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Digital-Health-Fachkräfte : Halbgötter am Computer

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Kurze digitale Wege: Ein Arzt spricht mit einem Patienten über eine Röntgenaufnahme, die er auf dem Tablet zeigt. Bild: Getty

Krankenhäuser wollen immer mehr Digitalfachleute haben. Sie müssen etwas von IT verstehen – und davon, wie eine Klinik tickt.

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          Als Julian Hugo während seines Medizinstudiums für ein Praktikum in Schottland war, merkte er wieder einmal, wie umständlich die Abläufe in Kliniken sind. Wer in dem schottischen Krankenhaus eine Untersuchung per Computertomographen anmelden wollte, musste zunächst auf der Station handschriftlich ein Formular ausfüllen. Anschließend liefen Praktikanten wie er zum Radiologen in den Keller und brachten ihm die Anmeldung. Langsame analoge Wege statt schneller digitaler – das erlebte Julian Hugo auch bei anderen Praxisstationen in der Schweiz, in Spanien, Peru und Deutschland. Ihm wurde immer klarer: „Das Potential zur Digitalisierung in der Medizin ist riesig.“

          Für Informatik hatte sich Hugo schon seit der Schulzeit interessiert. Nach seinem Medizinstudium absolviert er nun das „Digital Health“-Masterprogramm am Hasso-Plattner-Institut in Potsdam – und gehört damit zu einer Gruppe von zukünftigen Fachkräften, die sehr begehrt sind. „Die Nachfrage nach Expertinnen und Experten, die an der Schnittstelle zwischen Gesundheit und Digitalem arbeiten, hat sich bei uns in den vergangenen Jahren verdreifacht“, sagt Hannes Sommer, Geschäftsführer der Personalberatung Sinceritas. Neben Kliniken und Start-ups suchten auch Pharma- und Medizintechnikfirmen, Beratungen und Hersteller von Kliniksoftware händeringend nach Personal.

          Ein zentraler Treiber für die wachsende Nachfrage nach Digital-Health-Fachleuten in Deutschland ist das Krankenhauszukunftsgesetz. Der Bund stellt damit 3 Milliarden Euro für die Digitalisierung von Kliniken bereit, die Länder schießen 1,3 Milliarden Euro hinzu. Sie fördern damit unter anderem Investitionen in Notfallkapazitäten und eine bessere digitale Infrastruktur sowie Projekte zur IT-Sicherheit. „Das führt zu einer riesigen Nachfrage nach Spezialisten, die die digitale Transformation in Krankenhäusern vorantreiben“, sagt Georgi Chaltikyan, Leiter des Masterprogramms „Digital Health“ an der Technischen Hochschule Deggendorf. Auch die sogenannten digitalen Gesundheitsanwendungen werden seiner Ansicht nach Bewegung in die Digitalisierung des Gesundheitswesens bringen. Seit Ende 2019 können Ärzte „Apps auf Rezept“ verschreiben. „Auch das wird eine massive Nachfrage nach Spezialisten auslösen“, sagt Chaltikyan. Wie hoch sie genau ist, lässt sich schwer schätzen. Chaltikyan blickt für seine Prognose nach Großbritannien. Laut der gemeinnützigen Organisation HIMSS (Healthcare Information Management Systems Society) werden dort in den kommenden drei bis vier Jahren etwa 30.000 Digital-Health-Spezialisten gebraucht. „Wenn man das übertragt, wären das in Deutschland fast 40.000“, sagt der Professor.

          Mehr und komplexere IT-Systeme

          Die große Nachfrage trifft auf großen Fachkräftemangel. „Derzeit dürften 20 bis 30 Prozent der IT-Stellen in Krankenhäusern, die man für eine gute Versorgung bräuchte, unbesetzt sein“, sagt Jürgen Flemming, Vorstandsmitglied beim Bundesverband der Krankenhaus-IT-Leiterinnen/Leiter. Durch das Krankenhauszukunftsgesetz werde dieser Wert weiter steigen, ist er sich sicher. Der Grund: Es wird künftig mehr und komplexere IT-Systeme in Krankenhäusern geben. Und diese Systeme müssen zum Teil jeden Tag rund um die Uhr betreut werden.

          Schon heute verzögern sich IT-Projekte wegen des Fachkräftemangels häufig, sagt Flemming. „Wenn ein Krankenhaus ein Digitalisierungsprojekt beauftragt hat, muss es danach unter Umständen sechs bis neun Monate warten, bis es starten kann.“ Unterm Strich wird klar: Krankenhäusern in Deutschland mangelt es nicht nur an Pflegekräften, sondern auch an Digitalisierungsexperten.

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