerb unter den Angestellten zu erhöhen. Flexiblere Arbeit bedeutet nicht zwangsläufig mehr Autonomie, führt nicht automatisch zu mehr Spielraum, mehr Sinn in der Arbeit. Psychologe Glaser mahnt: „Aus der vielgeschätzten Autonomie kann eine Überforderung werden, wenn sie darauf hinausläuft, dass die Marktmechanismen ungefiltert durchschlagen, und wenn Mitarbeiter nicht gelernt haben, Arbeit selbst zu organisieren.“ Ein behutsamer Aufbau von Autonomie ist angebracht – denn viele Angestellte wollen gar nicht wie Freie arbeiten.

Holm Friebe sieht es kategorisch: „Es mag sein, dass es oft flachere Hierarchien gibt, aber es sind immer noch Hierarchien.“ Gehört das Unternehmen jemandem, dann gibt es für Angestellte nur scheinbar Autonomie, argumentiert er. Daran ändere sich auch mit neuen Zeitmodellen oder Projektmanagementtools nichts. Und so bleibt er dabei, dass das Buch, das er vor elf Jahren mit Sascha Lobo schrieb, aktueller sei denn je. Auch wenn es gerade eine Gegenbewegung vieler Beschäftigungen gebe. „Das sind die letzten Zuckungen des Ancien Régime“, sagt Friebe. Er wirft den Blick zurück in die Antike, um die Zukunft unserer Arbeit zu beschreiben, zum griechischen Begriff Oikos, der Wurzel des Worts Ökonomie. Friebe erinnert an die Hauswirtschaft, wie sie im antiken Griechenland als Modell galt. „Ich könnte mir vorstellen, dass Menschen mit digitaler Arbeit wieder ähnlich wirtschaften wie in der griechischen Antike, als sie hinter dem Haus Landwirtschaft betrieben und aus dem Fenster Marmelade verkauften.“ Was man dann Arbeit nennt, sagt Friebe, werde „bunter und wieder zum Wesen der Menschen“ gehören.

Weitere Themen

Topmeldungen

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.